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Von Funden und Schwellen: Die Reklame

Am 2. März 2007 nistete sich in meinem Kopf eine nicht sonderlich kreative Idee ein. Ich weiß das so genau, weil ich die e-Mail noch habe, in der mir die ULB Bonn mitteilte, dass die Mikrofilme des „Völkischen Beobachter“ nun für mich bereitstünden, einsehbar in den Containern auf der Wiese vor dem zur Baustelle gewordenen Bibliotheksgebäude. Bestellt hatte ich die Nazi-Zeitung, um ein paar Zitate für meine Hausarbeit zum Karthago-Bild im Dritten Reich zu verifizieren, weil ich endlich mal die sagenumwobenen Mikrofilme ausprobieren wollte und weil mich die Möglichkeit reizte, mir diese Zeitung mal anzusehen. Und weil Mikrofilmapparate in Sachen Usability nicht unbedingt ganz weit vorne zu finden sind, schaffte ich es gleich im ersten Versuch nicht, mehr als das untere Drittel der Seite anzusehen.

Dort fand sich Werbung für eine Zigarettenmarke. Ich weiß nicht mehr, um welche es ging, aber der Claim lautete (sinngemäß) „Unsere Helden an der Front rauchen nur…“. Der Gedanke, mit Krieg Werbung für Tabak zu machen, schien mir merkwürdigerweise gleichzeitig absurd und logisch. Ich hätte gerne einen Scan angefertigt, das hätte allerdings einen unterschriebenen Antrag an die Fotostelle (in der ich später selbst arbeiten sollte) mit Kostennote erfordert. 2007! Es war eine andere Zeit.

Seitdem hat mich in Zeitungsquellen die Werbung fasziniert, oft mehr als das, wonach ich eigentlich guckte. Wenn möglich (selten), habe ich Anzeigen, die mir ins Auge fielen, als Scans mitgenommen – so wie nebenstehende Anzeige aus der Rhein-Neckar-Zeitung von 1955. An diesem Beispiel kann man sehen, was mich an Werbung so fasziniert: Sie ist, wenn man nach der herkömmlichen geschichtswissenschaftlichen Unterteilung von Quellen geht, die beste Form des „Überrestes“. Im Gegensatz zur „Tradition“ hat die Werbung nie die Absicht, eine Überlieferung für die Gesellschaft der Zukunft zu sein. Sie soll im (mittelfristig verstandenen) Jetzt Umsatz bringen, Marken prominenter machen, positive Eindrücke vermitteln. Weil Werbung, gerade in Tageszeitungen, so sehr auf die Gegenwart fixiert ist, muss sie sich auch keine Gedanken darüber machen, irgendwie zeitlos zu sein. Dafür muss sie leicht verständlich sein und Aufmerksamkeit schaffen. Wir haben es also (meistens) mit von Menschen mit hohem Fachverstand gestalteten Überbleibseln eines ganz konkreten Momentes der Vergangenheit zu tun, der so oft nur genau in diesem Moment und an diesem Ort funktioniert. Die links gezeigte Anzeige hätte zehn, zwanzig Jahre vorher in Deutschland natürlich nicht erscheinen können, weil Amerika überhaupt nicht so ein positiver Sehnsuchtsort war wie Mitte der 1950er Jahre. Die Abbildung des Empire State Building hätte schon Ende der 60er, aber spätestens in den 70er Jahren nicht mehr als Werbemittel gedient, weil die Fortschrittsbegeisterung erste Dellen bekam. Die rechte Annonce von 1942 hat einen Eindruckswandel um 180 Grad durchgemacht – wo große, rauchende Schornsteine zur Veröffentlichung noch als Zeichen einer prosperierenden, modernen Industrie galten, wurden sie später zum Symbol von Umweltverschmutzung, Ressourcenverbrauch und Zerstörung unserer Lebensgrundlage.  Solche Gedanken kann man sich zu fast jeder Annonce, Anzeige und Reklame machen.

Zur Faszination hinzu kommen Annoncen, die den unglamourösen Beginn einer Markenkarriere markieren: Die zweizeilige Kleinanzeige aus der New York Times von 1851, in der ein gewisser Isaac Singer in seine Wohnung einlud, um die von ihm entwickelte Nähmaschine zu betrachten, ist mir leider abhanden gekommen. Der 1873 patentierte Stacheldraht hingegen war eine auch hier zu sehende Sensation:

Seit März 2007 trage ich mich mit der Idee, irgendetwas aus dieser Werbung zu machen, habe es aber immer wieder verschoben – weder fand ich das richtige Format noch die Zeit. Aber die Idee war da, und im März 2018 fand ich mit Charlotte und Michael gleich zwei Menschen, die diese Idee auch gut fanden. Und weil uns alle eint, dass wir wenig Zeit haben, haben wir versucht, ein niedrigschwelliges Projekt daraus zu machen: Die Reklame.

Das heißt, wir bewegen uns aufs Glatteis der Public History und arbeiten ausnahmsweise mal ohne den großen Fußnoten- und Erläuterungsapparat. Mehrmals täglich, nicht so 100% regelmäßig, posten wir Werbefundstücke mit Angabe des Mediums und der Ausgabe auf Twitter und Facebook, später eventuell auch noch auf anderen Kanälen. Das Ganze ist auch für uns ein Experiment, ob wir, wenn wir die Schwelle des Arbeitsaufwandes von Anfang an klar eingrenzen, auch solche Dinge nebenbei schaffen können. Dass wir nicht grundsätzlich Begleitinformationen anbieten, heißt dabei natürlich nicht, dass wir das nie tun würden: In Zukunft werden zum Beispiel Anzeigen erscheinen, die aus NS-Zeitungen stammen und der Einordnung ganz dringend bedürfen. Und wer Fragen hat, darf die uns natürlich auch jederzeit und über alle Kanäle stellen. Wer uns mit Digitalisaten von Zeitungen und Zeitschriften gesetzteren Alters versorgen möchte, sei dazu ebenfalls herzlich eingeladen. Wir sind fürs Erste gespannt.

Achja: Unser Profilbild ziert übrigens dieser freundliche Mensch, der einen für heutige Geschmäcker eher ungesunden Getränkekonsum empfiehlt:

2 Kommentare zu “Von Funden und Schwellen: Die Reklame

  1. Pingback: Reklame – Ein wunderbares Projekt - Pyrolirium

  2. Spannende Sache, das „Die Reklame“-Projekt. Sowas hat tatsächlich Potential und kann Perspektiven eröffnen.

    Aber eins muss ich schon sagen. Ich bin jetzt weder Experte für Farmzubehör noch für das Jahr 1873 aber der Stacheldraht als „Greatest invention of the age“? Echt jetzt? Na da sage nochmal einer, die Boulevardpresse kam erst später auf.

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