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Der kleine historische Jahresrückblick: 2017 (2)

Weder Sieferle noch Saltzwedel, aber sicher gab auch Treitschke gerne ein „Votum gegen einen Zeitgeist“ ab.

Zu Teil 1 des Jahresrückblicks

Bleiben wir auch im neuen Beitrag und im neuen Jahr beim Thema „Kritik“: Die zog die NDR-Sachbuchempfehlungsreihe auf sich, weil dort plötzlich das Büchlein „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle wiederfand – gewählt, durch eine Lücke im System, durch einen einzigen Juror, den Literaturredakteur des Spiegel Johannes Saltzwedel. Dieser trat daraufhin aus der Jury zurück, nicht ohne hinterherzuschicken, er habe ein „Votum gegen einen Zeitgeist“ abgegeben. Richtig lustig fand das bis auf den neurechten Verlag in dem das Buch erschien niemand, Konsequenzen wurden außer einer Regeländerung nicht gezogen. Und so beschäftigt der Spiegel weiterhin jemanden, der offenen, traditionellen, in seinen Grundgedanken vor fast hundert Jahren in den Holocaust führenden Antisemitismus (und das ist „Finis Germania“ im Kern) für bedenkenswerte Literatur hält.


Das Lippische Landesmuseum in Detmold, in dessen malerischen Mauern ein totes Kind ausgestellt wird

Bedenkliches kann man wohl auch dort vermuten, wo  auch im Jahr 2017 der Themenkomplex „Human Remains“ noch nicht ethisch verantwortungsvoll aufgegriffen worden ist. So sorgte die vollkommen distanzlose Ausstellung von Mumienteilen – genauer: Körperteilen von seit geraumer Zeit verstorbenen Menschen, die keine Einwilligung dazu geben konnten – im (nagelneuen) Firmenmuseum von Merck in Darmstadt für größeres Entsetzen bei den BesucherInnen im Rahmenprogramm des (wie immer wundervollen) histocamps. So wenig wie es bei Merck ankam, das man auch mit sehr alten Leichenteilen womöglich würdevoll umzugehen hätte, so wenig merkte es ohne öffentlichen Schubser auch das Deutsche Ärzteblatt, das einen Artikel zur endlich kommenden Aufarbeitung der medizinhistorischen Sammlung Hamburg mit einem unzusammenhängenden Bild versah, auf dem vier Wissenschaftler freudestrahlend um ein im Alter von acht bis zehn Monaten gestorbenes Kind stehen. Noch fassungsloser machte das Dorotheum Wien, das Schrumpf- und Totenköpfe aus Afrika und Südasien versteigern wollte und dank der österreichischen Grünen und eines veritablen Shitstorms eine Stunde vor der Auktion merkte, dass das aus einer grandiosen Vielfalt von Ideen womöglich nicht die allerbeste Idee sein könnte.


Loki Schmidt trägt hier keine Uniform | Engelbert Reineke, Bundesarchiv B 145 Bild-F051143-0016, Bonn, Bundeskanzlerfest, CC BY-SA 3.0 DE

Nicht die allerbesten Ideen hatten 2017 sehr viele Menschen, die sich beruflich mit der Bundeswehr beschäftigen. Da wäre der weiterhin rätselhafte Fall von Franco A., dem Offizier, der nach sehr vorläufigen Erkenntnissen als vorgetäuschter Flüchtling Terrorakte begehen und damit Fremdenfeindlichkeit fördern wollte (?!?), und der Offizier werden durfte, obwohl seine erste Masterarbeit von der „Ausnutzung der USA durch die jüdische Diaspora“ sprach. Dann kam heraus, was ohnehin schon alle wussten, die BerufssoldatInnen im Bekanntenkreis haben, nämlich dass man dort eben doch eine direkte, sich „unpolitisch“ gebende Traditionslinie zur Wehrmacht zieht und auch mal eine Reichskriegsflagge im Keller hängen hat, weil die so schön aussieht. Natürlich. Und weil Ursula von der Leyen ins Verteidigungsministerium geschickt wurde um dort ihren Ruf als alleskönnende Merkel-Nachfolgerin zu festigen, versuchte sie, aus der Bundeswehr eine Armee zu machen, die zwar zum Töten da ist, aber das Töten ganz schlimm findet und vor allem wenn es die gemacht haben, die die Bundeswehr gegründet und geprägt haben, nämlich Wehrmacht-Veteranen. Und weil das kaum gut gehen konnte in einer Melange aus vorauseilendem Gehorsam und zynischer Totalverweigerung hing irgendwann auch das Foto von Helmut Schmidt als Wehrmachtoffizier nicht mehr in der Helmut-Schmidt-Universität, obwohl das im Verteidigungsministerium niemand angeordnet hatte, und dann diskutierten alle über alles und niemand wirklich darüber, was Helmut Schmidt wohl als Offizier in der Wehrmacht so getan und gedacht hatte – ganz so, als ob Schmidt kein guter Bundeskanzler gewesen sein könnte, weil er im Krieg womöglich Schuld auf sich geladen hatte – und selbst wenn, als ob es wichtiger wäre das einmal in Nikotin balsamierte Abbild des Überlebensexkanzlers Schmidt zu erhalten als nochmal kritisch nachzufragen.


Überhaupt, kritisches Nachfragen. Kritisch nachgefragt wurde bezüglich des Berliner Osteuropa-Historikers Jörg Baberowski hauptsächlich bei seinen Gegenpolen, linken Studierenden in (hauptsächlich) Berlin und Bremen, die ihn einen Rechtsradikalen und ähnliches nannten. Dagegen hatte Baberowski geklagt und verloren, woraufhin in der Zeit ein sich ausgewogen gebendes, aber sehr einseitiges Rührstück über den verletztlichen Forscher erschien. Baberowski wird zu einem der Schlüsselspieler im Kampf zwischen „Rechtsruck“ und „Meinungspolizei“ und ist eigentlich wohl nicht viel mehr als ein begnadeter Troll, dessen Twitter-Account von den immergleichen anonymen AfD-Wähler-Wutbürger-Profilen eigentlich nur wegen des Fotos unterscheidbar ist. Lieber schnell weg.


Das hätte man sich auch vom BILD-Sport-Account gewünscht, der sich anlässlich der Europameisterschaft der deutschen U21-Nationalmannschaft nicht entblödete, sämtliche historischen Fettnäpfchen nicht nur zu betreten, sondern genüsslich mit einem Strohhalm auszutrinken:


In Fettnäpfchen traten übrigens auch jene Teile der linken Twitterblase, die der AfD, an der es weiß Gott genug zu kritiseren gäbe, vorwarfen, mit „Altparteien“ NS-Sprech zu verwenden – eine simple Recherche zeigte dann nach einem halben Tag Entrüstung, dass der Begriff zwar (selten) schon früher auftauchte, im deutschen Sprachgebrauch aber ausgerechnet durch die Grünen etabliert wurde, als die, nunja, noch eine junge Partei waren.


„Und hier der zweite Teil meines kleinen historischen Jahresrückblicks“

Ohne flotte Überleitung gehen wir ins LUTHERREFORMATIONSJAHR 2017, das seit Jahren vorbereitet wurde (im Gegensatz zum in Deutschland von Amtsseite vergessenen Erstweltkriegsjahr 2014) und das letztlich niemanden wirklich interessierte (ganz wie das Erstweltkriegsjahr 2014), weil wir die Geschichte halt alle schon kennen, weil Luther (nach heutigen Maßstäben) kein sonderlicher Sympathieträger war, weil die Kirchen ohnehin an Relevanz verlieren. Wenig spannendes kam medial dabei heraus, der vielleicht größte Gewinn war Achim Landwehrs wundervoll zu lesende Resignation. Die Jubiläums- und Geschichtskulturforschung wird in den kommenden Jahren viel zu tun haben um herauszufinden, ob wir von oben organisiertes, öffentlich-rechtliches Gedenken und seine Events überhaupt brauchen oder ob es vielleicht nur noch darum gehen sollte, Graswurzelgeschichte in halbwegs seriöse Bahnen zu lenken. Marx-Jahr 2018 incoming.


Seriöse Bahnen fand man in meiner (einer von vielen) Heimatstadt Wesel, die dank strategisch ungünstiger Lage im Zweiten Weltkrieg noch ungefähr viereinhalb Kilo historische Bausubstanz hat und ansonsten exakt so aussieht, wie in den 1950er Jahren gebaute Städte leider aussehen. Dort fand man ein Denkmal von Kaiser Wilhelm I. wieder und hätte damit die alte Bausubstanz locker verdoppeln können, wäre es nur nicht so merkwürdig, im 21. Jahrhundert feierlich ein Kaiserdenkmal zu errichten. Also fand man einen Kompromiss, der womöglich Schule machen könnte: Es wird liegen, in einer Vitrine, an einem Platz, wo es auch im 19. Jahrhundert schon hingepasst hätte, nur dann halt vertikal.


Stelen, im Bau, 2004. © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Holocaust-Denkmal im Bau 1, CC BY-SA 4.0

Vertikal stehen auch weiterhin die Holocaustmahnmalnachbildungsstelen in der Nachbarschaft von Björn Höcke, aufgestellt von einem um keine Öffentlichkeitsarbeit verlegenen Künstlerkollektiv, das nun in aller Breite ausdiskutiert wurde – außer der spannenden und auf der Hand liegenden Frage, ob das Berliner Holocaustmahnmal womöglich zu einer Zentralisierung des Gedenkens geführt hat, zu einem bundesrepublikanischen „Hamwerschon“-Monopol, und eine Dezentralisierung nicht durchaus sinnvoll wäre – eine Stele für jede Nachbarschaft.


Nun haben wir mit Björn Hocke begonnen und mit Björn Höcke geendet, das wahrscheinlich ist das so auch ganz folgerichtig für eines der spannenderen Jahre meines Lebens, man wäre geneigt „unterhaltsam“ zu sagen, wäre es nicht halt die Realität in der wir mit ungewissem Ausgang leben. Um diesen Rückblick auf einer leicht konstruktiven Note enden zu lassen, folgen nun noch drei Lektüreempfehlungen:

Da wäre zum einen „Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910“ von Aram Mattioli. Das Buch verkörpert nahezu alles, was man Fachfremden gerne über die großen Bögen der Geschichtswissenschaft erzählen möchte: Es nimmt sich eines durchaus populären Themas an, verwendet kaum bislang unbekannte Quellen und kommt trotzdem, einfach durch die Kraft des die Quellen betrachtenden Geistes zu überzeugenden neuen Erkenntnissen über die Geschichte von Unterdrückung und Ermordung der amerikanischen Ureinwohner. Dazu ist es im amerikanischen Stil, also weniger verstockt-wissenschaftlich als literarisch geschrieben (ein Epilog!) und somit auch eine klare Empfehlung für nur gelegentliche LeserInnen von historischen Fachbüchern.

Als Professor für Amerikanische Geschichte ist Manfred Berg (der mich vor Jahren sehr unterhaltsam prüfte) ohnehin ein in diesen Monaten eher gefragter Mann. Dazu hat er nun eine Biografie von Woodrow Wilson vorgelegt, die erste deutschsprachige seit gefühlten Ewigkeiten, und das passt natürlich, weil Wilson das vollständige Gegenteil seines heutigen Nachfolgers darstellt – einen Intellektuellen, der seine Äußerungen mit enorm viel Bedacht tätigte und den Begründer eines Jahrhunderts von globalem US-Interventionismus. Ich habe Bergs „Popular Justice“ über Lynchjustiz deutlich schneller (und vollständiger) gelesen, das liegt aber eher daran, dass mir Diplomatiegeschichte weniger liegt. Wenn man eine Biografie von 2017 lesen möchte, liegt man hier sicher nicht falsch.

Vandenhoeck & Ruprecht stellt leider keine Covergrafiken für Pressearbeit zur Verfügung, daher hier ein gemeinfreies kindheitshistorisches Bild

Zu den spannenderen Kleinst- und Untersparten der Geschichtswissenschaft, mit denen ich mich 2017 erstmals auseinandergesetzt habe, gehört die Kindheitsgeschichte. Die gibt es nachvollziehbarerweise schon etwas länger, genauer seit den 1990er Jahren, und trotzdem ist sie, mit einen populärwissenschaftlichen Ausreißern, bis jetzt kaum zu mir vorgedrungen. Das hat Martina Winkler geändert, deren Einführung ins Thema ich eher zufällig in der Universitätsbibliothek entdeckte, mitnahm und in Phasen, in denen mein Kopf mal woanders hinmusste, immer wieder in Stücken las. Auch an Kindheitsgeschichte lässt sich sehr schön zeigen, was Geschichtswissenschaft heutzutage ausmacht, nämlich ein Blick hinter die uns liebgewordene Konstruktion, hin auf den Bedeutungswandel, den das Konzept „Kindsein“ über die Jahrhunderte ausgemacht hat. Wer keine Lust auf ein ganzes Buch hat, kann Winklers Überblicksartikel bei docupedia Zeitgeschichte lesen.

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