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Europeana, oder: die Kartierung der Kultur

Vorbemerkung: Ich habe für diesen Artikel im Rahmen einer Beratertätigkeit von der Stichting Europeana Geld erhalten. Alle hier geäußerten Meinungen sind aber vollständig und unbeeinflusst die meinen, alles andere wäre mir auch zu doof.

For the English version, click here

Ich habe in meiner wissenschaftlichen, freiberuflichen und freizeitlichen Laufbahn bisher erst einmal in einem Projekt gearbeitet, das ein Bildbudget hatte. Und auch in diesem einen Projekt war es nicht so, dass wir verwenden konnten, was wir wollten. Bilder sind, wenn sie den üblichen Lizenzbedingungen unterliegen, ziemlich teuer – was oft gut so ist, schließlich müssen auch FotografInnen von etwas leben, in einigen Fällen aber auch vollkommen absurd ist wie bei Bildagenturen, die für die Verwendung eines Bildes dreistellige Summen wollen, von denen nichts beim Urheber ankommt.

Umso wichtiger ist es, Zugriff auf solche Medien zu haben, die unter freien (z.B. Creative Commons) oder gar keinen (Gemeinfreiheit) Lizenzbedingungen stehen. Google hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte in der Bildersuche gemacht, die man mittlerweile nach verschiedenen Lizenzmodellen filtern lassen kann. Besonders präzise ist das allerdings nicht (es ermöglicht z.B. keine Filterung von Creative-Commons-Bildern, die nur in nonkommerziellen Zusammenhängen verwendet werden dürfen, was schon für mein Blog nicht zutrifft) und es findet auch nur einen Bruchteil der möglichen Medien, hauptsächlich von Flickr und Wikimedia Commons.

An dieser Stelle kommt Europeana ins Spiel – eine auch unter meinen Historiker-KollegInnen noch rätselhaft unbekanntes Angebot. Die offizielle Gründungslegende besagt sinngemäß, dass die Europäische Union einen digitalen Wissenspeicher der kulturellen Überlieferung für Europa schaffen wollte, tatsächlich ging es wohl 2005 eher darum, dem soeben gestarteten Google Books etwas halbwegs Ebenbürtiges entgegenzusetzen. Und wie das bei großen Projekten so ist sind beide Konkurrenten in den vergangenen zwölf Jahren in ihren Feldern so gewachsen, dass sie kaum noch etwas miteinander gemein haben.

Europeana jedenfalls bietet als zentraler Sammelort zahlreicher europäischer Nationalbibliotheken, Museen und Archive einen gigantischen Fundus von digitalisierten kulturellen Hinterlassenschaften, krankt jedoch, so zumindest mein Eindruck, etwas am Mangel an Aufmerksamkeit. Aus diesem Grund wurden im vergangenen Juni Anke, Anne und ich von der Stichting Europeana zu einem unverbindlichen Treffen nach Den Haag eingeladen, um aus Bloggerperspektive zu berichten, wie man dies ändern könnte.

Ein Teil der dort entwickelten Idee besteht aus diesem Blogpost (und dem von Anke in der vergangenen Woche sowie dem von Anne in der kommenden): Wir erzählen, wofür Europeana gut ist, und legen es unseren LeserInnen ans Herz. Das habe ich auch schon getan bevor ich nach Den Haag eingeladen wurde, denn bei Europeana findet man teils sehr hochauflösende Medien, die ihren Weg eben noch nicht in die Wikipedia gefunden haben. Es ist wichtig, für solche Überlieferungen (hauptsächlich Abbildungen) nicht nur eine Quelle zu haben, da sich sonst die Perspektive einengt. Wir kennen das von historisch bedeutsamen Ereignissen: Ein Bild, ein Filmausschnitt setzt sich durch und wird als feststehender Code immer wieder verwendet – und zu runden Jubiläen guckt dann doch mal wieder jemand ins Archiv und stellt fest dass da noch ganz andere Aufnahmen liegen, die dann als „Bislang unveröffentlicht“ zur Schau gestellt werden.

Teil 2 ist die Idee der „Europeana Trusted Blogger“, über das Camille Tenneson, mit der wir in den letzten Monaten zusammengearbeitet haben, hier gebloggt hat. Kurz zusammenfasst tauschen wir Medien gegen Aufmerksamkeit: Wir als BloggerInnen verwenden Medien von Europeana (und ich könnte fast jeden meiner bisherigen Posts mit Europeana-Medien bereichern) und machen damit auf dieses Angebot aufmerksam, im Gegenzug werden diese Posts automatisch auch bei Europeana online verlinkt – wo genau und in welcher Form, darüber verhandeln wir noch.

Im Zuge der Arbeiten an diesem Projekt haben wir gemerkt, wie wichtig der gegenseitige Austausch ist – alle Kontaktpersonen bei Europeana arbeiten spürbar mit Begeisterung an der freien Zugänglichkeit von Kultur und Medien, an Open Access und Creative Commons, gleichzeitig mussten wir als BloggerInnen auch zwischendurch immer wieder einwerfen, dass das Gleichgewicht der Vorteile gewahrt bleiben müsse – das letzte das ich wollte war, dass Menschen die gerne bloggen mit diesem Programm in irgendeiner Form zur unentgeltlichen Arbeit gezwungen werden. Das ist nicht der Fall: Alle die mitmachen behalten vollkommene Kontrolle über ihre Texte. Wer mitmachen möchte, darf sich gerne an mich wenden!


Plan de Wezel 1760, National Library of France, via Europeana

Bei der Planung dieses Artikels wusste ich schon, dass ich auch Medien aus der Europeana-Sammlung vorstellen wollte. Wie immer, wenn die Auswahl riesig ist, brauchte ich einen Anknüpfungspunkt, um mich zurechtzufinden. Und weil ich mir gerade erst alte Satellitenaufnahmen bei Google Earth angesehen hatte, suchte ich nach Karten – und siehe da: bei Europeana gibt es eine Unmenge davon, auch von der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, dem kleinen, provinziellen Wesel am Niederrhein, das einmal eine wichtige Hanse- und Festungsstadt war. Sehr beeindruckend sehen die Maueranlagen der Stadt im oben gezeichneten Jahr 1760 aus, kaum vorstellbar in der heutigen Zeit, das solch riesige Schutzwälle in so ausgeklügelten Mustern einmal bestanden. Kaum ein Jahrhundert vorher, 1670, war davon kaum etwas zu sehen gewesen:

Plan de Vezel, avec ses attaques, en 1672, National Library of France, via Europeana

Und noch ein paar Jahr früher, 1595, war außer einer klassischen Stadtmauer nichts zu sehen:

Nederlaag van het Staatse leger bij Wesel, 1595, Rijksmuseum, via Europeana

Was daran für mich als Zeithistoriker und aufmerksamer Fahrradfahrer so besonders spannend ist, sind die Spuren, die solche Befestigungsanlagen noch bis in die Gegenwart haben. Denn Wesel ist nicht auf so sicheren Bahnen wie Städtchen wie Heidelberg durch die Geschichte gefahren, Wesel wurde im Zweiten Weltkrieg zu 97 Prozent zerstört, wie hier unschwer erkennbar:

Wesel 1945, aufgenommen von der U.S. Air Force

Und doch haben sich einige Dinge nicht geändert. Eine Landmarke ist auf drei der vier Abbildungen erkennbar: Der Willibrordi-Dom, die größte Kirche der Stadt.

Um den Dom herum sind Straßen erkennbar die, soweit ich das sehen kann, bis heute exakt so weiterbestehen – was eigentlich nicht verwunderlich ist, weil Straßen ja nur verlegt werden können, wenn dort alle Häuser abgerissen werden. Dass dies nach 1945 trotz der Zerstörungen nicht passierte (und Altstadtgrundrisse sind nur selten verkehrsplanerisch vorteilhaft), lag vor allem an der bestehenden Kanalisation, die meist unbeschädigt war. Auf dieser Gegenüberstellung kann man das gut erkennen – vor allem an der sich aufgabelnden, auf den Dom zulaufenden heutigen Fußgängerzone, dem bis heute (als Biergarten) existierenden Kornmarkt links sowie der Stadtmauer, die heute als Umgehungsstraße um den Stadtkern herum fungiert:

Kartenmaterial von OpenOrienteeringMap

Und zuletzt, sehr versteckt, vom Boden aus nicht zu erkennen ein letzter Rest der oben so absurd scheinenden Befestigungsanlagen. Ganz im Süden der Stadt Wesel, direkt zwischen den Flüssen Rhein und Lippe gelegen, befindet sich zwischen Angel- und Hundesportverein sowie dem Lippe-Stadion eine kleine Einfamilienhaussiedlung, wie sie vollkommen typisch ist für den Niederrhein als wohnungspolitischem Speckgürtel des Ruhrgebiets. So weit so normal, allerdings folgen die zwei parallel laufenden Straßen des Wohngebietes einem nun bekannten Muster:

Kartenmaterial von OpenOrienteeringMap

Solche Spielereien kann man mit fast jeder Stadt, fast jedem Dorf in Deutschland betreiben, man braucht nur Interesse, ein Auge für die Grundrisse der Stadt und eben ein paar alte Karten, die hochauflösend genug sind. Teil 1 und 2 können nicht heruntergeladen werden, für Teil 3 gibt es (unter anderem) Europeana.

Ein kleiner Nachtrag hierzu: Wenn sich hier jemand mit militärischen Karten auskennt und mir bei der Erklärung dieser britischen Karte aus dem Zweiten Weltkrieg helfen kann, ist herzlich eingeladen:

Wesel 1945, via British Library


Weil Europeana und das Projekt der „Bloggers for Europeana“ keine Einbahnstraßen sind, sondern um Netzwerke und Austausch bemüht, hier mein bescheidener Versuch einer „Bloglawine“: drei handgepickten BloggerInnen ordne ich je ein Bild zu und hoffe, dass sie dieses Bild als Anlass nehmen, selbst darüber zu bloggen (und im Idealfall drei weitere BloggerInnen zu taggen):

Als erstes tagge ich Michael, der beruflich der Geschichtswissenschaft vollkommen den Rücken gekehrt hat, dessen (sehr selten gewordene) Blogposts ich aber immer sehr gerne lese. Das Bild wähle ich, weil uns die Liebe zum Fahrradfahren eint (wofür Michael leider deutlich mehr Zeit als ich hat) und ich gerne seine Gedanken dazu lesen würde:

Brothers in Arms, CC-BY 4.0 John Heywood, Victoria and Albert Museum via Europeana

Das zweite Bild geht an Jochen – weil sein Blog (wie auch der mittlerweile berühmte Twitter-Account) „Verrückte Geschichte“ heißt und hier ein „Lunatic Asylum“ abgebildet ist. So banal diese Überleitung ist, so gerne mag ich das Foto, zu dem Jochen sicher eine Menge seiner britischen Geschichtskenntnisse ausbreiten kann:

Metropolitan Lunatic Asylum, Kew, Victoria, Australia, CC BY 4.0 Wellcome Library, via Europeana

Und zuletzt tagge ich Charlotte, die auch zu selten bloggt. Sie bekommt von mir ein Bild von Lorenz Janscha zugeteilt, das ihre und meine spätere Universität zu einer Zeit zeigt, als diese noch ein kurfürstliches Schloss war und kein Ort von Vorlesungen oft zweifelhafter Qualität:

Lorenz Janscha, Ansicht des Churfürstlich-Köllnischen Residenz-Schlosses zu Bonn, Österreichische Nationalbibliothek via Europeana


English Version:

Preliminary remark: I have received money from the Europeana Foundation for this article as a consultant. All the opinions expressed here are completely and uninfluenced mine.

Only once have I, in my scientific, freelance and leisure time career, worked on a project that had a picture budget. And even in this one project we could not just use what we wanted. Images are quite expensive if they are subject to the usual licensing conditions – which is often a good thing, since photographers also have to live on something, but in some cases it is also completely absurd, as in the case of picture agencies who want three-digit sums for the use of a picture, of which nothing is received by the author.

It is therefore all the more important to have access to media that are under free (e. g. Creative Commons) or no (freedom of association) licence conditions. In recent years, Google has made enormous progress in image search, which can now be filtered according to different license models. However, this is not particularly precise (e. g. it doesn’t allow filtering of Creative Commons images that can only be used in non-commercial contexts, which doesn’t apply to my blog) and it finds only a fraction of the possible media, mainly from Flickr and Wikimedia Commons.

This is where Europeana comes into play – a mysteriously unknown offer among my fellow historians. According to the official founding legend, the European Union wanted to create a digital repository of cultural tradition for Europe, but in 2005 it was probably more a matter of countering the Google Books project. And as is the case with large projects, both competitors have grown so much in their fields over the past twelve years that they have hardly anything in common with each other.

In any case, Europeana, as the central collection centre of numerous European national libraries, museums and archives, offers a gigantic pool of digitised cultural legacies, but, at least as far as I am concerned, it is suffering from a lack of attention. For this reason, Anke, Anne and I were invited by the Europeana Foundation to a non-binding meeting in The Hague last June to report from a blogging perspective on how this could be changed.

Part of the idea developed there consists of this blog post (and that of Anke last week and that of Anne in the coming week): we talk about what Europeana is good for and recommend it to our readers. I did that before I was invited to The Hague, because at Europeana you can find some very high-resolution media, which haven’t found their way into the Wikipedia yet. It is important not to have only one source for such narratives (mainly illustrations) as otherwise the perspective will be limited. We know this from historically significant events: A picture, a film excerpt asserts itself and is used again and again as a fixed code – and to round anniversaries someone looks then nevertheless once again into the archives and realizes that there are still completely different photographs, which are put then as „hitherto unpublished“ to the exhibition.

Part 2 is the idea of the „Europeana Trusted Blogger“, about which Camille Tenneson, with whom we have worked in the last few months, blogged here. In short, we exchange media for attention: We as bloggers use media from Europeana (and I could enrich almost every one of my previous posts with Europeana media) and draw attention to this offer, in return these posts are automatically linked online at Europeana – where exactly and in which form is still being negotiated.

In the course of the work on this project, we realised how important the mutual exchange is – all contact persons at Europeana are working with enthusiasm on the free accessibility of culture and media, on Open Access and Creative Commons, at the same time we as bloggers had to put in at the same time that the balance of advantages had to be maintained – the last thing I wanted was for people who like to blog with this program in some way to be able to get to know each other. This is not the case: all those who take part in the contest retain complete control over their texts. If you want to join in, you can please contact me!


Plan de Wezel 1760, National Library of France, via Europeana

When planning this article, I already knew that I wanted to present media from the Europeana collection. As always, when the selection is huge, I needed a starting point to find my way around. And because I had only just looked at old satellite images at Google Earth, I was looking for maps – and lo and behold: at Europeana there are a lot of them, also from the city in which I grew up, the small, provincial Wesel on the Lower Rhine, which was once an important Hanseatic and fortress city. The walls of the city look very impressive in the year 1760, drawn above, hardly imaginable today, which once consisted of such huge defensive walls in such ingenious patterns. Hardly a century before, in 1670, hardly anything of it had been seen:

Plan de Vezel, avec ses attaques, en 1672, National Library of France, via Europeana

And even a few years earlier, in 1595, nothing could be seen except a classical city wall:

Nederlaag van het Staatse leger bij Wesel, 1595, Rijksmuseum, via Europeana

What is particularly exciting for me as a contemporary historian and attentive cyclist is the traces that such fortifications still have to this day. Because Wesel did not travel through history on such safe tracks as Heidelberg’s small town, and 97 percent of Wesel was destroyed during the Second World War, as can be seen here:

Wesel 1945, aufgenommen von der U.S. Air Force

And yet some things have not changed. A landmark can be seen on three of the four images: The Willibrordi Cathedral, the largest church in the city.

Around the cathedral there are roads that, as far as I can see, still exist today – which is not really surprising, because roads can only be laid if all the houses are demolished there. The fact that this did not happen after 1945 in spite of the destruction (and Old Town layouts are only rarely advantageous in terms of traffic planning) was mainly due to the existing sewerage system, which was mostly undamaged. This can be seen on this juxtaposition – above all in the pedestrian precinct that leads to the cathedral, which is now a pedestrian zone, the Kornmarkt on the left, which still exists today (as a beer garden) and the city wall, which today functions as a bypass around the city centre:

Kartenmaterial von OpenOrienteeringMap

And lastly, very hidden, from the ground not to recognize a last remnant of the seemingly absurd fortifications above. Located in the south of the city of Wesel, directly between the rivers Rhine and Lippe, a small housing estate is located between the Fishing and Dog Sports Club and the Lippe Stadium, which is a typical example of the Lower Rhine as a housing policy backbone of the Ruhr area. So far so normal, but the two parallel streets of the residential area follow a familiar pattern:

Kartenmaterial von OpenOrienteeringMap

Such gimmicks can be played with almost every town, almost every village in Germany, you only need interest, an eye for the ground plans of the town and just a few old maps, which are high resolution enough. Parts 1 and 2 cannot be downloaded, for part 3 there is (among other things) Europeana.

A small addendum to this: If someone here knows his way around with military maps and can help me explain this British map from the Second World War, you are cordially invited:

Wesel 1945, via British Library


Because Europeana and the „Bloggers for Europeana“ project are not one-way streets, but rather networks and exchanges, here is my humble attempt to create a „blog avalanche“: I associate three hand-picked bloggers with one picture each and hope that they take this picture as an opportunity to blog about it (and ideally to tag three more bloggers):

First of all, I tag Michael, who has turned his back completely on history in his profession, whose (very rare) blogposts I like to read. I choose this picture because the love of cycling unites us (although Michael has much more time than I do) and I would like to read his thoughts about it:

Brothers in Arms, CC-BY 4.0 John Heywood, Victoria and Albert Museum via Europeana

The second picture goes to Jochen – because his blog (like the now famous Twitter account) „Crazy History“ is called and here a „Lunatic Asylum“ is shown. As banal as this transition is, so much as I like the photo to which Jochen can certainly spread a lot of his knowledge of British history:

Metropolitan Lunatic Asylum, Kew, Victoria, Australia, CC BY 4.0 Wellcome Library, via Europeana

And last but not least I tag Charlotte, who also to rarely bloggt. I gave her a picture of Lorenz Janscha, which shows her and my later university at a time when it was still an electoral castle and no place of lectures of often dubious quality:

Lorenz Janscha, Ansicht des Churfürstlich-Köllnischen Residenz-Schlosses zu Bonn, Österreichische Nationalbibliothek via Europeana

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