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Von Westeros nach Lummerland: Zur Ehrenrettung popkultureller Uniseminare

[Dies ist ein vollständig spoilerfreier Artikel über Game of Thrones]

Es ist manchmal etwas zum Verzweifeln mit den (Online-)Medien, ihren Themen und der gegenseitigen Reproduktion, die sich immer weiter von der Wahrheit entfernt. Aktuelles, glücklicherweise nicht besonders wirkmächtiges und skandalträchtiges Beispiel: Das Hauptseminar „Game of Thrones – Das Mittelalter in der Gegenwart“ an der Universität Hamburg im nun beendeten Sommersemester. Eine zumindest nicht ganz alltägliche Lehrveranstaltung, die im Block an einem Wochenende vor etwa drei Wochen stattfand, allerdings schon viel früher angekündigt war. Was dann medial daraus wird:

„Game of Thrones – Lehrfach an Hamburgs Uni“
(Hamburger Abendblatt, 27. Juli 2017)

„„Game of Thrones“ wird zum Lehrfach an der Uni Hamburg“
(Welt, 28. Juli 2017)

„Die Hamburger Uni hat sich ein „Game of Thrones“-Seminar gegönnt“
(bento, 31. Juli 2017)

„Kein Witz: An dieser deutschen Uni kannst du ab sofort ein Game of Thrones-Seminar belegen“
(ProSieben.de, 31. Juli 2017)

„Winter is coming – Uni Hamburg setzt das Seminar über Game of Thrones ab“
(zett, 1. August 2017)

„In Hamburg kannst du jetzt Game of Thrones studieren“
(Galileo.tv, 1. August 2017)

Das ist die eine, leicht zu bearbeitende Ebene: Lehrveranstaltungen werden meist ohnehin nicht wiederholt (es sei denn man sitzt auf einer unbefristeten Professur und sieht die Lehre eher als Pflicht denn als Forschungsvoraussetzung an – dann legt man sich einen Grundstock an vier Vorlesungen an die man durchrotieren lässt), mitunter übrigens auch, weil die DozentInnen selbst etwas daraus lernen (wollen) und mit dem Thema dann durch sind. Ich kann jedenfalls sagen, dass ich bei meinen bisherigen drei Übungen am Ende auch gerne mit dem Thema abschließen wollte. Warum aus einem einzelnen Seminar von ca. 10-14 Stück, die man als StudentIn so im Semester belegt, in den Titelzeilen dann ein „Lehrfach“ wurde ist mir zwar schleierhaft, aber auch nicht so wahnsinnig schlimm.

<small><del>King's Landing</del> Dubrovnik | <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Michaelphillipr">Michaelphillipr</a>; cropped and edited <a href="/wiki/File:Dubrovnik_042.jpg">from the original</a>, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dubrovnik_crop.jpg">Dubrovnik crop</a>, Crop von MH, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode">CC BY-SA 3.0</a></small>

King’s Landing Dubrovnik

Die zweite Ebene der ganzen Chose ist nämlich deutlich anstrengender: Das Echo auf die Medienberichte. Schaut man sich (entgegen des Rates großer Teile des Internets) die Kommentare zu oben verlinkten Artikeln an, bestehen sie ungefähr zur Hälfte aus Beiträgen nach dem Muster „[Getaggter Benutzername], das wäre doch was für dich, ne leichte 1!“ und zur anderen Hälfte aus wiederholten Ausrufen des Abendlandunterganges, weil die jungen Leute an den Universitäten überhaupt nichts Sinnvolles mehr lernen würden, für so etwas Steuergelder ausgegeben würden und überhaupt.

Weil ich mir die Finger allein schon bei Zett wundkommentieren wollte, hier anstelle zahlreicher Einzeleinträge ein Versuch zu erklären, warum Seminare zu „Game of Thrones“ (und anderen Serien, Filmen und Computerspielen) auch abseits der Medienwissenschaften sinnvoll sind, häufiger vorkommen sollten und gesamtgesellschaftliche Relevanz haben – und das ganz ohne dass ich Teilnehmer des Seminars gewesen wäre, mit den beiden DozentInnen gesprochen hätte oder sie überhaupt kennen würde.

Da wäre zunächst einmal das Inhaltliche: Ein Seminar über „Game of Thrones“ bedeutet nicht, auswendig zu lernen und abrufen zu können, was in der Serie bisher passiert ist. Es bedeutet nicht, Thronfolgen und Sagen nacherzählen zu können, es belohnt keine geografische Detailkenntnis der Flussverläufe von Westeros oder anderen vergleichbaren literarischen Fakten. Wenn als Teilnahmevoraussetzung die Kenntnis von Staffel 1 bis 6 der Serie vorausgesetzt wurde, dann wohl in erster Linie um eine gemeinsame Diskussionsbasis zu haben und vielleicht auch um ungewollte Spoiler bei einzelnen Studierenden zu vermeiden.

Dorne Alcázar von Sevilla

Es gibt bei Pop-Produkten mit (pseudo-)historischem Inhalt immer zwei Aspekte, die wir als Fachwissenschaft betrachten können. Die eine ist vergleichsweise langweilig: Ist das, was wir sehen, hören, lesen, spielen überhaupt historisch korrekt? Insbesondere in den ersten Fachsemestern neigt man dazu, Vertreter einer reinen Lehre zu werden, bis man sich über falsch angebrachte Knöpfe an Uniformen aufregt, zum Experten für Panzerlackierungsvorschriften der Achsenmächte 1944 wird oder Dan Brown mangelndes Verständnis für Legitimationsstrategien des Kirchenrechts vor 1900 vorwirft. Üblicherweise gibt sich das nach einigen Semestern, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Unterhaltungsprodukte keine Lehrmittel sind, sondern eben Unterhaltung – und klugscheißende HistorikerInnen in etwa so beliebt sind wie der Mensch der im entsprechenden Wikipedia-Artikel die technische Funktionsweise der Lok Emma von Lukas dem Lokomotivführer anzweifelt.

Ein wenig klingt dieser Vorwurf auch bei Dozent Christoph Dartmann im Gespräch mit Zett an:

In Dartmanns Augen hat GoT wenig mit der Realität im Mittelalter zu tun. Die vielen Mittelalterklischees (Ritter, Vasallen, Ehre, Wappen, Turniere, Gewalt, Fanatismus, Folter, Schmutz, schlechte Tischmanieren) würden in der Serien funktionieren, weil sie beliebig abgerufen werden könnten.

Das dürfte allerdings Äußerung eines Missverständnisses sein: Dartmann, selbst Mittelalterhistoriker, weiß natürlich, dass „Game of Thrones“ nichts mit der Realität im Mittelalter zu tun hat und auch nicht zu tun haben will – es ist nun einmal Fantasy. Was Dartmann ebenso wie seine Kollegin Barbara Müller interessiert und Grundlage nahezu jeder historischen Lehrveranstaltung zu einem popkulturellen Thema ist, ist eine andere Frage:

Was sagt uns die Serie nicht darüber, wie es mal war, sondern darüber, wie wir uns heute vorstellen, dass es mal war?

Denn auch wenn „Game of Thrones“ natürlich eine reine Erfindung ist (es spielt ja noch nicht einmal auf unserer geografischen Erde), benutzt und prägt es Vorstellungen vom europäischen Mittelalter, die wirkmächtiger sind als die renommiertesten HistorikerInnen, vielleicht sogar als der Geschichtsunterricht in der Schule. Die obenstehende simple Frage kann man daher immer weiter ausdifferenzieren, sie mit unseren aktuellen gesellschaftlichen Debatten zu Religion, Macht, Geschlechterverhältnissen und Gewalt verknüpfen und damit mehr darüber erfahren, welche Relevanz Menschen heutzutage der Geschichte und Geschichtswissenschaft eigentlich zugestehen. Sind wir die Aufklärer der Menschheit, sind wir einfach nur eine der leichteren Schulstunden mit wenig Hausaufgaben, sind wir Stichwortgeber für ein paar der coolsten Filme überhaupt oder die schrecklichsten Klugscheißer unter der Sonne?

The Iron Islands Ballintoy Harbour

Solche Herangehensweisen können auch weitreichende Missverständnisse zwischen Produzent und Zuschauer aufzeigen: „Mad Men“ zum Beispiel war (mutmaßlich) als eine Serie über den Verfall altbekannter sozialer Normen zum Anbruch der Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht, wurde für viele aber zu einer fast nostalgischen Verklärung von Sexismus gemacht – weil zumindest manchmal und vor allem am Anfang die Männer noch alles im Griff zu haben schienen.

Nicht zuletzt ist die Frage, welche historischen Themen überhaupt für Großbudget-Produktionen aufgegriffen werden (und dann auch erfolgreich sind) ein sehr guter Indikator, ein Ergebnis der Abstimmung mit dem Portemonnaie, darüber, was heutzutage bestimmte Öffentlichkeiten überhaupt interessiert. Dass mit „Battlefield One“ im letzten Jahr erstmals ein wirklicher Top-Titel der Action-Computerspiele im Ersten Weltkrieg spielte, zeigt einerseits, dass es eine Übersättigung an Kriegsszenarien von Gegenwart und Zukunft gibt, andererseits aber auch, dass man sich bei Publisher EA in der Jahrestagsphase zwischen 2014 und 2018 erhöhte Aufmerksamkeit für das ungewöhnliche und bis dahin ungeliebte Setting erhoffte.

Wie erkenntnisreich solche Beobachtungen sein können ist daran zu sehen, dass aus dem oben genannten Seminar ein kleiner Tagungsband entstehen soll, der nach der aktuellen Aufmerksamkeitswelle sicher eine etwas überdurchschnittliche Auflage erreichen dürfte. Das Thema wird damit nicht durch sein, denn das Schöne an der Popkultur ist, dass sie nie stillsteht. Jede neue Serie, jede neue Staffel bietet Gelegenheit, den Blick auf die Gegenwart unserer Vergangenheit neu zu schärfen.

Bilder:
Borjaanimal, Castillo de Zafra – Exterior, Crop von Moritz Hoffmann, CC BY-SA 3.0

Dubrovnik | Michaelphillipr; cropped and edited from the original, Dubrovnik crop, Crop von MH, CC BY-SA 3.0

Alcázar von Sevilla | Goldmund100Alcázar di SivigliaCC BY-SA 3.0

Ballintoy Harbour | Bob Jones, Ballintoy Harbour – geograph.org.uk – 19750CC BY-SA 2.0

3 Kommentare

  1. Pingback: Geschichtstalk is coming – Der Geschichtstalk im Super7000

  2. Ein offensichtlicher Troll

    Also ich denke, dass Seminare über fiktionale Wesen und Fantasygeschichten nichts an der Uni zu suchen haben. Es wäre ja noch schöner, wenn man sich einfach Märchengeschichten ausdenken könnte und dann ganze Studiengänge darauf basieren! Und dann Leute rumrennen, die studierte Experten für diese Märchenwelt mit Fantasygeschöpfen sind. Theologie gehört daher sofort abgeschafft

  3. Ziemlich genau die Art von Einordnung, die zu diesem Thema gefehlt hat. Vielen Dank!

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