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Ein Zitat aus Theresienstadt?

Weil ich Montag und Dienstag mit den vielen Rückmeldungen auf meine Wortmeldungen zum Thema „Dresden 1945“ noch nicht genug ausgelastet war, nahm ich mir einen kleinen Fall historischer Wahrheitssuche vor, der mich seit etwas über einem Jahr immer wieder beschäftigte: Das angebliche Zitat eines Überlebenden von Theresienstadt:

Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen. Dresden brennt, die Aliierten sind nicht mehr weit! Das war psychologisch ungeheuer wichtig für uns“

Meist werden diese drei Sätze mit der Herkunftsangabe „Ein Überlebender des Ghettos Theresienstadt“ versehen. Dabei wird das Zitat hauptsächlich in politisch linken Zusammenhängen, natürlich zuvorderst im Kontext der Dresden-Jahrestage verwendet, wie auf dem hier von der Linke-Abgeordneten Katharina König getwitterten Bild, das der wichtigste Überlieferungsträger ist:

Ganz abgesehen von der fraglichen Authentizität dieser Sätze stellt sich dabei schon die Frage, zu welchem Zweck sie eigentlich vorgetragen werden. Dabei geht es weniger um Richtig und Falsch als um die selbstempfundene Verhältnismäßigkeit – ist die Bombardierung einer Stadt in irgendeiner Weise besser, moralischer oder richtiger, weil man damit den unschuldigen Gefangenen eines Konzentrationslagers (und nichts anderes war Theresienstadt) Hoffnung auf eine baldige Befreiung machte?  Und wie ist dabei zu bewerten, dass die Befreiung Theresienstadts nach der Bombardierung Dresdens noch fast drei Monate, bis Anfang Mai 1945, auf sich warten ließ?

Geht man nur die inhaltliche Ebene an, ergeben sich aus der inneren Logik der Miniatur-Erzählung zwei zu klärende Angelegenheiten: Da wäre zunächst einmal die Frage nach der Möglichkeit, ein brennendes Dresden von Theresienstadt aus überhaupt zu sehen. Mehrere Antworten, die ich bei Twitter erhielt, bezweifelten das. Ich halte es für möglich: Die Dresdner Frauenkirche ist vom nördlichsten Punkt, den KZ-Gefangene in Theresienstadt erlaubterweise einnehmen konnten, 66,3 Kilometer entfernt. Gemessen daran, dass britische Piloten beim Anflug auf Dresden (in hoher Höhe) das Artillerie-Mündungsfeuer der Ostfront sehen konnten, die noch über 100 Kilometer entfernt war, erscheint es durchaus realistisch, am Himmel den Schein einer brennenden Stadt gesehen zu haben- zumal auch 1945 noch nachts weitgehendes Verdunkelungsgebot bestand, von einer künstlichen Nachtbeleuchtung wie heute also kaum auszugehen ist. Die zweite Frage betrifft die Aussage „Die Alliierten sind nicht mehr weit“ – diese ist nämlich, wie wir angesichts des späten Befreiungsdatums von Theresienstadt wissen, inhaltlich falsch und würde auch auf falschen Grundannahmen beruhen. Die britische Luftwaffe war schon seit Beginn des Krieges in der Lage, Dresden zu erreichen, eine Bombardierung war also für sich noch kein Zeichen einer Frontannäherung. Da wir aber über den oder die Urheberin nichts wissen, auch kein Alter, wäre ein solcher Fehlschluss möglich.

Eine Suche nach dem Urheber oder der Urheberin erweist sich aber als außerordentlich schwer. Die erste Erwähnung des Zitates bei Google Books verweist auf das Jahr 2006 und den im konkret Verlag erschienenen Band „‚Die kollektive Unschuld‘: Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde“ von Gunnar Schubert. Dort befindet sich die unbefriedigend unbestimmte Herkunftsangabe:

„Ein Holocaust-Überlebender aus dem etwa 60 Kilometer von Prag entfernten Konzentrationslager Theresienstadt erinnert sich:“1

Glücklicherweise ist das Zitat hier mit einer Fußnote belegt: Es verweist auf den dpa-Artikel „Alliierte Bombenangriffe nach 60 Jahren kein Thema für Tschechen“ von Wolfgang Jung, Tschechienkorrespondent der dpa, der heute noch bei der Frankfurter Rundschau nachlesbar ist. Dort, wie bei Zeitungsartikeln nicht anders zu erwarten, verliert sich die Spur der Urheberschaft fußnotenlos. Auf eine Anfrage meinerseits hat Wolfgang Jung bis heute (22. Februar) leider nicht geantwortet. Weil ich nicht sämtliche Literatur zu und aus Theresienstadt sichten kann, fiel mir zunächst einmal nichts besseres ein, als bei der Gedenkstätte Beit Terezin in Israel anzufragen, die ein umfangreiches Archiv zum Thema unterhält – wer, wenn nicht die dort beschäftigen Personen könnten wissen, wer sich da erinnert hat? Nach nicht einmal 24 Stunden kam eine vorläufige Absage: Der Satz sei den dortigen Historikerinnen nicht geläufig, man werde aber weiterforschen und sich gegebenenfalls melden.

Nun ist es schwer nachzuweisen dass es etwas nicht gibt – es gibt aber gute Gründe, an der Authentizität des Zitates zu zweifeln, weil es – zum jetzigen Zeitpunkt – keine seriöse Ursprungsquelle gibt.

Dafür gibt es etwas anderes: Ein sehr ähnliches Zitat. Es stammt von Eva Benda, geborene Bloch, einer 1924 in Berlin geborenen deutsch-tschechischen Jüdin, die als Kind nach Prag gezogen war und 1942, im Alter von 18 Jahren, mit ihrer Mutter nach Theresienstadt gebracht wurde. Am 28. Oktober 1944, mit dem letzten Zug auf dieser Strecke, wurde Bloch mit ihrer Familie nach Auschwitz gebracht, wo ihre beiden kleinen Geschwister sofort ermordet wurden. Eva Bloch hingegen wurde mit ihrer Mutter nur wenig später in den nächsten Zug gebracht, der nach Oederan in Sachsen fuhr, wo Mutter wie Tochter Zwangsarbeit zu leisten hatten.2 Und dort, in Oederan, knapp 45 Kilometer von der Dresdner Innenstadt entfernt, verbrachte Bloch auch den Abend des 13. Februar 1945, an den sie sich später so erinnerte:

From our windows we watched Dresden burning only a short distance away. For us it was an exhilarating sight. The whole horizon was aflame, and our dormitory was lit as if by daylight, except the light was red. We knew that the Allies had bombed Dresden. We stood at the windows all night, delighting in the spectacle. To us it was proof that the end of the war and liberation could not be far off.3

Im Prinzip finden sich in diesem Zitat alle Elemente, die auch im Obenstehenden enthalten sind: Das brennende Dresden aus vor Bombardierung sicherer Entfernung als Zeichen der Hoffnung auf baldige Befreiung – nur, dass es nicht aus Theresienstadt erzählt, sondern aus dem ungleich unbekannteren Oederan. Die Erinnerung ist in einem Sammelband der „Holocaust Child Survivors of Connecticut“ erschienen, an der Echtheit der Schilderung ist kein begründeter Zweifel angebracht. Ein Problem besteht allerdings: Das Buch erschien 2006, ein Jahr nach dem eingangs erwähnten dpa-Artikel.

Eva Benda, die nach ihrer Befreiung in Theresienstadt über Neuseeland in die USA ausreiste, war später durchaus aktiv, in den 1980er Jahren befragte sie mehrere Holocaustüberlebende für Zeitzeugeninterviews. Von ihr selbst existiert ein dreistündiges Aussagevideo im United States Holocaust Museum, das 1997 aufgenommen wurde, es ist Teil der Sammlung „USC Shoah Foundation Visual History Archive“, deren Materialien in zahlreichen internationalen Institutionen abgerufen werden können, darunter auch dem Jüdischen Museum in Berlin oder dem Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“. Es ist reine Spekulation, aber mir erscheint es zumindest nachvollziehbar realistisch, dass Wolfgang Jung einen Ausschnitt der Aussage von Eva Benda gesehen und im Hinterkopf behalten hat, wo er später (aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt) in einem seiner Artikel wiederauftauchte. Dass Benda ihre Erinnerung nicht aus Theresienstadt, sondern aus Oederan schilderte, kann dabei als Information leicht verloren gegangen sein, zumal Benda ja in Theresienstadt befreit wurde und sachlich korrekt eine Überlebende des Ghettos Theresienstadt ist.

Letztlich bedeutet dies, dass das Zitat an einer wenig am eigentlichen Sinn ändernden Stelle falsch wäre (auf dem eingangs gezeigten Banner wäre es sogar korrekt – falsch ist nur die Angabe aus dem zugrundeliegenden dpa-Artikel), es zeigt aber, wie leicht sich solche Texte fortpflanzen und vervielfältigen können, so dass sie irgendwann in Zitationsschleifen hängen – wer nach der Stelle googlet, findet zwischen Antifa-Publikationen und Presseartikeln mittlerweile auch Landtagsprotokolle. Vielleicht wäre es sinnvoller, nicht mit solch kurzen, kontextlosen Überlieferungen politisch arbeiten zu wollen, ohne sich wirklich damit auseinanderzusetzen, was die Quelle aussagt. Sie ist weniger ein Zeugnis eines irgendwie gearteten „Sinns“ der Bombardierung Dresdens als Einblick in das erinnerte Gefühlsleben einer misshandelten Seele, der über Jahre nahezu unvorstellbare Grausamkeit zugefügt wurde.

Eva Benda ist am 3. Januar 2017 mit 92 Jahren in Chevy Chase, Maryland gestorben.


  1. Gunnar Schubert: ‚Die kollektive Unschuld‘: Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde. Hamburg 2006, S. 41. 

  2. http://www.spiegel.de/einestages/kz-odyssee-a-949524.html 

  3. Eva Benda: From Prague to Theresienstadt and Back, in: Martin Ira Glass, Robert Krell (Hrsg.): And Life is Changed Forever. Holocaust Childhoods Remembered. Detroit 2006, S. 251-276, hier: S. 264. 

5 Kommentare

  1. M. Kellner

    Lieber Herr Hoffmann, danke für Ihre kurze und eingängige Erörterung. Viele „virale“ Sentenzen lassen sich erfahrungsgemäß keiner Quelle mehr zuordnen. Früher oder später ist es wohl aber zwangsläufig etwas, was wir Historiker dennoch versuchen.

    Interessant finde ich den Aspekt der für die RAF-Piloten von Dresden aus sichtbaren Ostfront. Können Sie mir hierzu bitte einen konkreteren Hinweis geben?

    Viele Grüße
    Marcel Kellner

  2. Sehr interessanter Artikel! Zu der Sichtbarkeit des Feuerscheins und der Entfernung: Meine Oma hat auch immer erzählt, dass sie Dresden von Schipkau aus brennen sehen haben. Das sind auch rund 60 km.

  3. Stoertekoch

    Sehr gut recherchiert. Danke.

    Der Schein des Feuers wird übrigens auch durch Wolken und den aufsteigenden Rauch reflektiert und ist somit unter Umständen auch über 100 km entfernt sichtbar. Bei einer Flughöhe von 600m kann man bis zu 100km weit sehen, bei 300m noch 70km weit. Entsprechend weit können vom Feuer beleuchtete Wolken gesehen werden.

  4. Meine Großmutter erzählt, dass das brennende Dresden von Leitmeritz (direkt gegenüber von Theresienstadt) zu sehen gewesen ist. Durchaus möglich also.

  5. Danke für diese Recherche, Moritz!

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