Blog Blogposts

Dresden: Ein Anhang

So, puh.

Man gestatte mir diese flapsige Einleitung, aber die letzten drei Tage waren unvorhersehbar anstrengend. Seit ich den folgenden Tweet ins Netz schickte habe ich ungefähr 800 FollowerInnen hinzugewonnen, 16 aufmunternde Direktnachrichten bekommen, sieben unflätige und nahezu unlesbare E-Mails erhalten und ungezählte Antworten bei Twitter empfangen.

Ich habe dabei einiges über das Internet gelernt, obwohl ich dachte, es schon verstanden zu haben. Das Wichtigste: Wenn man einen Tweet absendet, denkt man maximal an die kleine eigene Filterblase derer, mit denen man ohnehin Kontakt hat. Geht der Tweet allerdings viral, wird er gelesen, als habe man ihn mit Allgemeingültigkeitsanspruch und dem Sendebewusstsein einer Neujahrsansprache verfasst. Dieser Widerspruch lässt sich im Nachhinein natürlich nicht mehr auflösen, weder im Positiven noch im Negativen. Und weil wir bei Twitter sind, lässt sich die Nachricht auch nachträglich nicht mehr bearbeiten, weswegen ich jetzt einen Blogpost nachschiebe, um ein paar Gedanken aufzugreifen, die mir in diesen Tagen häufiger zugetragen wurden.

Zuvorderst, obwohl ich es von vorneherein als selbstverständlich mitgedacht hatte: Natürlich ist es traurig, schlimm und tragisch, wenn Menschen sterben – ob einer, ob 23.000, ob das Zehnfache davon. Wenn ich versuche, als Historiker Dinge über Dresden zu schreiben, geschieht das meist aus einer eher analytischen Draufsicht, die wenig Empathie transportiert. Ich glaube nicht, dass ich etwas beweisen muss, denke aber, dass ich ohne die Fähigkeit zu solcher Empathie das Projekt Untold Stories nicht so hätte bearbeiten können, dass ich bis heute mit einigen der dort vertretenen Personen in regelmäßigem Kontakt stehe.

In den meinem Tweet folgenden Debatten wurde ich, neben den erwartbaren Beleidigungen und der unweigerlichen Holocaustleugnung und -relativierung, auf die ich hier nicht noch einmal eingehen möchte (wer das mit mir diskutieren möchte, mag mir eine E-Mail schreiben), vor allem mit Forderungen nach Belegen konfrontiert. Dieses Bedürfnis kann ich gut nachvollziehen und will mich auch nicht damit herausreden, dass es ja ein Tweet mit begrenztem Raum (trotz Screenshot) war, den ich dort publizierte. Also hole ich diese Belege nun nach, inklusive einer etwas weiträumigeren Erläuterung dessen, was ich gemeint habe. Einleitend sei noch angemerkt, dass ich die Kommentare im Word-Screenshot in etwa zehn Minuten ohne Literaturrecherche verfasst habe, weil ich mich mit dem Thema durch mein Buch noch gut auskenne.

1. „Der Krieg war schon entschieden“ – Falsch. Der Krieg war weit fortgeschritten, aber insbesondere die Westalliierten standen noch unter dem Eindruck der (wie wir nun wissen letzten) deutschen Großoffensive in den Ardennen

In dieser Passage stecken gleich zwei zu diskutierende Dinge. Oft ist mir entgegnet worden, der Krieg sei 1943 in Stalingrad entschieden worden. Das ist einerseits nicht ganz richtig und andererseits in diesem Zusammenhang nicht wichtig. Zunächst einmal ist sich die Forschung mittlerweile einig, dass der Zweite Weltkrieg für das Deutsche Reich schon ab dem Winter 1941 nicht mehr zu gewinnen war, als die Eroberung Russlands im „Unternehmen Barbarossa“ vor Moskau im Winter stecken blieb.1 Nach der Niederlage von Stalingrad und dem Misserfolg von Kursk setzte sich diese Erkenntnis dann auch in der Wehrmacht durch, so dass sogar Hitler im August 1943 feststellte, man „wurstele [sich] von einem Monat zum anderen weiter.“2

Viel entscheidender als die Frage, wann der Krieg denn nun entschieden war, ist aber die Frage, welche Auswirkungen dies auf die Kriegsführung bis in den Mai 1945 haben sollte. Wir betrachten den Krieg, die Bombardierung Dresdens und die Kapitulation der Wehrmacht ja im Nachhinein, mit dem Privileg des Wissens um das, was im Februar 1945 noch die Zukunft war. Nicht nur konnte weder Churchill noch die Royal Air Force also zu diesem Zeitpunkt sicher sein, dass der Krieg bald zu Ende sein würde, sie hatten einen sehr konkreten Grund zur Vorsicht: Zum Jahreswechsel 1944/45 hatte das Deutsche Reich es noch einmal geschafft, zumindest kurzfristig in die Offensive zu gehen, was man ihm bei Briten und Amerikanern eigentlich nicht mehr zugetraut hatte:

„Allerdings hatten Hitlers Ardennenoffensive in den letzten Wochen des Jahres 1944 und die so genannte „Operation Bodenplatte“, der Angriff deutscher Jäger auf alliierte Flugplätze im Westen, den Westalliierten wieder einmal vor Augen geführt, zu welch gefährlichen Kraftanstrengungen die deutsche Wehrmacht noch fähig war, wenn auch beide Operationen scheiterten.“3

2. „Die Stadt war überfüllt mit unzähligen Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten “ – Falsch. In Dresden kam eine Vielzahl von Flüchtlingen an, die aber immer umgehend weitergeschickt wurden. Daher sind auch die meisten toten Flüchtlinge am Hauptbahnhof gestorben, sie warteten auf den nächsten Zug. Von Überfüllung der Stadt kann aber keine Rede sein.

Die Dresdner Historikerkommission hat auf die Frage der Anzahl der in Dresden befindlichen Flüchtlinge ein Hauptaugenmerk gelegt, auch weil dieses „Motiv“ schon sehr früh bestand und bis heute reproduziert wird. Um es kurz zu machen: Eine befriedigend genaue Zahl an in Dresden befindlichen Flüchtlingen am 14. Februar 1945 hat man nicht ermitteln können, sondern sich auf eine Größenordnung von „einigen Zehntausend bis ungefähr 200.000“ festgelegt.4 Grundsätzlich geht aber auch die Kommission davon aus, dass die Zahl der Flüchtlinge meist überschätzt wird – unter anderem, weil es geltende Aufenthaltsbeschränkungen gab und öffentliche Aufenthaltsstätten fehlten. Fragt man ZeitzeugInnen nach im eigenen Wohnumfeld untergebrachten Flüchtlingen, schätzen sie diese meist als deutlich geringer ein als die Zahl der Flüchtlinge in der gesamten Stadt.5 Es gibt dort also eine Differenz auch in den (ohnehin historisch unzuverlässigen) Angaben derer, die 1945 in Dresden lebten zwischen dem, was sie erlebten, und dem, was sie glauben über ihre Stadt zu diesem Zeitpunkt zu wissen.

3. „Bedeutsame militärische Infrastruktur gab es in Dresden nicht.“ – Dresden verfügte weiterhin über (geringe) Luftabwehr und war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt von Westen an die Ostfront.

Bei wenigen von Höckes Aussagen im betreffenden Absatz ist die historische Unwahrheit so deutlich wie bei diesem – er steht aber in der Tradition einer politischen Überhöhung des Luftangriffs auf Dresden  als einer Zerstörung von „Elbflorenz“ ohne jede militärische Relevanz. Hierzu lässt sich gut Rolf-Dieter Müller zitieren, einer der angesehendsten deutschen Militärhistoriker (der, um diesem Vorwurf vorzubeugen, jeder linken Unterwanderung der Wissenschaft unverdächtig ist):

„Dabei steht außer Frage, dass Dresden als eine der letzten intakten großen Garnisonsstädte im Reich und als Rüstungsstandort von erheblicher Bedeutung für Hitlers Kriegsführung gewesen ist. […] Neben Magdeburg sollte Dresden die größte Bastion in der letzten deutschen Verteidigungslinie an der Elbe bilden.“6

und weiter:7

„Aus militärischer Sicht konnte die Stadt drei wichtige Funktionen wahrnehmen: die Rolle eines rückwärtigen Bollwerks zum Schutz der kriegswichtigen Industriebezirke in Böhmen und Oberschlesien, zur Flankensicherung gegenüber der Reichshauptstadt sowie zur Gewährleistung des strategisch wichtigen Elbeübergangs. Vor allem als Drehscheibe für die Verlegung von Truppen und als Knotenpunkt für die Kommunikationsstränge war Dresden unentbehrlich für die Verteidigung des Reiches nach Osten und Südosten.“

Wie kriegswichtig Dresden als Stadt war, lässt sich an den Möglichkeiten erkennen, die der Stadt sogar nach den Luftangriffen vom Februar 1945 blieben: Bald begann man dort mit der Vorbereitung von Panzermontagen, in Freital gab es Kapazitäten zur Herstellung von Treibstoff.8

4. „Die Bombardierung Dresdens war ein Kriegsverbrechen“ – Da Dresden eine kriegswichtige Stadt war und es ohnehin noch kein Luftkriegsrecht gab, kann Dresden juristisch nicht als Kriegsverbrechen gewertet werden.

Auch dieses Argument lässt sich schälen wie eine Zwiebel – ganz außen ist die formaljuristische Dimension: Es gab zwar eine Landkriegsordnung, aber kein Luftkriegsrecht, das irgendwie anwendbar gewesen wäre – seit den 1970er Jahren ist hingegen das Flächenbombardement von Städten unter keiner Voraussetzung legal. Damit kommen wir auch schon zur moralischen Dimension: Der Luftangriff auf Dresden 1945 wäre im Jahr 2016 unzweifelhaft ein Kriegsverbrechen, also kann er 1945 nicht moralisch rechtens gewesen sein. Das ist ein Argument mit einiger Strahlkraft, berücksichtigt aber nicht den das Denken formenden Charakter des Rechts. Das ist zugegebenermaßen sehr theoretisch, aber ein krimineller Akt ist ja immer erstmal eine Verletzung einer gesetzten, menschengemachten Norm. Einige HistorikerInnen argumentieren daher mit einer Art „Luftkriegsgewohnheitsrecht“, das sich aus einem nicht ratifizierten Zusatzartikel des Völkerrechts speisen sollte, der da lautete:

„Aerial bombardment for the purpose of terrorizing the civilian population, of destroying or damaging private property not of military character, or of injuring non-combatants is prohibited.“9

Wie wir oben gesehen haben, ist Dresden eine kriegswichtige Stadt gewesen, die zu allem Überfluss ihre kriegswichtigen Teile nicht in einer klar definierten Kaserne oder Ähnlichem hatte, sondern über das ganze Stadtgebiet verstreut. Gleichzeitig waren die toten ZivilistInnen sicher nicht nur ein schweren Herzens in Kauf genommenes Übel, sondern Teil der „Area Bombing Directive“ und dem Ziel, die Bevölkerung zu demoralisieren, einen Keil zwischen BürgerInnen und Regierung zu treiben. Man kann das mit Fug und Recht für verwerflich halten, man kann es auch als den oben genannten Paragraphen verletzend werten – man kann aber auch argumentieren, dass ein Gewohnheitsrecht seine Legitimation (nämlich durch die Akzeptanz aller Rechtsteilnehmer) nach den eindeutigen Terrorangriffen auf Rotterdam, Coventry und viele andere Städte längst verloren hatte. Es ist jedenfalls nicht so einfach, wie es sich Björn Höcke macht – und ich gebe zu, dass ich es durch die Einschränkung auf die juristische Dimension auch simplifiziert habe.

5. „Sie ist vergleichbar mit den Atombomben-Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki“ – Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki töteten ca. 100.000 Menschen sofort, weitere 130.000 in den Folgemonaten. Das sind ca. 10 mal so viele Todesopfer wie in Dresden.

Björn Höcke erwähnt mit keinem Wort, welche Aspekte der Bombardierungen er für vergleichbar hält – interessanterweise haben allerdings nur zwei Tage vorher die Neonazis der „Freien Aktivisten Dresden“ denselben Vergleich aufgemacht und in erster Linie mit den Todesopferzahlen begründet – weshalb ich diese Vergleichsdimension zum Widerspruch verwendete. Dahinter steckt die verworrene Geschichte der angeblichen Zahl der Dresdner Todesopfer, die je nachdem, wen man fragt, zwischen 5.000 und 500.000 Menschen liegt.

Die von der Stadt Dresden eingesetzte Historikerkommission hat lange und äußerst transparent zu den Opferzahlen geforscht und dabei auch herausgefunden, woher so manche Schätzung kam – denn die Zahl von 25.000 Toten wurde von der örtlichen Polizei schon im März 1945 geschätzt und von der Stadtverwaltung im April 1946 bestätigt, um dann auf 35.000 erhöht zu werden – was aus einigermaßen offensichtlicher Willkür geschah, weil ein Friedhofsgärtner nun eine um 10.000 größere Zahl an auf „seinem“ Heidefriedhof bestatteten Menschen angab – ohne das schriftlich zu begründen und zu fixieren.10 Die oft genannten deutlich höheren Opferzahlen lassen sich zu größten Teilen direkt auf das Reichspropagandaministerium von Goebbels zurückführen: So lässt es sich erklären, dass im Ausland schnell von 100-250.000 Toten berichtet wurde, während die deutsche Presse wenn überhaupt von „wenigen 10.000“ sprach – interne Polizeiberichte vom 10. März 1945 meldeten „18.375 Gefallene, 2.212 Schwerverwundete, 13.178 Leichtverwundete“11 Der aktuelle Forschungsstand, dessen Methodik jeder im Abschlussbericht nachlesen kann, nennt eine Gesamtopferzahl von 20-25.000 Toten. Es gibt aktuell keinen Grund, diese Zahlen als falsch zurückzuweisen, aber wie immer gilt ein einmal gefundener Wert in der Wissenschaft nur bis zum Beweis seiner Falschheit. Zumindest was die Quantität der Opfer angeht, ist Dresden also mit Hiroshima und Nagasaki und den dortigen 230.000 Toten nicht vergleichbar.

6. „Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten.“ – Royal Air Force und US Air Force ging es darum, den Krieg möglichst schnell zu beenden – der Ansatz hierfür war eine „show of force“. Vernichtungswille ist, im Gegensatz zum Deutschen Reich zur selben Zeit, nicht erkennbar.

Es ist einigermaßen zynisch, aber nicht von der Hand zu weisen: Hätten USA und Großbritannien Deutschland „mit Stumpf und Stiel vernichten“ wollen, hätten sie es getan – sie hätten auch weiterhin Berlin bombardieren können oder andere, nahezu gänzlich unzerstörte Orte wie Heidelberg ins Visier nehmen können. Belege für Vernichtungswillen sind weder in Gedanken noch Handlungen nachweisbar.

7. „Deutsche Opfer gab es nicht mehr“ – Ab 1946 wurde in Dresden der Opfer der Luftangriffe gedacht, in kleinem Rahmen wie auch auf offizieller Ebene

Beschränken wir uns hier einmal auf Dresden statt Gesamtdeutschland in den Blick zu nehmen: Schon zur ersten Jährung der Bombenangriffe gab es in der ganzen Stadt Gedenken und Trauerrituale um die Todesopfer – so wurden zum Zeitpunkt des ersten Fliegeralarms um 21:45 in den Kirchen der Stadt die Glocken geläutet12. Das öffentliche Gedenken, initiiert von der Dresdner Stadtverwaltung, wurde gar von der Sowjetischen Militäradministration in Sachsen offiziell genehmigt, mit der sich innerlich widersprechenden Maßgabe, dass keine „Tendenzen gegen die Alliierten“ zu äußern seien, gleichwohl die Verlautbarung genehmigt wurde, dass „der Angriff auf Dresden ein völlig unbegründeter Terrorangriff der Engländer und Amerikaner war“13 Generell, so konstatiert der Historiker Dietmar Süß, ist die Wahrnehmung „des Luftkrieges als „deutsches Tabu“ weniger präzise Beschreibung als vielmehr selbst Teil einer der unterschiedlichen Erzählungen […], in denen nach 1945 der alliierten Kriegführung gedacht wurde.“ Tatsächlich ist Dresden als historischer Zerstörungsort ein Sonderfall, weil es in die Erinnerungsmühlen des Kalten Krieges geriet – es war nach dem Kriegsende eine von der Sowjetunion kontrollierte Stadt, die von den Westalliierten zerstört worden war. Dass in der DDR selten große staatliche Gedenkfeiern organisiert wurden, heißt nicht, dass die Opfer vergessen wurden – im Gegenteil, dem Sozialismus entsprechend wurden diese Veranstaltungen auf die Betriebs- und Schulebene gelegt und dort über die gesamte Stadt hinweg jährlich am 12. Februar veranstaltet. Am 13. Februar folgten öffentliche Kranzniederlegungen, um 12:00 Uhr ruhte der Verkehr in der ganzen Stadt für eine Minute.14 Von einem Verschweigen der Bombardements kann also keine Rede sein.

8. „sondern es gab nur noch deutsche Täter“ – Deutsche Täter wurden nach Gründung der Bundesrepublik in den 1950er Jahren kaum juristisch verfolgt

Höcke bleibt auch hier unpräzise – für wen gab es angeblich nur noch deutsche Täter? Juristisch kann er es nicht meinen. Außer den Nürnberger Prozessen, zunächst dem bekannten Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher (zwei wurden allerdings freigesprochen) und zwölf Folgeprozessen, und kleineren Prozessen gegen EinzeltäterInnen geschah nämlich erst einmal nicht sehr viel. Im Gegenteil, das überhaupt erst zweite verabschiedete und verkündete Gesetz der Bundesrepublik Deutschland war das „Gesetz über die Gewährung von Straffreiheit“15, das Straffreiheit für fast alle vor dem 15. September 1949 begangenen Taten vorsah, die mit nicht mehr als 5000 Reichsmark oder sechs Monaten Strafe belegt worden waren – ein ähnlich lautendes Gesetz wurde fast zeitgleich in der DDR verabschiedet. Beide schlossen bestimmte im Nationalsozialismus begangene Verbrechen aus, gewährten aber doch weiträumige Erleichterungen für „kleine“ Täter, die beispielsweise bei den Novemberpogromen 1938 Gewalt ausgeübt hatten.  Erst 1957 (mit dem sog. Ulmer Einsatzgruppenprozess) und 1958 (mit der Einrichtung der Ludwigsburger Zentralen Stelle) tat sich im Westen wieder etwas bezüglich der Ermittlungen gegen deutsche Täter. Wie löchrig diese Ermittlungen waren ist daran erkennbar, dass auch heute noch Prozesse gegen KZ-Personal geführt werden.16


 

Das Thema „Dresden“ ist sehr komplex, sehr viel Menschen haben bereits sehr dicke Bücher darüber geschrieben. Ich habe sicher vergessen, hier einige Punkte anzuführen, die ich eigentlich aufschreiben wollte. Ich bitte daher ausdrücklich darum, Fragen und Diskussionen in der Kommentarspalte oder per Mail zu äußern, ich reagiere gerne darauf. Schließen möchte ich mit dem Schlussabsatz der Dresdner Historikerkommission, der alles noch einmal gut zusammenfasst:17

„In der Konsequenz des von Deutschland ausgegangenen Krieges wurde Dresden im letzten Kriegsjahr durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört. Innerhalb weniger Stunden starben viele Tausend Menschen – Zivilisten und Militärangehörige, Dresdner und Flüchtlinge, aber auch Zwangsarbeiter, Häftlinge und Kriegsgefangene. Für die wenigen noch nicht ermordeten jüdischen Mitbürger bedeuteten die Luftangriffe Gefahr und Rettung vor Deportation gleichermaßen. Ein verantwortliches Erinnern an das Schicksal aller dieser Menschen setzt ein ernsthaftes und andauerndes Bemühen um die Korrektheit der geschichtlichen Darstellung voraus.“

Titelbild: Bundesarchiv, Bild 146-1981-157-29 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 146-1981-157-29, Bombenopfer, Crop von Moritz Hoffmann, CC BY-SA 3.0 DE


  1. Die Gründe hierfür sind gut herausgearbeitet bei Bernd Wegner: Von Stalingrad nach Kursk, in: Karl-Heinz Frieser (Hrsg.): Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg 8). München 2007, S. 3-82. 

  2. Ebenda, S. 35. 

  3. Horst Boog: Die Zerstörung der Stadt Dresden am 13./14. Februar 1945 und die damalige Gesamtkriegslage, in: Rolf-Dieter Müller, Nicole Schönherr, Thomas Widera (Hrsg.): Die Zerstörung Dresdens 13. bis 15. Februar 1945. Gutachten und Ergebnisse der Dresdner Historikerkommission zur Ermittlung der Opferzahlen. Göttingen 2010, S. 61-74, hier S. 62. 

  4. Landeshauptstadt Dresden (Hrsg.): Abschlussbericht der Historikerkommission zu den Luftangriffen auf Dresden zwischen dem 13. und 15. Februar 1945. Dresden 2010, S. 61. 

  5. Ebenda. 

  6. Rolf-Dieter Müller: Die militärische Bedeutung Dresdens im Frühjahr 1945 und die Auswirkungen der alliierten Luftangriffe, in: Rolf-Dieter Müller, Nicole Schönherr, Thomas Widera (Hrsg.): Die Zerstörung Dresdens 13. bis 15. Februar 1945. Gutachten und Ergebnisse der Dresdner Historikerkommission zur Ermittlung der Opferzahlen. Göttingen 2010, S. 75-100, hier  S. 75. 

  7. Ebenda, S. 76. 

  8. Heinz Schulz: Rüstungsproduktion im Raum Dresden 1933-1945 (Militärhistorische Schriften des Arbeitskreises Sächsische Militärgeschichte e.V. 11), Dresden 2005, zitiert nach Müller, Militärische Bedeutung, S. 80. 

  9. zitiert nach Martin Böhm: Die Royal Air Force und der Luftkrieg 1922-1945. Personelle, kognitive und konzeptionelle Kontinuitäten und Entwicklungen. Paderborn 2015, S. 71. 

  10. Landeshauptstadt Dresden, Abschlussbericht, S. 68. 

  11. zitiert nach Richard Evans: Der Geschichtsfälscher. Holocaust und hsitorische Wahrheit im David-Irving-Prozess. Frankfurt am Main 2001, S. 193. 

  12. Karlheinz Blaschke, Uwe John, Holger Starke: Geschichte der Stadt Dresden. Bd. 3. Von der Reichsgründung bis zur Gegenwart, Dresden 2006, S. 583. Wikipedia behauptet ohne Beleg, das Läuten der Glocken sei von zwei Schuljungen ausgegangen 

  13. Thomas Fache: Alliierter Luftkrieg und Novemberpogrom in lokaler Erinnerungskultur am Beispiel Dresdens. Unver. Magisterarbeit, Dresden 2007, S. 33-34. 

  14. Claudia Jerzak: Gedenken an den 13. Februar 1945. Perspektiven Dresdner AkteurInnen auf die Entwicklung von Erinnerungskultur und kollektivem Gedächtnis seit 1990. Unver. Magisterarbeit Dresden 2009, S. 32. 

  15. https://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/01165/index-18.html.de 

  16. Grundsätzlich zum Thema empfehlenswert ist das Standardwerk von Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. München 1996. 

  17. Landeshauptstadt Dresden, Abschlussbericht, S. 70. 

21 Kommentare

  1. Ronald Konschak

    Es ist zwar richtig, dass Dresden eine militärische Bedeutung hatte, jedoch stellt sich die Frage, weshalb kaum militärische Anlagen bombardiert wurden. Alle militärischen und rüstungsrelevanten Anlagen befanden sich außerhalb des Stadtzentrums. Die feinmechanischen Betriebe im Osten, die Maschinenbaubetriebe im Westen und Süden, die Kasernen einschließlich des einzigen Flugplatzes im Norden. Keine dieser Anlagen ist am 13. Februar 1945 ernsthaft beschädigt worden. Selbst der relativ zentrumsnah gelegene Rangierbahnhof, für Militärtransporte weitaus wichtiger als der Hauptbahnhof, hatte keine Unterbrechung des Betriebes. Die Zerstörung des historischen Stadtzentrums war militärisch kaum sinnvoll, und kann nur als Demonstration der Stärke betrachtet werden.

  2. Karlheinz Blasche fehlt ein K wie Kriegswichtig

  3. Thomas Rindt

    Mein Kommentar bringt jetzt nicht viel Inhalt – aber er ist mir ein Bedürfnis:

    Sehr gut geschrieben!

  4. Pingback: die ennomane » Links der Woche

  5. Pingback: Geschichtslektion für einen Rechtsextremisten | Text & Blog

  6. Christoph Hagemann

    Wow. Danke! Genauigkeit und Belege statt Halbwissen und Populismus tun gut. Vielen Dank!

  7. Sehr geehrter Herr Hoffmann,

    Dank für Ihr unaufgeregtes Engagement und Einordnung Ihrer Anmerkungen zur »Sportpalast-Rede« von Höcke.

    Leider wird die Zielgruppe von Höckes Rede Ihre Ausführungen wohl bloß als „alternative Fakten“ abtun und sich weiterhin in ihrer Meinung nicht von Tatsachen beirren lassen,

    Dennoch finde ich Ihren Beitrag sehr wichtig zur Einordnung von Höckes Rede und der dahinterstehenden Geisteshaltung.

    Mein Großvater hätte Menschen wie Herrn Höcke übrigens gerne mit dabei gehabt, als er im Winter 41 zurück nach Wjasma stolperte.

  8. J. Eichhorn

    Sehr geehrter Herr Hoffmann,

    herzlichen Dank für Ihre sehr detaillierte und zusammenfassende Einordnung der Geschehnisse.

    Es ist bedauerlich, dass die Tragödien der späten Kriegsjahre auch heute noch (oder wieder) benutzt werden, um einen vollkommen fehlgerichteten Patriotismus zu schüren. Der Krieg, mit dem unser Land Europa überzogen hat, sollte ein Mahnmal für (und nicht gegen) ein vereintes, offenes und freies Europa sein. Das „Alle gegen uns“ eines Herrn Höcke und seinen begierigen Zujublern ist dabei eine tragische Verzerrung der Lehren, die Deutschland in den letzten 70 Jahren geprägt und vorrangebracht haben.

    Nachdem ich die Rede gesehen hatte, war ich sehr aufgewühlt. Ihre fachliche und damit entlarvende Gegenschrift hat mir wieder Ruhe gegeben. Deswegen dieser sehr öffentliche Dank.

    Mit freundlichen Grüßen,
    J. Eichhorn

  9. Möchte nur mal einen Kommentar da lassen, um dir zu sagen, dass ich es klasse finde, wie viel Mühe du dir machst. Ich kann mir vorstellen, dass in letzter Zeit die Nerven vieler Historiker überstrapaziert werden.

    Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie deprimierend es sein kann, so viel Mühe in Faktenrecherche / -erklärung zu stecken (wenn auch auf einem anderen Fachgebiet), nur damit die ganze Arbeit mit einem „trotzdem!!!!“ oder irgendwelchen anonymen, „alternativen“ YouTube-Videos mit gefühlt 5 Stunden Laufzeit und ohne auch nur einen einzigen Quellennachweis einfach weggewischt wird.
    Mir fällt es ehrlich gesagt schwer, damit so ruhig umzugehen, wie du.

    Von daher: Meinen Respekt, lass‘ dich nicht unterkriegen und weiter so!

  10. Moin Moritz (ich bin älter, ich darf das…:)…),

    ich stehe artig mit zusammengestellten Füßen da, halte die Arme längs am Körper und verneige mich so tief, wie mein Rücken es zulässt. Vielen Dank für diesen Tweet (von dem ich ohne das BILDblog nichts mitbekommen hätte) und vielen Dank für deine Korrekturen an Höckes unsäglichem Pamphlet. Es ist leider viel zu selten geworden, dass valide belegbare Inhalte laut ausgesprochen und deutlich gegen Hirnverweigerer argumentiert werden. Und wie so oft musste ich mich auch beim Querlesen der Antworten wieder zurückhalten, in den Schulen die Prügelstrafe für nicht gemachte Hausaufgaben wieder einzuführen…äh…zu fordern.

    Bleib‘ bitte auf deiner Linie und führe die Blödmannsgehilfen mit ihren gefühlten Wahrheiten mit Fakten in die Irre!

  11. WilhelmVoigt

    Die Kriegslage ist vielleicht besser zu verstehen, wenn man berücksichtigt, dass Hitler jede Verhandlung mit den Alliierten strikt ablehnte und bewusst den Untergang Deutschlands und des deutschen Volkes vorzog. Nachdem die Naziführung 1944 den totalen und rücksichtslosen Krieg ausgerufen hatte und die Deutschen zu Geißeln für die letzten Schlachten machte (z.B. Breslau) und überall verbrannte Erde hinterließ, gab es auch für die Alliierten keinen Grund, die Lage der Flüchtlinge und der Deutschen in strategisch wichtigen Städten besonders zu berücksichtigen. Wichtig war, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden, koste es was es wolle.

  12. Deutsche Jammerlappen-Nerver

    Zudem sollte man auch die Vorgeschichte bedenken. Wenn ich nicht schon Jahrzehntelang Fakes aufsitze, hat die deutsche Luftwaffe bereits in Spanien Luftbombardierungen auf zivile Ziele geübt, mit dem Ziel möglichst viele Zivilisten einer Stadt zu töten und dadurch den Widerstand zu brechen.
    Und den perfektionierten Terror im WK2 systematisch als Strategie gegen England’s Städte und Zivilisten ausgeübt. Bis Sie die Lufthoheit über der Insel verloren haben. Dann haben sie es weiter versucht, mit V1, V2 usw. (Und in welchen anderen Ländern wir Deutsche damals noch Luftkriegterror gegen Zivilisten als Standardkriegstechnik genutzt haben, bekomme nicht mal ich ungestützt abgerufen.)
    Was für eine weltfremde Pseudodeppen-Pazifistenrolle spielen da ausgerechnet unsere Rechtsextremen, wenn sie den Briten dann vorwerfen, sobald sich das Blatt wendete, sich doch tatsächlich der gleichen Mittel zu bedienen?

    Man kennt das von dieser Sorte Menschen: Solange allen Wehrlosen ins Gesicht treten, bis einer effektiv zurückschlägt. Und dann dessen Gewalttätigkeit anklagen.
    In deren eigener Sprache nennt man das: Entartet.

  13. Pingback: BastianEbert.de » Höcke Hoax 3 – Der Geschichtslehrer, dem man Geschichte lehren muss

  14. Der Bombenteppich wurde deutlich ausserhalb der Zonen, wo kriegswichtigen Objekte vorhanden waren, gelegt. Dies war geplant und kein Irrtum. Die Bombergruppen waren zu diesem Zeitpunkt bereits sehr erfahren, so dass ein Fehler nicht anzunehmen ist.
    Kriegswichtige Obekte in Dresden waren:
    – EIsenbahnanlage insbesondere der Güter- und Rangierbahnhof Friedrichstadt
    – Maschinenbau und Optik, v.a. in Übigau
    – Kasernen an der heutigen Staufenbergallee
    – Flughafen in Klotzsche

    Aus diesem Grund hatte der Bombenangriff vom 13. februar 1945 keinen Einfluss auf den Krieg. Es war rein psychologisch motiviert.

  15. Heutzzutage nicht mehr

    So einen Artikel kann nur einer ohne Ahnung von Dresden schreiben.
    Der Angriff war ein Terrorakt.
    Die Nazis haben Europa terrorisiert. Auch die Dresdner Nazis.
    Und die Allierten haben zurück terrorisiert.
    Damit haben sie sich auf die gleich Ebene gestellt.
    Die Zerstörung wirkt bis heute nach. Nur ist in Dresden das Gedächtnis an das verloren gegangene,
    aufgrund der Qualität der Stadt, so tief verwurzelt das es vererbt wird.
    Durch dieses Bewusstsein ist die Dramatik des Terrorakts der Zerstörung heute noch lebendig.
    Und so ist es das Entsetzen und die Abscheu diesem Verbrechen gegenüber.
    An die Menschen von damals erinnert sich heute keiner mehr. Aber die verlorene Ästhetik ist jedem Mensch mit Kunstverstand ein Denkmal an Dummheit und Arroganz.

  16. Moritz,

    gut aufbereitet, aber bei dem Satz hier solltest du dir wirklich den Schaum vorm Mund abwischen:

    >>>
    3. “Bedeutsame militärische Infrastruktur gab es in Dresden nicht.” – Dresden verfügte weiterhin über (geringe) Luftabwehr und war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt von Westen an die Ostfront.
    << liegt irgendwo bei 20 Punkten
    – „(geringe) Luftabwehr vorhanden“ -> liegt dann auch irgendwo bei 20 – 25 Punkten

    Also jeweils in den unteren 25% der Skala – also mehr oder weniger das gleiche?

  17. Hm, irgendwie wurde ein Teil meines Kommentars aufgrund der Verwendung von „>“ bei den Einrückungen verschluckt :-/

  18. Elisabeth Herrmann

    Lieber Moritz Hoffmann, ich habe Ihre Erläuterungen mit großem Interesse gelesen. Einiges war mir nicht bekannt. Anderes, wie die Frage nach dem Kriegsverbrechen, ist wiederum eine harte Nuss. In Ihrer Darlegung korrekt, im “ Empfinden“ vieler nicht. Ich fürchte, dass dieses Empfinden nicht nur Höckes Basis ist, sondern auch die Nebelwand, hinter der sich die „gefühlte Wahrheit“ in Richtung Rechtsextremismus verdichtet. Danke für Ihre Mühe und die Art, mit der Sie ein paar Steinchen in diese Wand werfen. Mit herzlichen Grüßen Elisabeth Herrmann

  19. Christiane Quincke

    Vielen Dank für die sachliche und kundige Zusammenfassung. Es erinnert mich an die Diskussion in Pforzheim. Ähnliches Schicksal, ähnliche Argumentationen, ähnliche Instrumentalisierung von rechter Seite.

  20. Dirk Molis

    Hallo Herr Hoffmann,
    Danke für die zeitnahe Zusammenstellung von Argumenten zu der brandstiftenden Rede von Herrn Höcke!
    Ein Aspekt zur Aussage „Der Krieg war schon verloren“ halte ich noch für Disskussionswürdig: Wie weit waren tatsächlich die sogn. Wunderwaffen entwickelt? Hätten die Nazis evtl auch eine Atombombe im Frühjahr 1945 entwickeln und zum Einsatz bringen können?
    Welche Quellen bzw Erkenntnisse haben Sie darüber?

    Danke für Ihre Mühe!

    Dirk Molis

  21. Madeleine

    Gut gemachte Übersicht, nur der Nachweis bei Dietmar Süß fehlt noch.

Kommentare sind geschlossen.