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It belongs in a Museum! Oder nicht?

Die Shitstorms kommen ja meist, wie sie wollen. Prof. Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, dürfte sich auch nicht ausgemalt haben, welche Folgen seine kurze Äußerung haben würde, der LKW, mit dem der Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz ausgeführt wurde, sei ein denkbares Exponat für das Museum.

Um es noch einmal klar zu sagen: Es gibt überhaupt keine konkreten Pläne dazu. Im Gespräch mit der dpa sagte Hütter wortwörtlich, explizit auf den LKW angesprochen:

„Es ist noch zu früh, um darauf eine abschließende Antwort geben zu können. Es läuft ja noch ein Untersuchungsverfahren. Und um die richtige Auswahl treffen zu können, braucht man auch zeitlichen Abstand.“

Wohlgemerkt: Er sagt das nicht auf die Frage danach, ob er den LKW oder Teile davon ausstellen will, sondern auf die Frage:

„Wird sich das Haus der Geschichte um den Lastwagen bemühen, mit dem der Berliner Terroranschlag verübt wurde?“

Somit können wir das wohl vorderste Missverständnis schon einmal zur Seite räumen: Niemand hat Pläne, in den nächsten Wochen oder Monaten einen blutbeschmierten LKW ins Museum zu schaffen und dort auszustellen. Alles was Hütter sagt ist dass man zu gegebener Zeit, wenn der LKW nicht mehr von der Polizei und Staatsanwaltschaft benötigt wird und die Eigentumsrechte geklärt sind, überlegen sollte, ob das Gefährt oder zumindest Teile davon geeignet wären, in die Sammlung des Museums überzugehen. Oder kurz: Hütter äußert eine Selbstverständlichkeit. Und zwar nicht initiativ, er rennt nicht herum und ruft laut nach dem Gegenstand, er wurde von der dpa gefragt und hat dann selbstverständlich als von Steuerzahlern finanzierter Museumsstiftungspräsident auch die Verpflichtung, wahrheitsgemäß zu antworten.

Denn, vielleicht ist das auch ein grundlegendes Missverständnis, historische Museen (wie auch Kunstmuseen) stellen nicht alles aus, was sie besitzen. Die Ausstellung ist sogar nur einer ihrer Daseinszwecke, die vom Deutschen Museumsbund wie folgt beschrieben werden:

„Ein erheblicher Teil der originären Aufgaben der Museen bleibt dem Besucher und den politisch Verantwortlichen in der Regel verborgen: das Sammeln, Bewahren und Forschen. Die Ergebnisse der Arbeit in diesen Bereichen sind die Grundlage für das Ausstellen und Vermitteln – und damit das öffentliche Erleben der Museumssammlungen.“

Was die Besucherinnen und Besucher an Exponaten sehen, ist also nicht alles, was das Haus besitzt – im Gegenteil, es ist nur ein Bruchteil. Das Haus der Geschichte hat allein im Bonner Umfeld zahlreiche Depots, in denen Exponate darauf warten, irgendwann im Zusammenhang mit Dauer- oder Sonderausstellungen relevant zu werden – die meisten dürften auf absehbare Zeit nicht ins Licht der Öffentlichkeit geraten. Das Haus der Geschichte besitzt in seiner Sammlung aktuell 900.000 Objekte – die auf den 4.000 m² Ausstellungsfläche unterzubringen wäre künstlerisch interessant, museumstechnisch aber suboptimal und physikalisch wahrscheinlich unmöglich.

Genau deshalb ist es insbesondere für nun draufhauende Journalisten wie Martin Niewendick von der Berliner Morgenpost enorm unredlich, nun unter dem Titel „Warum der Terror-LKW nichts im Museum zu suchen hat“ zu kommentieren und mit dem Satz „Es spricht nichts dagegen, den LKW, oder Teile davon, für die Nachwelt auszustellen, wenn der ‚Islamische Staat‘ einmal besiegt sein wird. Wenn er Geschichte ist“ zu schließen. Denn genau darum geht es Prof. Hütter, darum geht es jedem historischen Museum. Das sollte ein Journalist eigentlich wissen, wenn es ihm nicht um publizierten Populismus geht.

Interessant an dieser Debatte, die eigentlich eher einem kollektives Anbrüllen der Fachleute ähnelt, ist die offenkundige Bewusstseinsschere zwischen HistorikerInnen und Nicht-HistorikerInnen. Denn für uns Fachleute ist das was Hütter äußerte banal und selbstverständlich, während es bei den Laien (die das Haus der Geschichte per Steuern ja auch mitbezahlen) offenbar zu einem nicht ganz kleinen Anteil auf große Entrüstung trifft. Das hat meines Erachtens mehrere Gründe:

  1. Unwissen der Laien darüber, was ein Museum tut
  2. Unterschiedliche Vorstellungen davon, wo Geschichte beginnt
  3. Unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein historisches Museum tun soll

Punkt 1 glaube ich oben erklärt zu oben, die anderen Punkte sind aber spannend: Denn in den aktuell aufgeblähten Facebook-Kommentarspalten (die wir niemals als repräsentativ annehmen sollten!) und auch in Niewendicks Kommentar besteht Einigkeit, dass so kurz zurückliegende Ereignisse noch nicht Geschichte sind, sondern es allenfalls einmal werden. Und tatsächlich kann man diesem Gedanken folgen – etwas ist erst Geschichte, wenn es in einem gewissen Rahmen abgeschlossen ist. Diesen Rahmen festzustecken ist schwierig und oft eher intuitiv (und damit wissenschaftlich problematisch), mit drei bis vier Wochen ist es dabei aber selten getan. In den Kolloquien an der Universität tat ich mich schon immer schwer mit Menschen, die historisch zum Nationalsozialistischen Untergrund forschen wollten, weil dort noch nicht einmal der Prozess gegen Beate Zschäpe abgeschlossen ist. An anderen Professuren wird mitunter die 30-Jahre-Regel, nach der für gewöhnlich die Akten aus dem Archiv freigegeben werden, eingehalten, in den USA rechnet man oft mit 20 Jahren. Eine klare Regel gibt es nicht. Gleichzeitig gilt: Als Haus der Geschichte, also Museum für Zeitgeschichte ab 1945, können solche Regelungen zur Sammlung nicht gelten. Denn, wenn wir beim Beispiel des LKW bleiben: Beginnt man in 10, 20 oder gar 30 Jahren damit, nach ihm zu suchen, wird er höchstwahrscheinlich verschrottet sein. Als Museum das fortlaufend die Gegenwart zur zukünftigen Darstellung der Vergangenheit beobachtet, muss man eben schnell sein – so kam das Haus 1999 an Oskar Lafontaines SPD-Parteibuch, so stellte es schon 2007 den WM-Elfmeter-Zettel von Jens Lehmann im Foyer aus.

Punkt 3 äußert sich aktuell in der Befürchtung, aus dem Haus der Geschichte einen Wallfahrtsort für SalafistInnen zu machen. Das klingt zunächst einmal nachvollziehbar, unterschätzt aber die Fähigkeiten der MuseumsmacherInnen, die kuratieren, in Szene setzen, mit Begleitinformationen ausstatten. Zahlreiche Museen auf der ganzen Welt beschäftigen sich mit Nationalsozialismus und Holocaust, bei keinem der seriösen Häuser ist ein Wallfahrtswesen von überzeugten NationalsozialistInnen bisher als Problem bekannt geworden. Auch in den Gedenkstätten passiert dies glücklicherweise selten, obwohl diese sogar am authentischen, am echten, Ort stehen.

Daher ist auch interessant, warum die Möglichkeit einer künftigen Ausstellung des LKW so viel Entrüstung hervorruft, die vorher nicht so wahrnehmbar war. Abgesehen von der zeitlichen Nähe zwischen Ereignis und Diskussion – was unterscheidet einen zur Waffe gemachten LKW von der KZ-Uniform, vom RAF-Raketenwerfer, von Fliegerbomben, von blutverschmierten Uniformen berühmter Attentatsopfer? Jedes Museum träumt davon, einen historischen Sachverhalt, ein Ereignis, eine Debatte prägnant mit einem Exponat verdeutlichen zu können, einen repräsentativen Gegenstand zu finden, der neben seiner authentischen Aura zum Weiterlesen, zur Beschäftigung einlädt. Aktuell fällt mir zur zukünftigen Ausstellung des Themas „Islamistischer Terrorismus in Deutschland“ kein besseres Exponat als ein Teil dieses LKW ein – vielleicht gibt es welche, vielleicht nicht. Es wäre jedenfalls fahrlässig, sich jetzt schon diese Möglichkeit für die Zukunft zu verbauen.

Offenlegung: Ich habe vor 7-8 Jahren halbwegs erfolgreich an zwei Lehrveranstaltungen bei Herrn Hütter im Haus der Geschichte teilgenommen und war im Jahr 2015 zur Vorstellung meines Buches dort eingeladen.