Blog Blogposts

Amerikaner: Unbelegte Gedanken über ein Nachkriegsgebäck

In den 1980er Jahren in einem Kleinstdorf im Bonner Hauptstadtspeckgürtel aufgewachsen, hatte die örtliche Bäckerei eine Auswahl, für die sich jede Selbstbedienungsklappe heutiger Discounter schämen würde. Weißbrot, Schwarzbrot, Vollkornbrot, dazu drei Sorten Brötchen, Croissants und ein wenig Süßgebäck, das reichte auch vollkommen aus. Zum Süßgebäck, das je nach katholischem Kalender schwankte, gehörten immer kreisrunde, platte Küchlein mit Zuckerguss, die sich Amerikaner nannten.

Ich habe seit sicher zwei Jahrzehnten keinen Amerikaner mehr gegessen und kann mich auch nicht mehr genau daran erinnern, wie das Thema nun wieder auf die Tagesordnung kam. Nur fiel mir auf, dass diese Amerikaner, die ich immer nur mit weißer Glasur gekannt hatte, an meinem neuen, nordbadischen Wohnort auch mit brauner, mitunter dunkler Schokolade verkauft werden. Und weil ich mit einer begonnenen Freiberuflichkeit, drei parallel laufenden Projekten und zwei Kindern nicht genug zu tun habe, war meine Neugier geweckt.

Brodie-Helm | Joshua R. Murray, M1917helmet, CC BY-SA 3.0

Brodie-Helm | Joshua R. Murray, M1917helmet, CC BY-SA 3.0

Amerikaner, das sei zunächst gesagt, heißen aus nicht ganz geklärten Gründen so. Die wahrscheinlichste Variante ist, dass es eine Abwandlung des Namens des verwendeten Backpulvers, des Ammoniumhydrogencarbonats ist. Andere, noch schlechter belegte Vermutungen betreffen die Form des Brodie-Helms aus dem Ersten Weltkrieg. Das würde allerdings wenig Sinn ergeben, da dieser Kopfschutz in erster Linie von britischen Soldaten (und denen anderer zum erweiterten Vereinigten Königreich gehörenden Staaten) verwendet wurde und keine primär US-amerikanischen Assoziationen weckte. Eine letzte, nicht ganz  unwahrscheinliche Möglichkeit ist der Import aus den USA: US-Soldaten hätten die dort populären „Black and White Cookies“ als Rezept mitgebracht, bald wären sie auch unter den Deutschen beliebt gewesen. Da die „Black and White Cookies“ allerdings grundsätzlich, der Name mag es andeuten, weißen Zuckerguss und dunkle Schokoladenglasur haben, kann dieser Ansatz die Verbreitung der schlicht weißen Amerikaner nicht erklären.

Aber kommen wir zurück zur unterschiedlichen Farbgebung. Mein erstes Sample zur regionalen Verteilung hatte nur drei Werte: mein Heimatdorf nahe Bonn, Wesel am Niederrhein, wo ich aufwuchs und die Umgebung um Heidelberg, wo ich nun wohne. An beiden erstgenannten Orten waren Amerikaner immer weiß, am letztgenannten mitunter weiß, selten dunkel, aber meist halb-und-halb.

Meine These lautete daher: wenn wir Amerikaner als popularisierte Bezeichnung des Gebäcks als ein Phänomen der Nachkriegs-, genauer: der Besatzungszeit wahrnehmen (und damals wurden sie erst wirklich populär), dann müsste auch die unterschiedliche Farbgebung mit den beiden Faktoren „Amerikaner“ und „Besatzung“ zu tun haben. Verbindet man dies mit den Schilderungen von ZeitzeugInnen, vor allem den Kriegskindern, die beim Einmarsch der Alliierten erstmals Menschen mit dunkler Hautfarbe gesehen hatten, liegt der Schluss nahe, dass die Bäcker der Zeit sich von der Lebenswirklichkeit der Besatzung inspirieren ließen.

Eine solche Vermutung, das sei gleich gesagt, lässt sich wissenschaftlich kaum verifizieren. Wie bei fast allen Speisegeschichtsschreibungen stößt man auf Anekdoten, auf zahlreiche Wichtigtuer, die Erfindungen für sich reklamieren und auf erbitterte Rivalitäten wie bei der Sachertorte. Insofern lassen sich lediglich Indizien sammeln. Zu diesem Zweck bat ich meine Twitter-Follower wie auch meine Facebook-Freunde, mir ihre Vorstellung von Amerikanern sowie ihren Heimatort mitzuteilen. 49 Menschen haben mitgemacht, denen ich sehr dankbar bin. Aus diesen Daten habe ich eine Karte erstellt. Dabei ist britische Besatzungszone gelb, die sowjetische rot, die französische blau und die US-amerikanische orange eingefärbt. Grau-weiße Pins indizieren Amerikaner mit Zuckerguss, braun-weiße Pins hingegen Amerikaner mit Schokoladenglasur oder Halb-und-halb:

karte_amerikaner

Rechtehinweise: svg version created by glglgl, Deutschland Besatzungszonen 1945, CC BY-SA 3.0 | Lencer and NordNordWest, Deutschland Übersichtskarte, CC BY-SA 3.0 | Pau Giner, Media Viewer Icon - Location, Mashup von Moritz Hoffmann, CC BY-SA 3.0.

Auf den ersten Blick fallen zwei Dinge auf:

  1. Ich habe kaum (online aktive) FreundInnen aus Ostdeutschland exklusive Berlin
  2. Amerikaner mit einem Schokoladenglasuranteil finden sich vor allem entlang des Rheins und in Westberlin. In der Sowjetischen Besatzungszone inklusive Ostberlin sind sie nur mit Zuckerguss bekannt (und wurden, so sagt die Literatur, ohnehin Ammontaler genannt)

Tatsächlich können diese Daten meine These weder deutlich unterstützen noch sie entkräften, denn dafür ist die Datenmenge schlicht zu gering. Auch die Möglichkeit des Imports der „Black-and-White Cookies“ ist damit keineswegs ausgeschlossen, wenn man die Möglichkeit einer Kakao-Knappheit in der Nachkriegszeit berücksichtigt.

Letztlich bleibt mir bei dieser kleinen Kopfübung nur die Bitte, mir mit weiteren Daten zu helfen. Ich brauche nicht viel. Insbesondere würde ich mich über weitere Mitteilungen aus der ehemaligen US- sowie der sowjetischen Besatzungszone freuen. Wenn ich mehr Daten habe, schreibe ich gerne einen neuen Beitrag. Dann werde ich auch zwei Bäckerfachorgane aus den 50er Jahren gesichtet haben, die ich online nicht einsehen kann.