Blog Blogposts

„Meine Oma ist kein Mythos“ – Warum die Facebook-Kommentarspalte die Geisteswissenschaften rettet

Dieser Blogpost ist eine verschriftlichte Fassung des gleichnamigen Vortrags, den Charlotte und ich in der vergangenen Woche bei der zehnten Ausgabe der re:publica halten durften. Da der Saal ziemlich überfüllt war und es keinen Livestream gab, reiche ich ihn hier nach.

Am Anfang steht immer die Krise. Ob echt oder nur imaginiert, im Prinzip bekommen Studierende der Geisteswissenschaften spätestens ab der Immatrikulation beigebracht, dass sie in prekären Beschäftigungsverhältnissen landen werden, dass die gesellschaftliche Relevanz ihres Fachgebietes angezweifelt wird, dass es wirtschaftlich ohnehin nicht verwertbar ist. Auch wenn es Zweifel über die Meldung gibt, wundern tut es kaum einen wenn geschrieben wird, dass in Japan nahezu alle geisteswissenschaftlichen Fakultäten geschlossen werden sollen. Auch hierzulande werden Professoren gestrichen oder ohne fachliche Logik zusammengelegt, kann man die unbefristet beschäftigten Nicht-ProfessorInnen an einer Hand abzählen.

Ein die re:publica beherrschendes Thema (neben dem omnipräsenten Snapchat) war die Hassrede im Internet. Auch unser Vortrag passte dazu, auch wenn wir die Einbettung in dieses übergeordnete Themenfeld überhaupt nicht beabsichtigt hatten. Denn, und da gucken wir statt auf Geisteswissenschaften direkt auf die Geschichte, unser Feld eignet sich sehr gut dazu, die eigene politische Agenda zu unterfüttern.

Als Beispiel guckten wir uns daher die Facebook-Kommentarspalten großer bundesweiter Medien (z.B. Tagesschau, Spiegel Online, Welt Online) zu zwei besonders kontroversen Themen an. Ich übernahm dabei das Thema „Dresden“, also den 70. Jahrestag der Bombardierung der Stadt durch britische Luftstreitkräfte am 13. Februar 1945. Dresden ist ein besonders kontroverser Erinnerungsort, weil dort das massenhafte Sterben gerade auch von deutschen ZivilistInnen mit dem gerechten Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland kollidiert. Außerdem waren bis 2010 die Opferzahlen auch in der Fachwelt stets umstritten, was sich ziemlich exakt auf das Goebbelssche Propagandaministerium zurückführen lässt: während nach dem Luftangriff in den deutschen Medien von knapp 25.000 Toten berichtet wurde (was heute der Höchstzahl in der Forschung entspricht), wurden über schwedische Blätter und das Internationale Rote Kreuz Horrorzahlen von 275.000 Opfern in die Welt lanciert. Gleichzeitig wurde Dresden zum Symbol, weil es als „Elbflorenz“ besonderen Ruf als städtische Schönheit besaß und besitzt, weshalb Angriffsorte wie Hamburg oder Pforzheim (wo in einer Nacht 20% der Bevölkerung ums Leben kam) ins Gedenkens-Hintertreffen geraten. Zugleich wurden Legenden gestiftet, wonach die Stadt unbewaffnet war (es gab weiterhin, wenn auch wenig, Flugabwehr), keine militärische Bedeutung hatte (Dresden war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt zur 100 km entfernten Ostfront) und gefüllt mit Ostflüchtlingen (tatsächlich war Flüchtlingen der Aufenthalt in Dresden verboten, weshalb die meisten von ihnen in Dresden im Hauptbahnhof umkamen, wo sie auf den nächsten Zug warten mussten).

Dresden bietet also aufgrund der konkurrierenden Narrative, die sich weit vom historischen Forschungsstand entfernen, die Möglichkeit zur Schuldabwehr und -umleitung: die Alliierten waren ja auch schlimm. Und so waren auch einige sehr anschauliche Beispiele in den Kommentaren zu finden:
d1

Hierzu ist zu sagen, dass Dresden allein schon deshalb kein Kriegsverbrechen sein konnte, weil es kein ratifiziertes Kriegsrecht zu Luftangriffen gab – und auch in heutiger Zeit wäre es zweifelhaft, ob deswegen jemand verurteilt werden könnte, weil Dresden eben militärische Relevanz besaß – auch wenn diese womöglich nicht die Kernmotivation des Angriffs bildete.d2

Als Geschichtslehrer könnte man hier gut den Rotstift zücken. Todeszahlen, Todeszahlen im Vergleich, Angabe über Flak und Verteidigungsanlagen, Flüchtlingsaufnahme, rote Kreuze auf den Dächern, das alles ist falsch – und wird nicht besser dadurch, dass unten ein verschwörungstheoretisches Nazi-Blog verlinkt wird.d3

Auch hierzu ist zu sagen: Phosphor wurde nicht verwendet, nur häufig mit dem Benzin der Brandbomben verwechselt. Ähnlich wie die immer wieder genannten Tieffliegerangriffe handelt es sich hierbei um ein typisches Beispiel für die unzuverlässigen ZeitzeugInnen, die Dinge entweder falsch einschätzten oder deren Erinnerung durchs spätere Gedenken verändert wurde.d4

Hier haben wir es mit der Unkenntnis über die Arbeit von HistorikerInnen zu tun. Natürlich ändern sich Zahlen, genau so wie übrigens die Zahl der Todesopfer in Auschwitz nach unten korrigiert wurde – was ironischerweise oft von politisch rechter Seite als Beleg dafür genommen wird, dass auch dort die Angaben nicht stimmend5

Wie rechts man wirklich steht, sie man nicht wenn das Licht angeht, sondern wenn man den erzkonservativen Guido Knopp als Rädelsführer von „selbsthassenden Linksextremisten“ identifiziert. Die „falschen“ Wehrmachtsverbrechen hingegen können sich eigentlich nur auf die Fehler in der ersten Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmacht in den 90er Jahren beziehen, die wohlgemerkt die Gesamtaussage der Ausstellung nicht änderten oder ändern konnten.d6Hier sehen wir nicht nur eine Kombination aus den Vorwürfen „Lügenpresse“ und „Geschichte wird von den Siegern geschrieben“, sondern eine direkte ideologische Übernahme der Politik der verbrannten Erde, nach der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs befohlen wurde, vor dem Rückzug sämtliche Anlagen zu zerstören, damit sie nicht den Alliierten in die Hände fielen – gerade auch, weil das deutsche Volk die totale Niederlage verdient hätte, nachdem es nicht siegen konnte.


50pfennig

Trümmerfrauenmünze, die Älteren werden sich erinnern

Unser zweites Beispiel betrifft den nicht-geografischen Erinnerungsort der „Trümmerfrauen“. Dieser war lange kaum umstritten, die Frauen, die nach dem Krieg deutsche Städte räumten und so uneigennützig zum Wiederaufbau beitrugen, hatten einen festen Platz in der deutschen Erinnerung – was sich unter anderem in der 50 Pfennig-Münze äußerte, mit der gleichermaßen der deutschen Aufforstung wie der Trümmerfrauen gedacht werden sollte. In den 1980er Jahren wurde das Thema noch einmal präsenter, weil die früheren (vermeintlichen) Trümmerfrauen nun zu Bezieherinnen niedriger Renten geworden waren.

2014 erschien dann die Dissertation „Mythos Trümmerfrauen“ von Leonie Treber (bei der Bundeszentrale für politische Bildung für gerade einmal 4,50€ zu haben). Darin untersuchte Treber die Entstehung der historischen Ikone „Trümmerfrau“ im Kontext zweier deutscher Staaten und auch die Erinnerungskultur – aber gerade auch die historische Faktizität des Bildes, was bis heute reproduziert wird. Und kam dabei zu dem fundierten Schluss, dass diese unsere Konstruktion der Vergangenheit recht wenig damit zu tun hat, was in der Nachkriegszeit wirklich passierte.

Nun geben solche der bisherigen Auffassung widersprechenden Ergebnisse immer guten Stoff für mediale Berichterstattung ab, und so ist es kein Wunder, dass Trebers Dissertation 2014/15 so weit rezipiert wurde wie sonst vielleicht nur noch Christopher Clarks „Schlafwandler“ zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Und viele Menschen betrachteten Trebers Erkenntnisse als persönlichen Affront gegen Mutter, Großmutter oder nationalen Gründungsmythos und verschafften sich dementsprechend Luft im Internet:

tr6

Hier erkennt man ein wiederkehrendes Motiv der Beschimpfungen: HistorikerInnen werden, weil sie kein Teil der Mitlebenden ihrer Forschungszeit sind, als inkompetent wahrgenommen. Wenn man diesen Gedanken zu Ende führt, ist unsere Disziplin abzuschaffen, da sämtliche historische Wahrheit nur durch mündliche Überlieferung der historischen AkteurInnen herstellbar wäre.tr7

In Anlehnung an die Argumentation „ad hominem“ schlage ich hiermit die Einführung des „Argumentum ad alma matrem“ vor – ohne Haftung für miserables Latein.tr5

Da ich nicht weiß ob ich lachen oder weinen soll, bleibt das hier unkommentiert.tr4

Hier wird es wirklich interessant: die Verfasserin greift nämlich nicht nur die „unverwertbare“ Geschichtswissenschaft mit an (wobei ich argumentieren würde dass HistorikerInnen den Hauptteil des nicht-infrastrukturellen Wiederaufbaus geleistet haben), sondern plädiert auch für eine wissentlich verfälscht Geschichte, um eine „Feel-Good-Erzählung“ zu erhalten.

tr1

Hier wäre ein guter Punkt um anzusetzen, denn hier offenbart sich ein grundsätzliches Missverständnis darüber, wie HistorikerInnen arbeiten und wie Geschichte konstruiert wird. Tatsächlich sind ZeitzeugInnen notorisch unzuverlässig, tatsächlich waren eben sehr oft Reporter und sogar Filmschaffende vor Ort, die das Bild der Trümmerfrauen das wir heute kennen erst sorgfältig konstruierten.

tr2

Hier, in unserem titelgebenden Kommentar, der immerhin 69 Likes erhielt, offenbart sich schließlich der entscheidende Unterschied zwischen publizierter Facebook-Meinung und Geschichtswissenschaft: während nämlich umgangssprachlich ein Mythos eine unwahre Geschichte, eine nicht-faktische Legende darstellt, ist er für uns etwas vielschichtiger: er ist nicht wie früher religiös motiviert, er stiftet sozialen Zusammenhalt einer Gruppe (hier: Bürger der Bundesrepublik ohne Migrationshintergrund) und hat große öffentliche Ausstrahlung. Damit ist aber noch nichts über seine Faktizität gesagt.

Wie weit dieses Missverständnis reicht, konnten wir in Erfahrung bringen, da uns Leonie Treber freundlicherweise selbst Auskunft gab: die zahlreichen Aufrufe, ihr an ihre öffentlich bekannte Mailadresse an der Uni Darmstadt zu schreiben, wurden offenbar befolgt, sie hat einen eigenen Mailordner nur für solche Nachrichten, die größtenteils ungelesen abgelegt werden. Auch Briefpost kam regelmäßig, an die alte wie die neue Dienstadresse sowie den Verlag. Nach einem Bericht bei WDR WestArt kamen sogar Morddrohungen, die Treber – erfolglos – zur Anzeige brachte.


Diese Beispiele sind alle nicht besonders schön, aber sie sind für uns HistorikerInnen sehr interessant, denn wir können darin viel erfahren: zum einen können wir aus dem vielzitierten Elfenbeinturm kommen und Kontakt zu der Gesellschaft aufnehmen, über deren Vorfahren wir ja forschen. Das tun ohnehin die meisten, der Elfenbeinturm ist eher ein negatives Ideal, aber hier können wir auch aus unserer bildungsbürgerlichen Filter Bubble heraus: wo wir sonst Kontakt zur Öffentlichkeit suchen, finden wir fast ausschließlich jene Gebildeten, die sich ohnehin für unser Fach interessieren und mit denen wir eine gemeinsame Diskussionsgrundlage haben. Wir können erfahren, wie dort Geschichte erzählt wird, von wem sie weitergetragen wird (wenig überraschend waren es zumeist Männer, die sich dort äußerten), warum sie genau so erzählt wird wie sie dann vorliegt (meist aus politischen Gründen), und schließlich: welche Geschichte überhaupt. Da wir hier nur zwei kontroverse Themen ausgesucht haben, hatten wir auch viel Material. Viele weitere Teile der Geschichte würden ein solches Echo nicht hervorrufen, weil sie schlicht die größten Teile der Öffentlichkeit(en) nicht interessieren.


Wir haben für unseren Vortrag diese vorgenannten Beispiele etwas unscharf als „Historical Hate Speech“ klassifiziert – sicher gehören nicht alle dazu, aber doch die meisten. Und wo man Hate Speech sagt, muss man eigentlich auch Counter Speech sagen. Denn in diesen Kommentarspalten tummeln sich eben nicht nur jene mit einem gefestigt rechtsextremen Geschichtsbild, sondern sehr viel mehr von jenen, die offenbar ein rudimentäres Interesse an Geschichte mitbringen, aber keine zu ihnen passenden seriösen Deutungs- und Inhaltsangebote erhalten. Um es deutlicher auszudrücken: im Moment geben wir den Publikationsraum „Facebook-Kommentare“ widerstandslos an die Rechtsextremen, an die Fälscher, an die Neonazis ab.

Daher brauchen wir möglichst bald eine (in Ermangelung eines besseren Wortes) schnelle Eingreiftruppe, die sich genau dort bewegt, die aktiv die Auseinandersetzung über die Geschichte sucht, die kurz, knapp und verständlich einen Forschungsstand wiedergeben kann, die sich gegen den als historiografisch markierten Hass stellt und mit den Mythen (im umgangssprachlichen Sinne) aufräumt. Sie muss fair im Ton sein, aber hart in der Sache. Und sie muss ihre Antworten leicht auffindbar und mit kurz kopierbaren Links in ein Repositorium stellen, so dass auch andere diese Inhalte als Gegenrede verwenden können – so dass den Laien, die sich als ExpertInnen geben, die Antwortangebote der wirklichen HistorikerInnen entgegengestellt werden.

Das kostet leider Geld, und wenn auch bei der re:publica einige gute Hinweise kamen, mit Schecks wollte leider niemand wedeln. Solche Töpfe zu finden und erfolgreich Mittel daraus zu beantragen ist nun meine nächste Aufgabe, denn, um mit den letzten beiden Folien unserer Präsentation zu schließen:

Es ist nichts verloren.

Die Chance zu gewinnen war nie größer.

Titelbild: CC-BY 2.0 Photoglob Zürich

8 Kommentare

  1. Wirklich spannend. Schade, das ihr – zumindest für mich – im großen republica-Rauschen untergegangen seid.

    • Vielen Dank! Ja, so ist das bei der re:publica immer – außerdem waren wir auch noch auf Stage 9, die man ja erst einmal finden musste. Zufällig kam man jedenfalls nicht hin.

  2. Pingback: Wie umgehen mit Hatespeech gegen Historiker und Archäologen im Netz? | Krosworldia

  3. // Antworten leicht auffindbar und mit kurz kopierbaren Links in ein Repositorium stellen, so dass auch andere diese Inhalte als Gegenrede verwenden können – so dass den Laien, die sich als ExpertInnen geben, die Antwortangebote der wirklichen HistorikerInnen entgegengestellt werden. //

    Aus Diskussionen mit ambitionierten „Holocaust-Skeptikern“ ist mir dieses Portal bekannt:

    http://www.h-ref.de
    (witzige URL zu einer traurigen Geschichte.)

    LG!

  4. Danke für den guten Beitrag.
    Und ein dickes RESPEKT! Ich wäre bei der Suche und Analyse solcher Facebook-Kommentare sicher verrückt geworden! Aber es ist so wichtig darüber zu reden!
    Echt gut!

  5. Ein egrandiose Mission. Als Nicht-Historikerin wünsche ich mir möglichst zuverlässige Informationen über die Vergangenheit, kann Informationen im Netz aber nicht immer selbst beurteilen (oft ist die Quelle ja ein Hinweis).
    Die Oma ist kein Mythos, aber auch ein Einzelfall ;-).
    Wie schnell Erinnerungen verzerrt werden, zeigen viele Studien zum Thema Zeugenbefragungen – bei sehr kurzer Zeitspanne!!!

    Liebe Grüße,
    Stephanie

  6. Pingback: Geschichte auf Facebook – geschichtskultur // kuratieren

  7. Hallo,

    danke für den interessanten Artikel. Ich fand aber einige Bemerkungen nicht ganz überzeugend und manches sehr fragwürdig.

    Zum Beispiel: die Historiker haben sicherlich nicht „den Hauptteil des nicht-infrastrukturellen Wiederaufbaus geleistet“. Die deutschen Historiker haben doch ’33 erstmal seelenruhig der Vertreibung ihrer jüdischen und politisch links-stehenden Kollegen zugeschaut, dann haben sie größtenteils loyal mitgemacht. Und nach dem Krieg ging es zuerst einmal um den Wiederaufbau der eigenen Karriere. Die Aufarbeitung der NS-Zeit hat man an das Institut für Zeitgeschichte ausgelagert – das in der Tat teilweise gute Arbeit geleistet hat -, ansonsten ging es im alten Stil weiter. Wer da was Neues versucht hat der hat erstmal einen draufbekommen, wie etwa Bracher oder Fischer. Das sollte eigentlich alles bekannt sein. Ich bin echt erstaunt, ein solches Märchen hier zu lesen. Historiker als intellektuelle „Trümmerfrauen“? Noch eine „Feel-Good-Erzählung“?

    Was den Umgangston betrifft: die Historiker gehen doch auch nicht immer pfleglich miteinander um. Da fällt mir zum Beispiel ein Tweet vom Januar ein (weil ich seitdem gespannt auf eine argumentative Untermauerung dieser abseitigen Holzerei warte, oder habe ich da was verpasst?):

    https://twitter.com/moritz_hoffmann/status/683593990000775168

    Das war auch nicht sonderlich feinsinnig. Aber bisher ist mir auch noch nicht zu Ohren gekommen, dass der Prof. Winkler nach einer Task-Force gegen vorwitzige Nachwuchs-Historiker gerufen hat. Man sollte nicht die Verwilderung der Sitten beklagen wenn man da selber gelegentlich gerne mitmischt. Oder, wie heißt das auf Latein: „Quod licet Iovi, non licet bovi“?

    Man sollte übrigens auch nicht die üblen Behauptungen unbelehrbarer Alt- und Neu-Nazis über Dresden mit den pampigen Bemerkungen einiger enttäuschter Leser über ein historisches Buch in einen Topf werfen. Letzteres ist garantiert keine „hate speech“, auch wenn’s teilweise etwas unfreundlich und ungelenk ausgedrückt ist. Historiker sind doch dazu da, dass sie auch mal was Unbequemes schreiben. Und dann müssen sie eben auch mit Gegenwind rechnen. Dieses Phänomen gab es schon lange vor dem Internet und damals haben empörte Leser eben einen bösen Brief an die Tageszeitung geschickt oder dem Verleger und Autor via Briefpost die Meinung gesagt. Davon war sicherlich auch nicht alles druckreif.

    Vor allem: die Leute die hier mit ihren Kommentaren über das „Trümmerfrauen“-Buch zitiert werden interessieren sich anscheinend alle mehr oder weniger für Geschichte. Die haben aktuelle historische Forschung zur Kenntnis genommen – das heißt, einen Zeitungsartikel darüber gelesen -, die haben sich dann Gedanken gemacht über das Thema und das dann sogar schriftlich niedergelegt. Sowas sollte man schon zu würdigen wissen, auch wenn das Ergebnis nicht zur Zufriedenheit der Historiker ausfällt. Aber das wäre zumindestens ein Ausgangspunkt für eine rationale Diskussion. Wie gesagt, ich finde das nicht gut, dass diese Kommentatoren hier mit den im ersten Teil zitierten Dresden-Lügnern vermengt werden. Gerade als Historiker sollte man da schon differenzieren können. Das ist übrigens auch alles potentielle Kundschaft und da lohnt sich schon eher mal etwas Nachdenken über die Frage warum die für die Fachwissenschaft anscheinend zur Zeit verloren sind.

    Außerdem, vielleicht ist das ja in der Aufregung nicht aufgefallen, sind einige dieser Kommentare gar nicht mal so weit weg von den theoretischen Diskussionen der Historiker. Da ist nämlich in der Tat was rezipiert worden, wenn auch vielleicht nicht gerade das was man sich gewünscht hätte. Es gab doch zum Beispiel reichlich Kritik an der „kalten“ Sozial- und Strukturgeschichte von Seiten der Alltagsgeschichte, der etwas radikaleren Vertreter der „Oral History“ und der „Barfußhistoriker“ etc. Die haben stattdessen die Bedeutung persönlicher Erfahrungen betont. Das war gerade in den 80er Jahren eine wichtige Diskussion und hier findet man genau dieselbe Frontstellung, wenn auch natürlich in etwas simplifizierter Form.

    Und was die „Feel-Good-Erzählung“ betrifft: in dieser Hinsicht haben auch schon namhafte Historiker usw. vorgelegt obwohl die sich natürlich viel gewählter ausgedrückt haben. Da ging es um „Identitätsstiftung“ durch Geschichte, dass man nicht immer nur auf der NS-Zeit rumreiten sollte, dass man die positiveren Seiten der deutschen Geschichte mehr hervorheben sollte usw. usw. Darum ging es ja unter anderem auch damals im Historiker-Streit.

    Was ich damit sagen will ist nur: man muss das nicht gut finden aber so unqualifiziert ist das gar nicht. Man sollte schon zwischen den Zeilen lesen können und die altbekannten Themen und Argumente wiedererkennen. Dass da einer direkt die Historiker abschaffen will ist natürlich betrüblich. Aber da sollten die Fachvertreter vielleicht mal die eigene Öffentlichkeitsarbeit durchdenken, falls es sowas gibt.

    Man kann heute nicht mehr so Geschichtswissenschaft betreiben wie damals beim alten Mommsen, mit Exklusivitätsanspruch und mit der Hoffnung dass dann später ein paar Brosamen via Schule beim Volk ankommen. Es geht noch nicht mal mehr so wie in den 80er Jahren. Da hat man sich ab und an zum Ergötzen des Publikums in den Tageszeitungen gezofft. Der Gipfel des Glücks war, wenn man bei C. H. Beck einen dicken Schinken veröffentlichen konnte – der Wehler hat denen ja sogar seine gesammelten Zettelkästen verkaufen können – und ansonsten pflegte man die Restbestände der alten Ordinarien-Herrlichkeit und wollte in Ruhe gelassen werden.

    Und heute: das Internet bietet so viele Möglichkeiten sich zu Wort zu melden und jeder kann hier veröffentlichen und kommentieren wie er will und was er will. Das ist die neue Unübersichtlichlichkeit. Aber die Historiker – wie alle akademischen Wissenschaften – vermeiden ja nicht nur den „Publikationsraum Facebook-Kommentare'“, sie haben im Prinzip das ganze öffentliche Internet abgegeben. Man verschanzt sich hinter paywalls (so vermeidet man ungebetene Leser) und peer review (so vermeidet man neue Ideen) und inzwischen immer mehr auch hinter einer häufig vollkommen unzugänglichen Sprache (so vermeidet man Kritik von außen, wenn’s sowieso keiner kapiert). Dann wundert man sich, dass die normalen Menschen nicht wissen wie historische Forschung läuft. Wo sollen die das denn lernen? Und wenn dann mal kritische und pampige Kommentare aus der Öffentlichkeit kommen? Dann ist das „hate speech“ und man ruft direkt nach der Kavallerie.

    Es liegt mir wirklich fern hier belehrend zu wirken. Für mich klingt diese Forderung nach historischen Husaren doch etwas zu naiv und weltfremd. Reicht es wirklich, die Leute wieder mit abgespecktem Kinderkram – volkspädagogisch wertvoll, so wie damals in den 50er und 60er Jahren – zu versorgen? So verstehe ich das nämlich. Aber ich habe da so meine Zweifel, insbesondere solange man nicht unterscheiden kann oder will zwischen den wirklich Unbelehrbaren, die Nazi-Propaganda absondern, und denen, die schlicht und einfach aktuelle Forschungsergebnisse noch nicht so ganz zur Kenntnis nehmen wollen, das dann auf auch noch teilweise begründen können und ansonsten lieber ihrer Oma glauben. Tut mir leid, dass ich mich hier nochmals wiederhole aber ich finde diese Undifferenziertheit sehr ärgerlich.

Kommentare sind geschlossen.