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Gemeinfreitag (6): Noch einmal Jupp Wiertz

Eigentlich sollte dies ein anderer Blogartikel werden: Anfang der Woche habe ich in größerem Umfang ca. 80 Fotos der Gebrüder Haeckel eingescannt, die Anfang des 20. Jahrhunderts in den Straßen von Berlin fotografierten. Die Scans entstammen einem 2007 erschienenen kleinen Bildband und sollten, da Otto Haeckel als letzter von beiden 1945 verstorben war, mittlerweile gemeinfrei sein.

Tatsächlich ist das Urheberrecht mit seinen Schutzfristen aber deutlich komplizierter als meist vermutet: zum einen durch den reichlich schwammigen juristischen Unterschied zwischen Lichtbild und Lichtbildwerk, zum anderen durch das Editionsrecht. Ich habe mir gestern abend die Mühe gemacht nachzuforschen und will nur kurz die Absurdität des Ganzen zeichnen, JuristInnen und Klaus Graf wissen sicher mehr davon. Also knapp: Lichtbilder, im Zweifel Dinge wie „Schnappschüsse“, jedenfalls keine künstlerischen Werke, sind bis 50 Jahre nach Veröffentlichung geschützt bzw. bei Nicht-Veröffentlichung 50 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Lichtbildwerke, also die „Kunst“ unter den Fotografien, sind wie gehabt 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers geschützt und damit nur nach Erwerb einer Lizenz zu veröffentlichen.

Ein Sonderfall tritt allerdings ein, wenn die Bilder zu Lebzeiten der Urheber und bis zum Ablauf der Schutzfrist nicht veröffentlicht wurden, sondern erst danach: dann hat der Herausgeber ein 25-jähriges Exklusivrecht an den von ihm „gefundenen“ gemeinfreien Werken. Das bedeutet die paradoxe Situation, dass die Fotografien der Gebrüder Haeckel gemeinfrei sind, wenn sie als Kunst anzusehen sind (weil sie 2007, im Bereich der Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod) veröffentlicht wurden, allerdings dem Exklusivrecht des Herausgebers des Bildbandes unterliegen, wenn sie einfach nur als Lichtbild angesehen werden (weil sie 2007 nach Ablauf der Schutzfrist erstveröffentlicht wurden).

Der Nachlass der Gebrüder Haeckel liegt bei großen Bildagenturen, mit denen ich mich im Zweifel erst anlegen möchte, wenn meine Rechtschutzversicherung greift. Ich habe ihnen allerdings eine unbedarfte eMail zur Einschätzung der Lage geschrieben, denn Fragen kostet ja nix. Erachten die Besitzer der Originale das Werk als Lichtbildwerk, wird es die Bilder hier bald zu sehen geben. Gleiches gilt dafür, wenn ich eine zweite Meinung zu Klaus Grafs Hinweis habe, dass ein reiner Bildband keine Erstveröffentlichung mit Schutzfristanspruch darstellt.

Anstelle des Haeckel-Werkes gibt es hier nun ein zweifellos gemeinfreies Heftchen von Jupp Wiertz, dessen Reklamekunst ich in der letzten Woche vorgestellt habe. Der Band stammt aus seiner ersten, künstlerischen Schöpfungsphase. Er steht hier als PDF zum Download und wird von mir bald auch im Internet Archive hochgeladen. Das 1918 erschienene Heftchen, schön, aber mittlerweile sehr lose neu gebunden, versammelt einige der bis zu diesem Datum erschienenen Werke Wiertz‘ unter der Herausgabe von Albert Schramm. Den Kriegszeiten folgend ist die Qualität des Drucks nicht sonderlich hoch, für einen ersten Eindruck des Wiertzschen Wirkens reicht sie aber vollkommen aus.

Die Reihe „Gemeinfreitag“ stellt jede Woche ein Fundstück aus der Public Domain vor. Ich freue mich, dass nunmehr auch Michael dem Reiz der Gemeinfreiheit verfallen ist, genau wie Frl. Mayo.

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