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Gemeinfreitag (2): Das Panorama

Adams_Synchronological_Chart,_1881 (1)

Seit es ein menschliches Konzept von Vergangenheit gibt, gibt es auch ein Verlangen, diese Geschichte von einer Aneinanderreihung von Ereignissen zu einer sinnhaften Erzählung zu machen. Wir nehmen das oft als selbstverständlich war, es ist aber eine Kulturtechnik, die uns zuerst die Eltern und dann sehr, sehr lange die Schule beibringt – zumindest laut meinem letzten Englischlehrer scheiterten wir auch als AbiturientInnen größtenteils grandios daran. Aber schon die Bibel ist ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie aus einer Mischung von tradierter (also weitererzählter) Vergangenheit, mystischer Überhöhung und Regelbedürfnis von Gesellschaften eine große Erzählung werden kann.

Mit der wachsenden Zahl solcher Geschichten, der Verbreitung des Drucks und der Erzeugung von Massenmedien entstand das Bedürfnis, die Geschichte nicht mehr nur mit Worten auszudrücken. Ein Ausdruck dieses Bedürfnis ist das heutige Fundstück aus der Public Domain: Die Adams Chronological Chart of Ancient, Modern and Biblical History von 1871 versucht überblicksartig auf einem einzigen Druck die Geschichte der Welt nach Überzeugung des Urhebers zu vereinen. Und die Überzeugung war recht eindeutig: Sebastian C. Adams war presbyterianischer Missionar. Insofern war es für ihn überhaupt keine Frage, dass die Weltgeschichte mit Adam und Eva begann und ein Großteil auch der mittelalterlichen bis modernen Weltgeschichte auf direkten Nachkommen dieser beiden beruhte.

Es wäre müßig, die Karte in ihren Einzelheiten zu beschreiben – sie ist ein gigantisches, fehlerhaftes Werk, das dennoch lohnt, genauer betrachtet zu werden, denn: es zeigt ein Geschichtsbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts aus US-amerikanischer Perspektive, das bis heute wirkmächtig ist – Evangelikale, gerade in den USA, gehen beispielsweise immer noch davon aus, dass die Erde erst gut 6.000 Jahre alt ist (die Erschaffung von Adam und Eva ist hier auf das Jahr 4004. vor Christus datiert).

Gleichzeitig zeigt die Karte deutlich, wie Geschichte als Kulturtechnik immer noch funktioniert: auf den ersten Blick wird die Welt immer unübersichtlicher, von einzelnen Familienlinien am Anfang zu einem kaum überschaubaren, farblich codierten Geäst (Sizi Feay nannte es einen „Verdauungstrakt“) verschiedenster politischer und technischer Entwicklungen. So einfach ist es nicht, aber je weiter Ereignisse (oder deren religiöse Formung) entfernt sind, desto glatter werden sie geschliffen.

1871 wurde das Kartenwerk erstmals gedruckt, es erfuhr immer wieder Neuauflagen und Bearbeitungen, die bis ins 20. Jahrhundert reichten. Im vorliegenden Werk ist das Jahr 1900 in roter Farbe als Ziel der Dampflokomotive von 1830, die Baltimore und Ellicott’s Mills verbunden hatte. Wir könnten ein solches Mammutwerk heute belächeln, aber in einer Zeit, als Wissen weder so allgegenwärtig war wie in Zeiten des Internet noch so erreichbar wie im 20. Jahrhundert durch öffentliche Bibliotheken war dieses Nachschlagewerk sicher eine große Erleichterung.

Quelle: Wikimedia Commons [Maximale Auflösung: 40.445*4.309 Pixel (sic!) – ein flashfreier Bildbetrachter ist ebenfalls verfügbar]

Die Reihe „Gemeinfreitag“ stellt jede Woche ein Fundstück aus der Public Domain vor.