Blog Blogposts Gemeinfreitag

Gemeinfreitag (1): Green Book

GreenMotorist

Der afroamerikanische Publizist George Schuyler schrieb 1930 eine Beobachtung nieder, die neben einer konkreten Konsumebene auch eine gesamtgesellschaftliche Note besaß:

Alle Schwarzen, die dazu in der Lage sind, kaufen so schnell wie möglich ein Automobil um frei zu sein von Unannehmlichkeiten, Diskriminierung, Rassentrennung und Beleidigung.

Er traf damit tatsächlich einen Punkt: Auch wenn es US-amerikanischen Schwarzen immer noch bedeutend schlechter ging als Weißen, begann sich doch eine Mittelschicht unter ihnen herauszubilden, die mit dem Kauf eines Autos ein Stück Freiheit kaufen konnte, das ihr die weiße Mehrheitsgesellschaft nicht zugestehen wollte.

Doch mit dem Kauf eines Autos hörte auf Reisen die Diskriminierung nicht auf. Schwarze Autofahrer (und natürlich auch Autofahrerinnen) wurden in vielen Restaurants nicht bedient, erhielten in Hotels und Motels keine Zimmer, wurden bei Defekten von Werkstätten rassistischer Inhaber abgewiesen. Bis in die 1960er Jahre gab es wohl über 10.000 „Sundown Towns“, benannt nach ihren Ortseingangsschildern, die einen Aufenthalt von Schwarzen nach Sonnenuntergang verboten – und dieses Verbot mit einer Palette von Beleidigung bis Lynchmorden durchsetzten.

Um diese Gefahren zu umgehen, erfand der Postangestellte Victor H. Green das „Negro Motorist Green Book“, das – zunächst nur für den Großraum New York, später für die ganzen USA – Restaurants, Hotels, Tankstellen und Werkstätten listete, die auch Geschäfte mit Schwarzen machten. Das „Green Book“ wurde jedes Jahr in neuer Auflage gedruckt, stets zu etwa 15.000 Exemplaren, und es machte Schule: in einigen Gegenden wurden ähnliche Broschüren für jüdische Reisende gedruckt.

Green starb 1960, der Civil Rights Act wurde 1964 verabschiedet, 1966 erschien unter der Leitung von Greens Witwe Alma die letzte Ausgabe, weil das Buch langsam aber stetig irrelevanter wurde. So schloss sich der Kreis, den Victor H. Green im Vorwort der ersten Auflage aufgemacht hatte:

Es wird in der nahen Zukunft der Tag kommen, an dem dieser Reiseführer nicht mehr veröffentlicht werden muss. Das wird sein, wenn wir als eine Rasse gleiche Rechte und Möglichkeiten in den Vereinigten Staaten haben.

Quelle: The New York Public Library [Maximale Auflösung 3412*4501 Pixel]

Die Reihe „Gemeinfreitag“ stellt jede Woche ein Fundstück aus der Public Domain vor.

3 Kommentare

  1. Constanze

    Ein wunderbares Fundstück!

    (Mach mal noch ein „l“ zu den Mögichkeiten im letzten Zitat.)

  2. Sehr interessanter Artikel. Danke.
    Hab gesehen, dass es bei der NYPL eine ganze Sammlung unterschiedlicher Ausgaben gibt. -> http://goo.gl/IkyA1x

  3. Der wunderbare Podcast 99% Invisible (so oder so immer empfehlenswert!) hat diese Woche eine Folge zu den Green Books: http://99percentinvisible.org/episode/the-green-book/

Kommentare sind geschlossen.