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1. Januar: Tag der Freiheit

Zum 1. Januar 2016 ist in weitaus größerem Maße als in den vergangenen Jahren über Urheberrechte und deren Gegenstück, die Gemeinfreiheit, geredet worden. Das liegt zu grob geschätzt 99% an dem Mann, mit dem man noch jede Titelseite in Deutschland befüllen konnte: Adolf Hitler. Seit heute besitzt der Freistaat Bayern keinerlei Rechte mehr an dessen literarischem Werk „Mein Kampf“, was zu der sattsam debattierten und beworbenen kritischen Edition des Instituts für Zeitgeschichte führte, die am 8. Januar veröffentlicht wird und mit der Hoffnung verbunden ist, so anderen kommerziellen Veröffentlichungen des Werkes das Wasser abzugraben.

kollwitzDass 2016 so ein wichtiges Datum für die Gemeinfreiheit ist, liegt an dem Jahr, das 70 Jahre + 1 bis 365 Tage zurückliegt. Es ist eine Binsenweisheit, dass 1945 viele Personen der Zeitgeschichte, gerade in Europa, ums Leben kamen. Hierzu gehört ein Großteil der NS-Elite, aber auch KünstlerInnen wie Käthe Kollwitz, deren rechtsstehendes wohl bekanntestes Bild nun vollkommen frei von Rechten der Nachkommen oder etwaiger Archive verwendet werden kann.

Die seit Jahrzehnten durchgängig urheber- und verwerterfreundliche Rechtsauffassung und -geschichte versperrt dabei den Blick auf einen wichtigen Grundsatz: Die Gemeinfreiheit ist der natürliche Grundzustand jeder schöpferischen Leistung. Ohne das Recht, hier das Urheberrecht, gehört alles, was in der Welt ist, zunächst einmal allen. Sie dürfen es vervielfältigen, adaptieren (neu: remixen), auch kommerziell verwenden, ohne jemanden fragen zu müssen.

Das Urheberrecht schränkt diese Freiheit ein, um die UrheberInnen und ihre Nachfahren zu schützen. Das ist eine kulturelle Leistung, die Kunst zum Marktgegenstand gemacht hat – wenn man Erfolg hat, kann man davon leben – und die diese Kunst auch demokratischer gemacht hat, weil nun nicht mehr nur Wohlhabende oder Günstlinge dieser Wohlhabenden es sich leisten können, künstlerisch schaffend tätig zu sein. Problematisch ist in dieser Hinsicht nicht das Urheberrecht an sich, sondern seine Regelschutzfrist: 70,x Jahre nach dem Tod der Schöpfenden kann, gerade in der Musik, aber auch auf anderen Gebieten, durchaus bedeuten, dass ein Lied erst nach 150 Jahren in die Freiheit der Öffentlichkeit geht, aus der das Werk ja auch erst entstanden ist.

Noch komplizierter und problematischer wird die Angelegenheit, wenn sich zum Urheberrecht auch noch ein Markenschutz gesellt – darüber sollen gerne kundige JuristInnen bloggen, denn das Feld ist kaum überschaubar. Wie können wir Mickey Mouse, wenn sie irgendwann gemeinfrei wird (mutmaßlich am 1. Januar 2037, 70 Jahre nach Walt Disneys Tod) frei verwenden, wenn sie gleichzeitig die geschützte Kernmarke des Disney-Konzerns ist? Wie kann man eine Neuauflage der (längst gemeinfreien) Winnetou-Romane veröffentlichen, ohne das Recht an der Marke „Winnetou“ zu verletzen, die der Karl May Verlag Bamberg Radebeul besitzt?

Für (Zeit-)HistorikerInnen birgt das Urheberrecht in jedem Fall gigantische Schwierigkeiten und Risiken, die durch Verwertungs- und Veröffentlichungsrechte von Archiven nicht erleichtert werden. Dissertationen müssen häufig aufwändig vor der Veröffentlichung umformuliert werden, weil sich frisch Promovierte die horrenden Bildnutzungsrechte für eine Printveröffentlichung der in der Gutachterfassung abgedruckten Bilder schlicht nicht leisten können. Goebbels-Zitate waren bis zum gestrigen Tag tantiemenpflichtig, obwohl die Wahrnehmung des Urheberrechtes auf eher wackligen rechtlichen Pfaden über einen überzeugten französischen Nationalsozialisten zur Tochter einer früheren NS-Größe gewandert waren. HistorikerInnen, die sich mit dem 20. Jahrhundert beschäftigen, wandeln beständig auf mindestens so unsicheren juristischen Wegen wie deutsche BloggerInnen, die keinen Grundkurs Jura besucht haben.

Zum 1. Januar wird jeweils der Schwung des letzten Jahrgangs gemeinfrei. Seit einigen Jahren feiere ich diesen Tag wie einen kleinen Geburtstag, an dem Werke im besten Sinne frei werden. Ihre UrheberInnen sind lange tot, ihre Werke sind noch da. Ein Werk, ganz metaphysisch gesprochen, will nur eins: Wahrgenommen werden. Deshalb ist der 1. Januar ein guter Tag für Käthe Kollwitz, für Arthur Siebelist, für Albert Schamoni und viele, viele mehr. Stellvertretend sei hier deshalb auf die Gebrüder Haeckel verwiesen, zwei Pressefotografen, deren Nachlass bei der Agentur  Ullstein Bild liegt, deren Werk aber seit heute der Allgemeinheit gehört. Hoffentlich werden in Zukunft deutlich mehr ihrer 11.000 erhaltenen Fotos im Internet zu finden sein, sie hätten es jedenfalls verdient.

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Kap[itän] Engelhardt im Flug, Johannistal bei Berlin, 12.8.1910, [Aufnahme] Otto Haeckel , Berlin-Friedenau, Wieland-Strasse 35