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Antisemitismus ohne Judenhass: Der Fall Xavier Naidoo

Die Aufregung ist schon fast wieder abgeklungen: Xavier Naidoo sollte beim Eurovision Song Contest für Deutschland auftreten, es gab einen empörten Aufschrei, jetzt soll er doch nicht mehr. Ihn selbst scheint das ziemlich kalt zu lassen, seine Freunde aus dem Showbusiness, darunter Michael Mittermeier, Rea Garvey und Til Schweiger, regt es umso mehr auf. Mario Barth verstieg sich zu einer recht wirren Ansammlung von Statements –  und meinte, man solle erst denken und dann machen, woraufhin er die ARD als staatlichen nichtdenkenden Sender bezeichnete und die Vorwürfe gegen Naidoo als Mutmaßungen und Nachrede einordnete, die der Unschuldsvermutung zuwiderliefen.

Vieles ist bereits zu Naidoos verschiedensten Äußerungen geschrieben worden, und die Standpunkte zwischen Verteidigern und Vorwerfenden sind kaum vereinbar. Ich möchte an dieser Stellle auch nicht auf seine Reichsbürger- und Besatzungsflirts eingehen, auch nicht auf seine Teilnahmen an Demos oder seine mindestens latent homophoben Songtextstellen, sondern einzig und allein auf das Thema, zu dem ich mir eine gewisse Expertise zugestehe: den Vorwurf des Antisemitismus.

Gucken wir uns das Zitat noch ein letztes Mal genau an:

Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken.

Ihr wart sehr, sehr böse und steht bepisst in euren Socken.

Baron Totschild gibt den Ton an und er scheißt auf euch Gockel.

Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel

Während man die ersten zwei Zeilen als recht herkömmliche, durchaus typisch bundesrepublikanisch-deutsche Kritik am kapitalistischen Finanzsystem durchgehen, wird es in den beiden nächsten Zeilen sehr konkret. Mit „Baron Totschild“, soviel ist klar, ist „Baron Rothschild“ gemeint, also im weitesten Sinne die jüdische Familie Rothschild, deren zahlreichen Nachfahren weltweit Finanzinstitute gehören, von denen normale KonsumentInnen im Zweifel noch nie gehört haben – weil sie fürs Privatkundengeschaft völlig irrelevant sind.

Aber damit ist der Ton natürlich gesetzt: ein jüdischer Bankier gibt die Anweisungen an die übrigen Angestellten von Bankhäusern der Welt, verfolgt aber nur seine eigenen Ziele („scheißt auf euch Gockel“), ist dabei als Jude sehr intelligent („Der Schmock ist’n Fuchs“) und nutzt die Dummheit anderer aus („ihr seid nur Trottel“).

So weit, so eindeutig. Überinterpretationen sind aus diesen vier Zeilen kaum möglich oder nötig.

Warum wird nun genau darum und um „das Verdikt Antisemitismus“ (Günter Grass) solche Diskussionen entbrannt? Zwei Hauptkonfliktpunkte lassen sich dafür anführen:

  1. Die Frage, ob Xavier Naidoo auch in seinen Songs als Xavier Naidoo spricht oder als Kunstfigur, ähnlich eines Autors, der eine Romanfigur sprechen lässt
  2. Unterschiedliche Vorstellungen dessen, was Antisemitismus tatsächlich ist und ausmacht.

Zu 1.: die Möglichkeit besteht zwar, ist aber unwahrscheinlich – immerhin identifiziert Naidoo im selben Song den Erzähler als einen „Mannheimer Bürger“. Das lässt zwar immer noch fast 300.000 Menschen möglich erscheinen, die Gleichsetzung von Autor und Erzähler dürfte aber vertretbar sein.

Zu 2.: Hier sitzt, meines Erachtens, der Knackpunkt. Es gibt in Sachen Antisemitismus verschiedene Kategorisierungen, die oft fließend ineinander übergehen, sich verzweigen oder überkreuzen. Da ist einerseits die Vulgärdefinition von Antisemitismus als „Judenfeindschaft“, andererseits eine wissenschaftliche. Beide sind auch politische Definitionen, die je nach Akteur eingesetzt werden und wahlweise als „Auschwitz-Keule“ (Antisemitismus als instrumenteller Vorwurf gegen politisch Andersdenkende) oder als „Auschwitz-Keulen-Keule“ (Herbeiphantasierung eines politisch Denk- und Sprechverbots) wahrgenommen werden.

Die Vulgärdefinition „Judenfeindschaft“, die in der Bundesrepublik immer weit verbreitet war, hat zuletzt ein überraschend prominentes Comeback gefeiert: Am Münchner Landgericht wurde anlässlich des Rechtsstreites zwischen Jürgen Elsässer und Jutta Ditfurth von der Richterin festgehalten, „ein glühender Antisemit in Deutschland [sei] jemand, der mit Überzeugung sich antisemitisch äußert, mit einer Überzeugung, die das Dritte Reich nicht verurteilt und ist nicht losgelöst von 1933-45 zu betrachten, vor dem Hintergrund der Geschichte.“

Dieser Ausspruch hat nicht zu Unrecht viel Empörung hervorgerufen. Ließe man diesen Maßstab gelten, gäbe es in Deutschland vielleicht noch ein paar hundert AntisemitInnen, höchstens ein paar tausend. Öffentlich wird man nur sehr wenige und sehr dumme Menschen finden, die den Holocaust gutheißen. Das hieße, der Antisemitismus in Deutschland wäre ausgerottet.

Es gibt aber auch weniger einengende Auslegungen der Vulgärdefinition: Antisemit ist, wer eine Abneigung gegen alle Juden hat. Günter Grass, ebenso wie viele andere, die nun Naidoo verteidigen, wendet diese Definition mit einer allzu bekannte Formel an: „Er hat jüdische Freunde/er spielt Konzerte in Israel, also kann er kein Antisemit sein.“ Das klingt durchaus logisch, hat aber einen problematischen Kern. Denn diese Formel verkennt den Charakter des in Deutschland letztlich in den Holocaust mündenden Antisemitismus, der möglich war, obwohl viele Deutsche vor 1933, vielleicht auch noch 1938, durchaus privat mit Juden verkehrten und befreundet waren und trotzdem im Großen und Ganzen Deportationen, Boykott und Diskriminierung guthießen.

Aus dem selben Grund kann man, gerade in den USA, auch nicht mit der Formel „Ich habe schwarze Freunde“ ausschließen, ein latenter oder überzeugter Rassist zu sein. Der Umgang mit Minderheiten äußert sich nämlich nicht im Einzelkontakt, sondern im allgemeinen, nichtindividuellen Verhalten. Der Vergleich hinkt arg, führt aber in die richtige Richtung: nur weil jemand das Kalb des Nachbarbauern füttert und streichelt, ist er noch lange kein Vegetarier.

Die wissenschaftliche Dimension von Antisemitismus ist dagegen viel weiter verzweigt und deutlich komplexer. Aus ihr spricht der Wunsch, eine Wirklichkeit in einem möglichst präzisen, aber weit genug gefassten Modell zu fassen. Die Arbeitsdefinition des „European Forum on Antisemitism“ führt dabei auf die richtige Spur:

Der Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein. Oft enthalten antisemitische Äußerungen die Anschuldigung, die Juden betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass „die Dinge nicht richtig laufen“. Der Antisemitismus manifestiert sich in Wort, Schrift und Bild sowie in anderen Handlungsformen, er benutzt negative Stereotype und unterstellt negative Charakterzüge.

Das klingt zugegebenermaßen sehr schwammig, ist aber als Arbeitsgrundlage brauchbar. Nicht verschwiegen werden soll hier ein wichtiger Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus: Während letzterer eine Unterlegenheit einer anderen Menschengruppe als Überzeugung transportiert (im häufigsten Fall die Unterlegenheit von Schwarzen gegenüber Weißen), ist Antisemitismus die Überzeugung, dass Juden intelligenter als die breite nicht-jüdische Bevölkerung sind, im Hintergrund die Macht haben und insofern Einfluss ausüben.

Aber die Definition unterscheidet sich stark von der Vulgärdefinition: es ist nicht die Rede von einer „allgemeinen Judenfeindschaft“, also einem ausnahmslosen Hass gegen alles Jüdische. Antisemitisch können sogar Feindschaften gegen nichtjüdische Personen sein. An dieser Stelle wird es vielen zu heikel, und es ist tatsächlich auch verständlich, dass dort große Verunsicherung darüber herrscht, „was man überhaupt noch sagen darf.“

Das Problem ist dabei auf einen einfachen Fakt zurückzuführen: Judenfeindschaft gibt es in Mitteleuropa seit über 1.000 Jahren. Im Jahr 1012 fand in Mainz die erste organisierte Judenvertreibung auf heutigem deutschen Boden statt, seitdem ist es oft schlimmer und nur selten besser geworden. Ein solcher Antijudaismus (hauptsächlich religiös begründet im Gegensatz zum rassistischen und politischen Antisemitismus) hat sich tief ins kulturelle Gedächtnis gebrannt, und seine Bilder sind dort oft noch, ohne dass jeder und jede einzelne diese Bilder direkt mit jüdischen Menschen in Verbindung bringen würde.

Und so kommt es, dass heute gerade für Statements zum Finanzwesen häufig Bilder verwendet werden, die schon lange als Bilder für Juden im Finanzwesen verwendet wurden – beispielsweise die Heuschreckenmetapher, aber auch die karikaturistische Hakennase. Gleichermaßen funktioniert es in Sachen Nahostkonflikt: wenn jemand überspitzt über die umstrittene Wasserversorgungssituation im Westjordanland berichtet, liegt das Bild des Brunnenvergifters nah. Das ist in den allermeisten Fällen nicht als Feindschaft gegenüber den Juden gemeint, bleibt aber dennoch antisemitisch.

Und so verhält es sich auch bei Xavier Naidoo: dem gesamten Songtext ist ein gesellschaftskritisches Wollen anzumerken, eine Generalabrechnung mit empfundenen Zuständen in der Bundesrepublik – über die lyrische Güte dürfen andere richten. Dabei ist es nicht problematisch, über den Einfluss von Banken oder deren Rettung in der Wirtschaftskrise zu singen, diese Dinge zu kritisieren. Es bleibt aber, verneint man Naidoos Antisemitismus, die offene Frage, warum er sich als Zielscheibe an einer Stelle des Songs ausgerechnet „Baron Totschild“ aussucht. Wie eingangs erwähnt: die wenigsten von uns werden mit einer in Rothschild-Besitz befindlichen Bank zu tun haben. Die größte dieser Gruppen, die Rothschild & Co., hat weltweit gerade einmal 2.853 Mitarbeiter.

Xavier Naidoo wird mit keinem dieser Häuser je persönlich zu tun gehabt haben. Aber er benutzt den Namen, verfremdet durch ein tatsächlich auch unter Neonazis beliebtes Wortspiel, als Code. Der Name „Rothschild“ ist unter Verschwörungstheoretikern bis heute eine Überschrift zu einem ganzen Weltbild, das ausgehend von den gefälschten „Protokollen der Weisen von Zion“ über den Nationalsozialismus bis heute die Weltverschwörung einer jüdischen Elite annimmt. Dabei könnte man auch als Antikapitalist die Geschichte der Rothschilds als eine Erfolgsgeschichte wahrnehmen: Während der Begründer der Dynastie, Mayer Amschel Rothschild, noch nicht außerhalb seines Frankfurter Ghettos leben durfte, gehörten seine Kinder schon zu den reichsten Menschen Europas, sein Enkel wurde in den britischen Hochadel aufgenommen. Gegen alle Widerstände einen solchen Aufstieg in drei Generationen hinzulegen, sollte jedenfalls Respekt abnötigen.

Doch nicht bei Naidoo: Für ihn ist „Baron Totschild“ einer, der im Hintergrund der gesamten Finanzwelt die Strippen zum eigenen Vorteil zieht. Tatsächlich lebt meiner Kenntnis nach aktuell ein Baron Rothschild, nämlich Jacob. Er veräußerte 1980 seine Anteile am Familienunternehmen, gründete einen Investment-Trust und ist ansonsten hauptsächlich in der Förderung der Kunst und der Archäologie in Erscheinung getreten. Das soll ein so bedrohlicher Mensch sein? Schwer vorstellbar.

Naidoo mag gerne mit dem jüdischen Konzertveranstalter Marek Lieberberg zusammenarbeiten. Er mag auch gerne Konzerte in Israel geben. Man sollte ihn keinen Judenhasser nennen. Aber er benutzt, zumindest in einem von ihm selbst veröffentlichten Song, offenkundig und mit Absicht antisemitische Codes für eine Gesellschaftskritik. Er gibt einer jüdischen Person die Schuld für empfundene gesamtgesellschaftliche Missstände. Das ist Antisemitismus, und sollte auch als solcher benannt werden.

2 Kommentare

  1. Erstmal Danke für die ausführliche Betrachtung, die Sachlichkeit in eine komplett überhitzte Debatte bringt.

    Ein paar Einwände habe ich dennoch.

    1. Du verlinkst zwar dankenswerterweise den gesamten Songtext, betrachtest dann aber doch nur vier Zeilen und blendest den Rest aus. Erstens geht dadurch verloren, dass Naidoo direkt im Anschluss mehrere weitere Banker angreift (Bernanke, King, Trichet) und dann singt „Deutsche Bänker, unser Schandfleck, lieben jedes krumme Ding“. Davon zu sprechen, dass sich Naidoo „als Zielscheibe an einer Stelle des Songs ausgerechnet ‚Baron Totschild‘ aussucht“, unterschlägt halt, dass er im weiteren Text auch noch viele andere Personen/Bänker angreift.

    2. Was ohne Lektüre des ganzen Songs auch verloren geht: der ganze Text wimmelt von extremen Sprachbildern, so z.B. kurz nach Beginn „Ich reize euch auf’s Blut, nein, ich trinke euer Blut“. Da stellt sich natürlich die Frage, was sich der NDR dabei gedacht hat, einen bekennenden Vampir zum ESC zu schicken.

    3. Ich finde, du drückst dich um eine abschließende Bewertung. Wenn das Naidoos Songtext Antisemitismus ist, wäre er Antisemit. Ein Antisemit, dessen jüdische Freunde keinen Antisemitismus bei ihm entdecken. Der in Israel Konzerte gibt und diese mit einem alten hebräischem Gebet beginnt. (http://www.hagalil.com/archiv/2005/06/naidoo.htm) Und der außerhalb dieser beiden Zeilen offenbar nie etwas von sich gegeben hat, dass auf antisemitische Ressentiments schließen lässt, sonst wäre das mit Sicherheit in diesen Tagen hochgespült worden.

    Wenn so jemand trotzdem Antisemit ist, was ist das für eine Definition des Antisemitismus? Wenn ich mal etwas gegen Fleischkonsum gesungen habe, aber täglich Schnitzel esse, bin ich dann Vegetarier?

    Ich finde das Bild von Antisemiten, die sich quasi ihr ganzes Leben prosemitisch verhalten, sich aber durch zwei Songzeilen als Menschen verraten, die am Tag X sich mit Nazis gegen Juden verbünden, hat selbst etwas von einer etwas kruden Verschwörungstheorie.

    Ich mag den Ausdruck „be a Mensch“ sehr, als Aufforderung nett zur Umwelt zu sein. Für mich schwingt da mit, dass wir auch unsere Mitmenschen eben als „Mensch“ begreifen, mit allen Schwächen und Fehlern. Waren die kritisierten Zeilen ein Fehler? Absolut. Gibt es uns das Recht, einen Menschen entgegen seiner Lebensweise als Antisemiten zu brandmarken? Ich finde nicht.

    Let’s all be more Mensch.

  2. Pingback: Markierungen 12/02/2015 - Snippets

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