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Die Quellen unserer Zeit

Michael Schmalenstroer hat heute, ausgehend von einem meiner Tweets, über Privatisierung und Archivalien gebloggt. Er legt dabei größeres Augenmerk auf die privaten Archive von Firmen, Stiftungen und Organisationen. Dabei besteht das Problem für Quellen unserer Gegenwart schon bei den staatlichen Stellen. Kiran Klaus Patel hat das Problem schon 2011 anschaulich verdeutlicht: “Wer archiviert die SMS von Angela Merkel?”1

Nun hat Steffen Seibert als Sprecher der Bundesregierung in diesem Jahr versucht, das aufzuklären: Natürlich würden die SMS, mit denen die Kanzlerin so gerne Politik macht, gespeichert. Allerdings: Nur, „sobald daraus ein Verwaltungsvorgang wird“ oder der Inhalt „für einen Verwaltungsvorgang wichtig ist“. Die Frage ist allerdings: Wer entscheidet das?  Ist die berühmte Nachricht „Danke für die info und herzliche Grueße am“, mit der sie Sigmar Gabriels Ankündigung, Gauck für das Bundespräsidentenamt vorzuschlagen, beantwortete, schon ein Verwaltungsvorgang oder für jenen wichtig? Hinzu kommt die elektronischen Nachrichten inhärente Eigenschaft, sehr leicht löschbar zu sein. Nun war es auch einfach, Seiten aus Akten herauszureißen, ein qualitativer Unterschied ist aber schon festzustellen – vor allem, weil Akten seit der Verbilligung von Vervielfältigung2 längst nicht mehr so kohärent geführt und damit leichter archivierbar sind.

Ein Archiv ist immer nur so gut wie die Menschen, die seine zukünftigen Materialien bearbeiten, ohne selbst an das Archiv zu denken – also jene, die die Archivalien erst in ihrer historischen Gegenwart erstellen. Im Archiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland (im Folgenden der Einfachheit halber Jüdisches Archiv genannt) fand ich zwar Ordner, die in fünfzig Jahren vielleicht drei Mal geöffnet worden waren (beim Herausziehen aus dem Regal des Zentralrats, bei der Erstellung des Findbuchs, von mir), die dafür aber gründlich erstellt worden waren – inklusive einer Serviette mit der Notiz „van Dam dagegen“, sorgfältig getackert an den Brief eines Staatsanwaltes, um dessen Anfrage es ging.

In den USA gibt es strenge Regeln für die Archivierungspflicht von Amtsträgern. Sarah Palin geriet in arge Nöte als ein jugendlicher Hacker ihr privates Mailpostfach knackte und dort Korrespondenzen fand, die direkt mit ihrer Gouverneurstätigkeit zusammenhingen. Gleichzeitig bleibt es dort den Präsidenten gnädigerweise selbst überlassen, ihren Nachlass aufzubereiten und der Wissenschaft zugänglich zu machen – was ebenfalls zu Problemen führen kann. In Deutschland sind die mit staatlichen Stellen verbundenen Archive auf die Digitalisierung des Arbeitsalltags noch unzureichend vorbereitet – ihnen fehlen die technischen und konzeptuellen Mittel, damit umzugehen. In diesen Tagen geborene Historiker werden einmal große Probleme haben, die Geschichte der Regierungen Merkel mit Archivquellen zu erschließen. Sie werden, da sind sie uns aktuellen Zeithistorikern schon sehr nahe, eine schier unbewältigbare Menge an Quellen zur Verfügung haben, aber die entscheidenden, die Kurznachrichten, Mails und Mitteilungen über verschiedenste Internetangebote, werden sie nicht zu Gesicht bekommen.

Die Probleme mit Firmen und privatisierten Staatsunternehmen sind daneben schon traditionell. Einem Historiker Zugang zu den eigenen Beständen gewähren bedeutet Arbeit, und es bedeutet das Risiko, dass unangenehme Dinge dabei herauskommen. Es ist schade, aber nicht verwerflich, dass dann oft „Nein“ gesagt wird. Ausnahmen gibt es immer wieder, besonders prominent bei der Erforschung der Quandt-Geschichte durch Joachim Scholtyseck. Damals führte der öffentliche Druck zur Öffnung der Archive, wobei das Problem besteht, dass Scholtysecks Geschichtsentwurf für sich alleine steht – die Quandts können neuerlichen Archivzugang mit dem Verweis auf die bestehende Untersuchung bequem ablehnen.

Es ist also an den Historikerinnen und Historikern, den Firmen den Mehrheit nahe zu bringen. Ein offensiver Umgang mit der eigenen, auch kritischen Geschichte schadet selten – um Untersuchungen über dunkle Flecken in der Vergangenheit einen positiven Spin in der Öffentlichkeit zu geben, muss man kein Marketinggenie sein. Anders sieht es bei öffentlichen Stellen aus. Diese haben die Pflicht, Rechenschaft über ihre Vergangenheit ermöglichen zu müssen. Nun muss diese Möglichkeit nur vollständig sein.


  1. Kiran Klaus Patel, Zeitgeschichte im digitalen Zeitalter. Neue und alte Herausforderungen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 59 2011, S. 331-351, Paywall-Link 

  2. erst durch Fotokopien, dann elektronisch 

2 Kommentare

  1. Ich stimme zu – es gibt meines Wissens in Deutschland immer noch keine Strategie zur Langzeitarchivierung digital anfallender Archivalien seitens staatlicher Stellen. Diese Ratlosigkeit ist schon einigermaßen bedenklich.
    Dann gibt es das Problem bei der Langzeitarchivierung, dass dafür auch Migrierungs-Strategien gefragt sind. Das ist aber nicht immer so einfach: Im Archiv mit dem Nachlass des langjährigen finnischen Staatspräsidenten Urho Kekkonen zeigte mir der Archivar beim ersten Besuch das Magazin. Da standen u.a. auch Video-Kassetten eines mir noch nie untergekommenen Systems (nein, es war auch weder Betamax noch Video2000), die fröhlich da vor sich hinstaubten. An ein Abspielgerät war schon damals (vor 11 Jahren) nicht mehr heranzukommen.

  2. Pingback: Die Quellen unserer Tage – nicht erst im Archiv! | Stummkonzert

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