Blog

“Wie es eigentlich gewesen”: Plädoyer für eine neue Fußballgeschichte

Zum Umgang mit Fußball, den Nick Hornby und hierzulande 11Freunde maßgeblich geprägt haben, also mit gewissem Anspruch, gehört die Erkenntnis, dass es mittlerweile auch eben höheren Bildungsschichten “erlaubt” ist, sich öffentlich für Fußball zu begeistern. So sehr dieses Narrativ anzuzweifeln ist (was hier nicht das Thema sein soll): Fest steht, dass sich in den letzten 20 Jahren auch die (Geschichts-)Wissenschaft verstärkt mit Fußball beschäftigt, und das auf verschiedene Weisen. Für die Politikgeschichte beispielhaft angeführt werden kann Nils Havemanns durchaus verdienstvolle Studie “Fußball unterm Hakenkreuz” zum DFB im ‘Dritten Reich’. In erster Linie untersucht wird hier das Funktionärs- und Verbandswesen, orientiert an Akteuren, Beziehungen und Ämtern. Die Ereignisgeschichte orientiert sich an Turnieren, Spielen und prägnanten Geschehnissen und ist eher deskriptiv als historisch-kritisch.

Die Vereinsgeschichte stellt den Bereich der Fußballgeschichte dar, der wohl die meisten Veröffentlichungen aufweist. Dazu gehören Aufarbeitungen der NS-Geschichte von Traditionsvereinen1, Vereinschroniken, Gründungshistorien und Zeitabschnittsuntersuchungen – ihnen gemein ist das Problem, dass sie meist von den Vereinen selbst finanziert werden, woraus sich Interessenkonflikte ergeben können (aber nicht müssen).

Ein weiteres Feld, das überraschend häufig in Fachartikeln auftaucht, ist das der Hagiographie – eine Heiligenverehrung einzelner Fußballer. Tatsächlich sehen teils renommierte Historiker kein Problem daran, in Beiträgen für Sammelbände und Zeitschriften popjournalistische Elogen auf Dribblingkünste und Charisma großer Spieler zu verfassen.

Die globale Fußballsozialgeschichte stellt den wohl seriösesten und vielversprechendsten wissenschaftlichen Ansatz dar: Sie bezieht Sozial- und Politikgeschichte in internationale Vergleiche ein, stellt sie in übergeordnete Kontexte und kann im besten Fall über den Fußball Rückschlüsse auf die gesamthistorische Entwicklung einer Region bieten2.

Dieser Überblick zeigt meines Erachtens, dass die Fußballgeschichte daran krankt, zu jung zu sein um die vollständige Entwicklung der Geschichtswissenschaft mitgemacht zu haben. Sie hat sich dabei als spezifische Fußballgeschichte nicht auf den Kern ihres Faches bezogen, sondern, als Ausdrucksform eher junger Wissenschaftler die Methoden und Ansätze der gleichaltrigen “Normal”-Historiker übernommen und sich dabei dem Journalismus angenähert.

Tatsächlich ist der Vorteil der Historiker, dass wir hinterher alles besser wissen können. Würden wir uns auf diesem gigantischen Vorteil gegenüber unseren Forschungsobjekten ausruhen, wären wir nutzlos – wir können aber aus dem, was die historischen Akteure noch nicht wussten, Schlüsse ziehen, Tendenzen aufzeigen, begründete Urteile fällen und Entwicklungslinien entwerfen. Und nichts  wissen wir über die Geschichte des Fußballs besser und exakter als das Ergebnis – von Spiel, Runde, Saison. Dazu kommen, zumindest ab bestimmten Zeitpunkten, Videoaufzeichnungen von Spielen, externe Beurteilungen (z.B. kicker-Noten) und, seit einigen Jahren, umfangreiche, teils automatisiert erhobene Statistiken von Dienstleistern wie opta.

Daher ist es Zeit für eine Fußballgeschichte, die sich als tatsächliche Sportgeschichte versteht. Ausgehend von einer Taktikgeschichte, wie sie in Deutschland Christoph Biermann entworfen hat3, stellt sie Handeln, Motive und Ertrag der sportlich Verantwortlichen, also der Manager, Trainer und Spieler, in den Vordergrund. Sie erkennt Trends und Wellen die aufgetreten sind, erklärt deren Aufkommen und Abebben, sie untersucht Mittel und Wege, im Sport schlicht erfolgreich zu sein, sie erklärt Sieg und Niederlage im kurz- und langfristigen Zeitrahmen. Wir kennen die Geschichten von Franz Beckenbauers Weg zur Weltklasse und die des Scheiterns von Kalle Del’ Haye, aber wir erklären sie nicht. In jeder Vereinsgeschichte finden sich Topeinkäufe und Flops, aber der Weg vom rein deskriptiven “Wie es eigentlich gewesen” zum “Warum” wird nicht gegangen. Es fehlen kritische Bestandsaufnahmen zu Transfersalden, personellen Kontinuitäten und sportlichen Vereinsidentitäten, es fehlt die tiefere Auseinandersetzung mit dem Spiel an sich.

Dabei kann sich die Neue Fußballgeschichte nicht an standardisierten Floskeln wie dem “Schalker Kreisel” aufhängen, sondern sie muss sich tiefer in das Geschehen wagen. Eine solche Fußballgeschichte ist nicht vollkommen beispiellos: Sie wendet die geschichtswissenschaftlichen Methoden auf einem Feld an, das tagesaktueller Fußballjournalismus4 schon lange bearbeitet. Aber dadurch, dass sie den Ausgang der Geschichte ihres Untersuchungszeitraumes kennt, kann sie anders, bestimmter und zielgerichteter, auf Ursachen und Methoden eingehen. Sie kann dabei Vereine, Ligen, Turniere und einzelne Spieler in den Blick nehmen. So orientiert, ersetzt die Neue Fußballgeschichte das Weltgeschehen durch das Fußballgeschehen, sie ist gleichermaßen eine Politik-, Ereignis- und Sozialgeschichte, die sich nur auf den Subkosmos Fußball bezieht.

Es ist kein Wunder, dass dieser Ansatz noch fehlt: er benötigt neben einer historisch-wissenschaftlichen Ausbildung auch ein tieferes Verständnis für den Sport. Es wäre an der Zeit, sich aus der Deckung zu lösen.


  1. “Hertha/Betze/Löwen unterm Hakenkreuz” als Beispiel 

  2. zu diesem Thema ganz besonders  empfehlenswert: Robert Edelman, Spartak Moscow: A History of the People’s Team in the Workers’ State 

  3. Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann 

  4. klassisch im kicker, aktuell in vielen Blogs 

Flattr this!

1 Kommentar

  1. Ist jetzt natürlich auf die Bundesliga beschränkt, aber im Prinzip suchtest du was in der Richtung, oder?

    http://www.randomhouse.de/Presse/Buch/Samstags-um-halb-vier-Die-Geschichte-der-Fussballbundesliga/Nils-Havemann/pr401473.rhd?pub=17000&men=864

Kommentare sind geschlossen.