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…but the Bill of Rights ain’t one

Heute ist Sommer (und morgen schon wieder nicht), und im Sommer höre ich gerne eine mittlerweile viele Jahre alte Playlist, auf der sich auch “99 Problems” von Jay-Z befindet. Und weil ich als Exilant neuer Teil der Ironblogger Bonn bin (und in der Testwoche schon als “Fauler” gebrandmarkt wurde), schreibe ich darüber nun. Die Kernzeile des Songs “I’ve got 99 problems but a bitch ain’t one” ist oft missverstanden worden, weil das englische Wort “bitch” sich mittlerweile völlig vom ursprünglichen Sinn (Hündin) zum abwertenden Synonym für “Schlampe” entwickelt hat.

Tatsächlich ist “99 Problems” in Teilen eine äußerst intelligente Bearbeitung des Themas US-amerikanischer Bürgerrechte. Anlass dafür bietet eine offenbar von Jay-Z selbst erlebte Gegebenheit aus dem Jahr 1994, als er mit Crack dealte.

The year is ’94, in my trunk is raw
In my rearview mirror is the motherfucking law

Shawn Carter, so sein Geburtsname, war mit einem Paket Drogen auf dem Weg zum nächsten Verkauf, als er, in der Schilderung aus rassistischen Gründen, von der Polizei angehalten wurde.

So I pull over to the side of the road, I heard
"Son do you know why I’m stopping you for?"
– “Cause I’m young and I’m black and my hat’s real low?
Do I look like a mind reader, Sir, I don’t know”

Der Grund, der ihm für die Kontrolle angegeben wurde, war eindeutig vorgeschoben.

"Well you were doing fifty-five in a fifty-four”

Weder ist eine Überschreitung um eine Meile pro Stunde in den USA geeignet, eine Verkehrskontrolle anzuordnen, noch gibt es ein so ungerundetes Tempolimit von 54 mph. Es folgt der Standard-Cop-Satz, bekannt aus Film und Fernsehen:

“License and registration and step out of the car.
Are you carrying a weapon ? I know a lot of you are."
– “I ain’t stepping out of shit, all my paper’s legit”

Hier verlässt Jay-Z in der Schilderung vielleicht nicht den Weg der erzählten Wahrheit, allerdings den der geltenden Rechtsprechung: Wenn ein US-Polizist einen Wagen anhält, darf er den Fahrer auffordern, das Fahrzeug zu verlassen. Er darf sein Gegenüber auch ohne weiteren Anlass auf am Körper getragene Waffen untersuchen.

"Well, do you mind if I look around the car a little bit?"
– “Well, my glove compartment is locked, so is the trunk in the back
And I know my rights, so you’re gonna need a warrant for that.”

Hier liegt Carter dann völlig daneben – nicht erst durch “99 Problems”, aber in der Folge der Veröffentlichung verstärkt glauben viele US-Amerikaner, sie könnten die legale Durchsuchung ihres Autos dadurch verhindern, dass sie Kofferraum und Handschuhfach abschließen. Das ist so eindeutig falsch, dass der Jurist Caleb Mason die alternative Textzeile “You’re gonna need some p.c. for that” vorschlug – “probable cause” zu glauben, im Auto befänden sich Beweise für ein Verbrechen.

"Well we’ll see how smart you are when the K9 come"

“K9” ist das Kürzel vor Polizeihunde. Im vorliegenden Fall rief der Polizist also nach Unterstützung durch einen Drogenspürhund. Diese sind nach US-Rechtsprechung keinen Beschränkungen unterlegen, weil sie die Privatsphäre nicht verletzen, sondern tatsächlich nur nach illegalen Substanzen suchen, für die keinerlei Rechtsschutz gilt.

Die Geschichte, die Jay-Z hier erzählt, endete für ihn glücklich: Der Wagen mit dem Spürhund kam nicht rechtzeitig, er durfte weiterfahren und passierte kurz danach das in Gegenrichtung fahrende K9-Auto. Wäre es wenige Minuten früher gekommen, wir hätten 99 Problems wohl kaum hören können – Shawn Carter wäre ins Gefängnis gekommen.


Genug mit Jura. Was interessant ist (abgesehen davon, dass es ein großartiger Song ist), ist das Bild, das die Amerikaner von Recht und Gesetz haben. Hier offenbart sich nämlich ein grundsätzlicher Gegensatz zum mitteleuropäischen Modell. Denn während gerade in Deutschland der Staat als Gebilde des Volkes gilt (von dem alle Macht ausgeht), ist er in den USA grundsätzlich ein politisches Risiko, nämlich dass Macht akkumuliert werden könnte, um Freiheit, Demokratie oder Grundrechte abzuschaffen. Mehr als im mitteleuropäischen Sinne sind daher in den USA Bürgerrechte (insbesondere jene, die in der Bill of Rights stehen), Abwehrrechte gegen den Staat. Geschaffen aus der Erfahrung der als unrechtmäßig empfundenen Fremdherrschaft einer Kolonialmacht erklärt sich damit so einiges, was uns an den USA merkwürdig vorkommt: Waffengesetze, Gesundheitssystem, marode öffentliche Infrastruktur. Eigentlich ist es kurios: Amerikaner haben weit über 200 Jahre gute Erfahrungen mit ihrem Staat gemacht und sind ihm trotzdem viel misstrauischer gegenüber als Deutsche, die von ihrem Staat in zwei verlorene Weltkriege gebracht wurden.

(Wer mehr zum juristischen Klein-Klein der Jay-Z-Strophe lesen will, kann das hier tun.)