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Public History: Mehr Öffentlichkeit? Bessere Öffentlichkeit?

Große Teile meiner internetbasierten Filter Bubble sind derzeit in Berlin auf der re:publica 13 und twittern fleißig von den verschiedenen Vorträgen und Diskussionsrunden. Ich wollte eigentlich dabei sein, musste aber aufgrund der baldigen Abgabe meiner Masterarbeit darauf verzichten. Da ich heute meinen den Korrekturdurchläufen vorangehenden freien Tag habe, verfolge ich das Geschehen bei Twitter und im Livestream, der leider nur Stage 1 abdeckt und damit die für mich interessantesten Veranstaltungen außen vor lässt.

Heute mittag entstand eine kurze Diskussion mit Charlotte Jahnz, die für die Max Weber Stiftung vor Ort ist. Ausgangspunkt war ein Zitat von Solveig Wehking, die, sicherlich korrekt, konstatierte, dass sich geisteswissenschaftliche Blogs generell schwerer tun als naturwissenschaftliche. Die in der Folge aufgeworfene These, dass dies an der “schleichenden Abwertung/”Relevanzverlust” in der Gesellschaft” liegt, teile ich allerdings nicht. Darum dieser Beitrag.

Meiner Meinung nach haben wir es bei der öffentlichen Wahrnehmung der Wissenschaften mit einer unterbewussten Zweiteilung zu tun. Generell, übergeordnet, erscheinen uns Naturwissenschaften, Medizin, Ingenieurswesen etc. “wichtiger” und “förderungswürdiger” als Geisteswissenschaften (und da ich nur in diesem Gebiet eine gewisse Erfahrung habe, insbesondere Geschichtswissenschaft, auf die ich mich von nun an beschränke). Das ist aus mehreren Gründen nachzuvollziehen – ein neues Medikament, eine geheilte Krankheit oder ein solarbetriebenes Auto haben einen sehr viel direkteren Nutzen für unsere Gesellschaft als die Erforschung jüdischer Migration in die Amerikas unter gendertheoretischer Perspektive. Gleichzeitig sind solche Studien grundsätzlich viel teurer als geisteswissenschaftliche Forschung, deren Kostenfaktoren hauptsächlich Zeit, Veröffentlichungszuschüsse und Reisen sind.

Gleichzeitig erfahren aber individuelle Historiker eine viel höhere Aufmerksamkeit als individuelle Mediziner oder Ingenieure. Die Namen Theodor Mommsen, Ian Kershaw oder Götz Aly sind, zumindest in den “gebildeteren” Gesellschaftsteilen, nahezu durchgehend bekannt. Wie viele Mediziner des 19. und 20. Jahrhunderts kennen wir? Alle paar Wochen erscheint im SPIEGEL ein Interview mit einem deutschen Historiker, zuletzt Aly und davor Wehler, welcher Ingenieur wird zu seiner Einschätzung der Welt befragt?

Wir haben also schon eine öffentliche Wahrnehmung von Geschichtswissenschaft, selbst wenn wir die zahllosen Fernsehsendungen unterschiedlichster Qualität ausblenden. Nimmt man alles zusammen, haben wir allerdings ein sehr eingeengtes öffentliches Geschichtsbild, das sich an einem standardisierten Geschichtsnarrativ (Rom, Karl der Große, Kreuzzüge, Französische Revolution, Weltkriege, Wiedervereinigung) und Jahrestagen entlanghangelt und dabei stark personenzentriert ist – gleichermaßen im Bild der porträtierten historischen Akteure wie auch bei den überbringenden Historikern.

Wir brauchen also nicht mehr Öffentlichkeit für die Geschichte, wir brauchen eine bessere Öffentlichkeit.

Dabei hilft die reine Forderung nicht aus. Wir leben in einem Wettbewerbssystem, das nicht nur die übliche Ökonomie, sondern auch die Aufmerksamkeit bestimmt. Wir können niemanden dazu zwingen, sich für den Reichsdeputationshauptschluss zu interessieren. Wir können nur Angebote machen, und wenn wir Öffentlichkeit haben wollen, die sich von den wenigen großen Professoren weg zu einer größeren Varianz bewegt, dann müssen wir Angebote machen, die in sich selbst attraktiver sind als das, was der Vertrauensvorschuss für den bekannten Namen in Anspruch nimmt.

Unsere Chance als junge Generation ist in diesem Fall natürlich der digitale Wandel. Wir, die wir mit Twitter, Blogs, schlicht dem Internet aufgewachsen sind und Computerspiele nicht nur als Teilphänomen einzelner Konferenzen betrachten sondern als selbstverständlichen Bestandteil der Lebenszeit, können an den zwangsläufig mittelfristig immer wichtiger werdenden Kommunikationsleerstellen der Öffentlichkeit andocken. Und es ist an uns, Themen zu entwickeln, die noch nicht auserzählt sind, und Wege zu finden, andere an unserer Faszination teilhaben zu lassen. Es gibt keinen Grund dass jemand, der drei, vier Jahre an einem Thema schreibt, seine zwangsläufig dafür notwendige Begeisterung nicht auch zumindest soweit auf andere abfärben zu lassen, dass diese sich für zehn Minuten oder eine Stunde damit beschäftigen würden.

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2 Kommentare

  1. Solveig

    Ich meinte bei der Diskussion, dass deutsche Geisteswissenschaftler/-innen laut einer Blog-Konferenz in München Blogs gegenüber noch unaufgeschlossener sind als Naturwissenschaftler/innen. Das ist schade. Geschichte habe ich im Nebenfach an der FU studiert, schätze das Fach definitiv. ,-) und nehme die öffentliche Meinung nicht so wahr, dass Geschichte gering geschätzt wird. Warum hast Du diesen Eindruck, abgesehen von den unterschiedlichen Fördergeldern? VG Solveig

  2. Pingback: re:publica 2013 – Nerds im Elfenbeinturm | Wissen in Verbindung

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