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Vermittlungsformen: Warum Historiker (nicht) bloggen

In den letzten Wochen hat die Diskussion um geisteswissenschaftliche Blogs, insbesondere von Historikern, verstärkt in mein Aufmerksamkeitsblickfeld gedrängt. Ob das an Zufällen, Neuzugängen meiner Twittertimeline oder auch meinem Bonn-Besuch oder an der tatsächlich lauter gewordenen Debatte liegt kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich weiß nur, dass ich mich mit meiner Herangehensweise immer noch ziemlich alleine fühle, insbesondere in meiner (Noch-)StudentInnengeneration, und dass die Frage nach dem „Warum?“ in doppelter Hinsicht zu stellen ist: Warum sollen HistorikerInnen (und GeschichtsstudentInnen) bloggen? Und warum tun es so wenige?

Ausdrücklich bekannt als Geschichtsstudierende unter den Bloggern sind mir nur drei oder vier, die in gewisser Regelmäßigkeit über historische Inhalte bloggen – das schließt ausdrücklich journalistische Angebote wie publikative.org aus, die zwar lesenswert, aber nicht an der Wissenschaftsdimension angelehnt sind. Ich habe kein übergeordnetes Konzept oder ein Gesamtbild anzubieten, aber lose Gedanken, die ich in der Folge (und ggfs. in späteren Beiträgen) anreißen möchte. In erster Linie geht es mir dabei darum zu begründen, warum es so wenige Blogs geht. Meine Erfahrungen speisen sich dabei daraus, Geschichte an zwei Universitäten 1)Mein Jahr in Leipzig klammere ich dabei aus, es geht hier um Bonn und Heidelberg, die sich als Städte relativ ähnlich sind, in Forschung und Lehre aber große Unterschiede aufweisen studiert zu haben und seit nunmehr zehn Jahren in dem unterwegs zu sein, was man gemeinhin „Web 2.0“ nennt.

1. Die „Digital Natives“ studieren woanders

Aus meinem relativ kleinen 2010er-Jahrgang des Bachelor Geschichte in Bonn war ich zum Zeitpunkt des Abschlusses der einzige (oder einer von sehr wenigen), der schon ein Smartphone hatte. Das Konzept eines VPN-Clients, mit dem man sich zuhause in Uninetz einwählen kann um lizenzierte Datenbanken aufzurufen, musste ich noch während des letzten Semesters KommilitonInnen erklären. Von 10 Lehrveranstaltungen in Bonn hatten (grob überschlagen) 8 einen Semesterordner mit Kopievorlagen und zwei bis drei einen eLearning-Kurs, in dem man die Vorlagen als PDF-Dateien herunterladen konnte. Während sich das Verhältnis in Heidelberg ungefähr umgekehrt hat, verbleibt es doch in den meisten Fällen bei einem reinen Transport der analogen Technologie ins Netz – Links, Visualisierungen, Daten als Quelle bleiben meist außen vor. Nun geht dies meist von der DozentInnengeneration aus, es wird aber von den StudentInnen auch nicht nachgefragt – das Maximum der Beschäftigung mit digitalen Quellen besteht in vielen Fällen daraus, für eine Hausarbeit die Medien SPIEGEL, ZEIT und FAZ abzugrasen, die im Volltext im Netz durchsuchbar sind. Wirklich „netzaffine“ Personen finden sich nun mal in erster Linie in anderen Studiengängen.
Geschichte bleibt weiterhin ein Fach, dass die Monographie über den Aufsatz stellt, das Papier über das PDF, das Verlagshaus über den offenen Zugang. Ausnahmen gibt es immer und immer häufiger, für einen Strukturwandel braucht es noch Zeit.

2. Die Hürden sind zu hoch (imaginiert)

Sabine Scherz stellt zu recht die unbeantwortete Frage nach dem Altersschnitt der Blogger bei de.hypotheses. Dazu möchte ich das Portal selbst zitieren:

de.hypotheses.org ist ein Blogportal, das Akademikerinnen und Akademikern aller geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen offen steht. Wenn Sie ein Wissenschaftsblog zu einem speziellen Gebiet, eine wissenschaftliche Chronik über ein bestimmtes Thema, einen Überblick über gemeinsame laufende Forschungen, ein Forschungsjournal zu archäologischen Ausgrabungen, ein Monitoring-Blog, ein Blog begleitend zu bestimmten Zeitschriften oder Büchern, ein Ausgrabungsjournal oder einen wissenschaftlichen Newsletter etc. veröffentlichen möchten, können Sie Ihr Wissenschaftsblog auf dieser Plattform eröffnen. Dieser Service ist kostenlos.

Mit diesen Anforderungen werden StudentInnen von der selbstständigen Teilnahme effektiv ausgeschlossen. Mir wurde selbst angetragen meine Artikel zur Masterarbeit dort zu veröffentlichen, allerdings hätte es kaum in eines der Felder gepasst – außer in das „Wissenschaftsblog zu einem speziellen Gebiet“. Da ich aber nur fünf Monate Zeit für diese Arbeit habe, wäre das Blog danach schnell verwaist, da ich ein etwaiges anschließendes Dissertationsvorhaben nicht darauf aufbauen möchte. Ein auf fünf Monate angelegtes Blog ist allerdings völlig ineffektiv, da erfahrungsgemäß Leser erst mit hartnäckigem Veröffentlichungsrhythmus zu loyalen Besuchern werden.
Eine weitere Hürde, die nichts mit de.hypotheses zu tun hat, hängt mit der relativen IT-Unerfahrenheit zusammen: Selbst wenn man bei Blogspot, WordPress.com oder anderen Anbietern ein Blog eröffnet, muss man sich Gedanken zum Layout und zum Marketing machen – von selbst wird kein Blog gelesen. Dazu gehört eine minimale Erfahrenheit mit sozialen Netzwerken und der passive Umgang mit anderen Blogs. Viel komplizierter wird es, wenn man sein Blog selbst hosten möchte (was angesichts einer eigenen Domain oft mehr Eindruck macht). Eine WordPress-Installation ist kein Hexenwerk, aber nur wenigen GeschichtsstudentInnen ohne Weiteres zuzutrauen.

3. Fehlende Anreize

Junge und angehende HistorikerInnen müssen sich in einem gewissen Maße in ihrem Handeln an der Frage ausrichten, wie ihre Handlungen sich positiv oder negativ auswirken. Das hat uns nicht Bologna eingebrockt, das ist wohl ein Ausdruck unserer Zeit. Die Anreize, ein Blog zu eröffnen, zu füllen, zu warten und regelmäßig zu bereichern sind, insbesondere in der Anfangsphase, oft zu wenig wahrnehmbar um sich den Mühen hinzugeben. Die erste und früheste Währung, in der man als Blogger bezahlt wird, ist Aufmerksamkeit in Form von Seitenaufrufen und Kommentaren. Dabei sind die Seitenaufrufe das Äquivalent zu Pfennigen und Kommentare so etwas wie Apple-Aktien, um das Bild mal schief zu halten. Und während die Pfennige purzeln, werden die Aktien immer seltener. Vor drei Tagen wurde mein Blog von Anke Gröner verlinkt, seitdem haben fast 800 Leser meine Artikel angeklickt, von denen einer einen Kommentar hinterließ. Mein Vorschlag eines englischsprachigen Kollektivblogs bekam ebenfalls einen Kommentar. Um nicht missverstanden zu werden: Ich will nicht jammern, ich blogge gerne und bekomme Resonanz auch über andere Kanäle. Aber gerade für Anfänger kann es sehr frustrierend sein, unter jeder Wahrnehmungsgrenze zu veröffentlichen.
Dazu kommt das völlige Fehlen von Anreizen aus der „Offline-Welt“. Hat einer meiner Leser schon einmal einem Professor von seinem Geschichtsblog erzählt? Ich würde mit Unverständnis, Desinteresse oder Spott rechnen, je nach Persönlichkeitsstruktur und Auftreten. Zudem fehlt der digitalen Veröffentlichung weiterhin Aura und Prestige des gedruckten Beitrags – was ja nur folgerichtig ist, weil viele Qualitätssicherungsmechanismen fehlen. Allerdings sollte die Frage, ob jahrelange digital-selbstständige Veröffentlichung nicht ebenso hoch anzurechnen ist wie die Veröffentlichung einer universitären Arbeit in einem kleinen Sammelband, durchaus stellbar sein.

4. Öffentlichkeit schafft Verantwortung

Angesichts der unklaren Rechtslage besteht in Deutschland für Blogs weitgehend Impressumspflicht. Wir BloggerInnen stehen also für alles, was wir schreiben, mit unserem Namen und unserer Adresse. Das ist gut, denn es verpflichtet zu sorgfältiger Arbeit und Formulierung, aber es schafft auch eine Fallhöhe. Über Aggregatoren sind die meisten Artikel heutzutage nicht mehr aus dem Netz löschbar 2)ein alter Fußballpost von mir, den ich 2009 löschte, ist über Google immer noch leicht aufzufinden. Als Historiker ist man dazu verdammt, seine Meinungen stets zu überprüfen und oft zu ändern. Nicht selten habe ich in Hausarbeiten als sicher angesehene Annahmen noch einmal ändern müssen. Wenn das nun einem Doktoranden passiert? In der üblichen Arbeit an einer Dissertation ist das überhaupt kein Problem, weil man am endgültigen Produkt gemessen wird. Aber wenn man vorher mit mehreren Artikeln das Gegenteil des Endergebnisses formuliert hatte? Oder wenn man nur ein kleines Faktum zunächst falsch verstanden hatte? Vielleicht ist das Problem das gleiche wie jenes von Partyfotos, die der Personalabteilung des Unternehmens auffallen: Jeder tut es, jeder kennt es, aber durch die Sichtbarkeit im Netz wird es (noch) zum Problem.

Fortsetzung folgt.

References   [ + ]

1. Mein Jahr in Leipzig klammere ich dabei aus, es geht hier um Bonn und Heidelberg, die sich als Städte relativ ähnlich sind, in Forschung und Lehre aber große Unterschiede aufweisen
2. ein alter Fußballpost von mir, den ich 2009 löschte, ist über Google immer noch leicht aufzufinden

Autor

35 Jahre alt, Historiker, wohnhaft in Walldorf bei Heidelberg.

14 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Mareike König sagt:

    Lieber Moritz,
    stimme Dir vollständig zu: die Hürden sind zu hoch, die Anreize zu niedrig, so dass viele Studierende nicht bloggen. Die Frage wäre, wie kann man die Hürden senken und Anreize schaffen? Was würdest Du Dir aus Deiner Sicht wünschen?

    Was hypotheses anbelangt, so hast du Recht: das Portal ist für einzelne Studierende nicht offen. Der Hintergrund ist der, dass es auf dem Portal themenspezifische Blogs geben soll und Studierende zumeist noch kein Thema haben. D.h. umgekehrt aber auch, dass in Frankreich Blogs von Professoren abgelehnt wurden, die als persönliches Blog angelegt waren. Seminarbegleitende Blogs, bei denen Studierende unter Anleitung ihres Hochschullehrers das Bloggen lernen, sind herzlich willkommen. Diese Regelung haben wir aus Frankreich übernommen. Sollte man sie überdenken?

  2. (Bin gerade über Twitter auf deinen Blog gekommen und kenne nur diesen Post. Von der angesprochenen Debatte um bloggende Geisteswissenschaftler habe ich nichts mitgekriegt.)
    Mir scheint jedenfalls, es sind vor allem die Punkte 3 und 4, die HistorikerInnen oder GeisteswissenschaftlerInnen überhaupt vom bloggen abhalten.
    Geschichtswissenschaftliche Themen sind doch meist komplex und spezielle, als solche also gar nicht für so viele LeserInnen interssant. Wo will man das anbinden? Die Zeit und Anstrengung, die ich für meine wissenschaftlichen oder auch journalistischen Themen aufwende, will ich dann auch an die Leserschaft bringen. Eine Veröffentlichung in Online-Magazinen oder Online-Nachrichtenseiten ist da doch deutlich attraktiver. – Was nicht heißt, dass historische und literarische Themen nicht auch in meinem privaten Blog vorkommen.
    Tatsächlich frage ich mich auch, was ein geschichtswissenschaftlicher Blog leisten könnte?! Wie, wann und warum lesen Menschen Blogs? Kann ein geschichtswissenschaftlicher Blog da anknüpfen? Möglich ist natürlich alles, aber ich für meinen Teil informiere mich beim morgendlichen Tee lieber über aktuelle Nachrichten oder unterhalte mich. Wissenschaftliches Denken setzt dann erst etwas später ein. 🙂
    Was ich mir besser vorstellen könnte: eine Plattform mit mehreren AutorInnen ala Ruhrbarone oder Spreeblick. Also, bloggen in einem Magazin-Rahmen. Sollten sich da einige HistorikerInnen finden, bin ich gerne dabei!

  3. Charlotte Jahnz sagt:

    Liebe Yvonne Schymura, wie wäre es denn bei de.hypotheses.org zu bloggen? Das ist eine Plattform für geisteswissenschaftliche Blogs – wo also mehrere AutorInnen in einem Magazin-Rahmen bloggen.

  4. Hallo Moritz,

    astreiner Beitrag. Habe ich sehr gern gelesen, weil er in knappen und verständlichen Worten das Problemfeld gut umreißt. Zurzeit unterrichte ich an der Uni und gebe einen Arbeitskurs mit dem Titel „Moderne Kommunikationsformen für Historiker“, in dem es darum geht mit Geschichtsstudierenden die Tools, die das Web 2.0 bietet, für wissenschaftliche Arbeits-, Kommunikations- und Publikationsformen auszuprobieren. Ich erwähne das aus zwei Gründen: Zum einen deckt sich das vollkommen mit Deiner Beobachtung in Absatz 2 (2-3 tun es) und zum anderen möchte ich Dich einladen, mal in unsere Präsenzen, die wir aufgebaut haben, reinzuschauen. Vielleicht fällt Dir etwas dazu ein?

    http://modernehistoriker.wordpress.com/
    https://www.facebook.com/groups/319327618193297/
    https://www.facebook.com/ModerneHistorikerAkUniKoln2013
    https://plus.google.com/u/0/b/113156692838346867397/113156692838346867397/posts

    Viele Grüße
    Georgios

  5. […] Auch bei der durch das Bologna-System erzwungenen Neukonzeption der Studiengänge wurde flächendeckend die Chance vertan, digitale Inhalte endlich in das Curriculum zu integrieren. Der Gipfel der Gefühle sind an den meisten Universitäten Tutorien mit Datenbankschulungen oder einer Kurzeinführung für Citavi, wirkliche Digital Humanities-Kompetenzen werden selten vermittelt. Bei der Konzeption der Studiengänge wurden auch die klassischen alten Regeln verwendet, die häufig entsprechenden Projekten im Weg stehen: Wenn in der Prüfungsarbeit steht, dass eine Abschlussarbeit einen bestimmten Seitenumfang haben soll, dann ist dies ein Problem etwa für ein Projekt im Stile von Mapping the Republic of Letters. Der/Die Studierende darf dann nicht nur einen skeptischen Professor überzeugen, sondern muss sich auch noch mit der Unibürokratie herumschlagen – kein Wunder, dass entsprechende Projekte selten sind. Die meisten Masterstudiengänge verlangen weiterhin etwa zwei moderne Fremdsprachen plus Latein – Programmiersprachen zählen aber nicht. Damit kippen dann die Leute, die in der Schule Informatik statt Französich gewählt haben, raus. Entsprechend selektieren sich auch die Studierenden. Moritz Hoffmann stellt zurecht fest, dass die wirklich Technikbegeisterten selten Geschichte studier…: […]

  6. […] It seems reasonable to assume that the current success of Digital Humanities projects and applications with funding bodies will lead to an increase in the number of degree courses in the Digital Humanities. Most of these courses tend, at least for the time being, to be directed at masters’ level students who have a basic grounding in one of the humanities and social sciences or (though I think this is rarer) come from a more technical background in IT. The emergence of a body of individuals with degrees in “Digital Humanities” must have a significant impact on the evolution of the field, providing a workforce for joining and spear-heading new research projects. It will also necessarily have an impact on those students who pursue post-graduate degrees in the humanities, especially with a research aim. If there are specialised masters programmes in “Digital Humanities”, does this mean that those will be the only places where these kind of skills will be taught? What will the future roles of trained specialist and “normal” researchers be on DH projects in the years to come? How much of a common base do we need. Moritz Hoffmann mentions this aspect when he suggests that those who chose to study history did so precisely because they were less techn…. […]

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