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When I write my Master’s Thesis (3)

Bereits im letzten Beitrag hatte ich diesen hier angekündigt, um über Paul Rassinier zu sprechen. Denn sobald ich jemandem von meiner derzeitigen Arbeit erzähle komme ich bald auf Rassinier, der eine einigermaßen absurde Lebensgeschichte hat. Und nachdem ich dem Blog ein neues, schönes, simples Template verpasst habe, komme ich nun dazu.

Paul Rassinier war Franzose, 1906 geboren. Noch zu Zeiten des Ersten Weltkriegs kam er erstmals mit kommunistischen Schriften in Kontakt und entwickelte sich schnell zum radikalen Pazifisten. 1922 trat er der Kommunistischen Partei bei und entwickelte im Geschichtsstudium seine eigene, sozialistisch geprägte Weltanschauung. Wohl aufgrund dieser, die er recht offen vertrat, wurde er 1932 aus der Partei ausgeschlossen. 1934 trat er der sozialistischen SFIO bei und vertrat auch dort den pazifistischen Flügel. Während der Besatzungszeit schloss er sich einer Résistance-Gruppe an, verhalf Juden zur Flucht in die Schweiz und vermittelte, als Autor und Journalist mit guten Kontakten zu Druckereien ausgestattet, Résistance-Mitgliedern gefälschte Papiere.

Nachdem bei einer Razzia solche falschen Pässe gefunden wurden fiel Rassiniers Name in den Verhören offenbar recht schnell. Er wurde zusammen mit seiner Familie verhaftet. Nach seiner eigenen späteren Aussage rettete ihm diese Verhaftung das Leben, da die kommunistischen Flügel der Résistance wegen seiner Weigerung eine Waffe in die Hand zu nehmen ein Todesurteil gegen ihn gefällt hätten. Ich kann es nicht belegen, bin aber stark geneigt, diese Geschichte als nachträgliche Erfindung einzuordnen.

Während Rassiniers Familie bald wieder frei war, wurde er selbst am 30. Januar 1944 in das KZ Buchenwald gebracht. Wenig später wurde er in das Außenlager Dora verbracht, in dem die Häftlinge Raketen der Typen V-1 und V-2 herstellen mussten. Rassinier scheint dort Glück gehabt zu haben: er knüpfte schnell Kontakte zu einem SS-Oberscharführer, dessen Untergebener er wurde. Große Teile der KZ-Haft verbrachte er aufgrund einer chronischen Nierenentzündung in der Krankenstation. Im April 1945 kam er frei, auch hier gibt es wieder unterschiedliche Versionen: Während einige Historiker von einer „normalen“ Befreiung ausgehen, schildert Rassinier die ziellose Fahrt mit einem deutschen Todeszug, seinen mutigen Sprung aus dem fahrenden Zug und das Glück, nicht von den Schüssen der SS getroffen worden zu sein. Man weiß es nicht, kann Rassinier aber einen Hang zur heroisierenden Phantasie unterstellen.

Zurück in Frankreich erhielt Rassinier Ehrungen und die Bestätigung berufsunfähig zu sein. Zwar lehrte er weiter, gab dies aber 1950 auf. In der Zwischenzeit betätigte er sich weiter politisch für die SFIO, war für zwei Monate Mitglied der Nationalversammlung, konnte dies aber aus verschiedenen Gründen nicht fortsetzen.

Und in diese Zeit fiel die merkwürdige Wandlung des Paul Rassinier. 1949 veröffentliche er sein erstes richtiges Buch „Le passage de la ligne“, einen Augenzeugenbericht aus Buchenwald und Dora. Dort waren die Elemente seines späteren Schreibens noch nicht offen erkennbar, aber schon angelegt. Rassinier schilderte den durchaus harten Lageralltag, der aber in erster Linie durch die Grausamkeiten der als Hilfswächter eingesetzten Mithäftlinge unerträglich geworden wäre – die Deutschen, denen er begegnete, seien fast durchweg freundlich und wohlerzogen gewesen.

1950 veröffentlichte er „Die Lüge des Odysseus“, die in der ersten Hälfte wiederum aus „Le passage de la ligne“ bestand. Der zweite Teil widmete sich der bisherigen Darstellung der Konzentrationslager. Tatsächlich gab es zu diesem Zeitpunkt einige Fehldarstellungen, die sich in erster Linie aus Unkenntnis speisten. Genau dies nutzte Rassinier, um einen Grundstein für die bis heute andauernde Holocaustleugnung zu setzen. Indem er faktisch falsche Aussagen zitierte, diskreditierte er die gesamte Berichterstattung über die Konzentrationslager. Und er begann das Zahlenverwirrspiel, mit dem Holocaustleugner bis heute arbeiten. Beispielhaft dafür war der Umgang mit der Aussage Miklos Nyislis, der davon gesprochen hatte, dass in Auschwitz-Birkenau bis zu 20.000 Häftlinge täglich getötet worden seien. Rassinier rechnete dies auf die Jahre 1939 bis 1945 hoch und stellte höhnisch fest, dann wären dort ja 45 Millionen Menschen ermordet worden.

Gaskammern, Verbrennungsöfen und gar Rechnungen über gekauftes Gas begründete Rassinier damit, dass man den Gefangenen die Qual der Läuse habe lindern wollen. Es sei möglich, dass einzelne Menschen darin umgekommen seien, doch das sei auf individuelle Grausamkeiten von Einzelpersonen zurückzuführen. Einen Plan zur Ermordung von Menschenmassen habe es nicht gegeben. Zwei Zitate verdeutlichen Rassiniers Haltung gut:

Daß Vernichtungen durch Gas vorgenommen worden sind, erscheint mir möglich, aber nicht sicher: ohne Feuer gibt es keinen Rauch. Aber daß sie so weit verallgemeinert worden sind, wie es die Literatur über die Konzentrationslager glaubhaft zu machen versucht, und dies im Rahmen eines nachträglich aufgebauten Systems, ist bestimmt falsch. Alle Kavallerieoffiziere in unseren Kolonien sind im Besitz einer Reitpeitsche, von der sie nach ihrer persönlichen Auffassung vom militärischen Auftreten und je nach dem Temperament ihres Pferdes Gebrauch machen dürfen: die meisten bedienen sich ihrer auch, um die Eingeborenen der Länder zu schlagen, in denen sie tätig sind. So kann es auch sein, daß gewisse Lagerleitungen die für einen ganz anderen Zweck bestimmten Gaskammern zum Vergasen benutzten. (Die Lüge des Odysseus, S. 22)

Meine Meinung über die Gaskammern? Es waren welche vorhanden, aber nicht so viele, wie angenommen wird. Vernichtungen vermöge dieses Mittels fanden auch statt, doch nicht so viele, wie gesagt wird. Die Zahl vermindert bestimmt nicht ihre Schreckensnatur, doch die Tatsache, daß es sich um eine Maßnahme handelt, die von einem Staat im Namen einer Philosophie oder Doktrin angeordnet wurde, würde diese Natur bedeutend erhöhen. (Ebenda, S. 191)

Rassinier wurde zum Kronzeugen der Revisionisten. Am rechten Rand vergaß man nur zu gerne, dass Dora kein Vernichtungslager gewesen war, und machte ihn zum einzig ehrlichen Zeugen. Schnell knüpfte er Kontakte zu dem (sich stolz auch selbst so bezeichnenden) Faschisten Maurice Bardèche und wurde in den 50ern beliebtes Mitglied rechtsextremer Zirkel. 1958 kondolierte er mit der Elite des europäischen Neofaschismus am Grab Pierre-Antoine Cousteaus, des Bruders des Meeresforschers, der 1937 als Antisemit nach Deutschland gereist und als überzeugter Faschist zurückgekehrt war.

Nach 1960, also nach meinem Beobachtungszeitraum, radikalisierte sich Rassinier noch weiter. Bis heute werden seine Bücher fortlaufend von Holocaustleugnern zitiert, es ist kein Zufall dass sie fast alle digitalisiert im Internet zu finden – die Leugnerszene hat ihn ihm einen Gründervater. Bei seinem Tod 1967 arbeitete er an einer unvollendeten Geschichte des Staates Israel. Man kann froh sein, dass er nicht über die paar Seiten hinauskam.