Blog

Der gute Deutsche und sein Hotel. „Das Adlon“ im ZDF

Im Amerikanischen Englisch gibt es den schönen Begriff  „Train Wreck“ über ein Desaster welcher Art auch immer, bei dem man einfach nicht weggucken kann. Dabei geht es weniger um ursprünglich gemeinte Unfälle und ihre unvermeidlichen Gaffer als um unfreiwillig Komisches. „Das Adlon“ war für mich so ein dreiteiliges „Train Wreck“, beginnend am Sonntag, fortgesetzt am Montag und beendet am Mittwoch (weil man am Dienstag dringend einen Bond-Film senden musste).

Nun ist es spätestens seit den Buddenbrooks in Deutschland das große Ziel, Gesellschaftsgeschichte anhand von Familiengeschichte nachzuzeichnen und dabei bestenfalls gleichermaßen große Politik, Moral und Romanze unterzubringen. Oliver Berben soll sich mit dem Stoff schon zehn Jahre getragen haben bevor er ihn realisierte – fraglich bleibt, warum man daraus ausgerechnet eine fast fünfstündige Werbeveranstaltung für ein heute wieder existierendes Hotel machen musste. Die Zimmeranfragen haben sich seit der Ausstrahlung jedenfalls vervierfacht.

Medienkritik können die anderen aber besser. Mir geht es um das transportierte Geschichtsbild, immerhin wurden knapp fünf Jahrzehnte deutscher Geschichte mehr oder minder ausführlich erzählt, beginnend im Kaiserreich, endend in der DDR. Von Anfang an festzustellen war der Wille, jedes Lehrbuchereignis im Film unterzubringen, und wenn es um eher unbekannte Dinge (wie den Völkermord an den Herero und Nama) ging auch gerne zwei- bis drei Mal und mit dem Holzhammer. Es reichte nicht dass der Familienvater „in den Kolonien“ Geschäfte machte und schwarze Haushälterinnen hatte, der arrangierte Verlobte musste auch noch einmal deutlich aussprechen dass er den „impertinenten Negerstämmen Zucht und Ordnung“ einbläuen geht. Die Kulissen sind mit hohem Aufwand erstellt, die Kostüme auf hohem Niveau, kleine historische Ungenauigkeiten (wie die zwar meist weiß behandschuhte, ansonsten aber völlig normale linke Hand Wilhelms II.) sind zu verzeihen.

Das Problem ist vielmehr, wie so oft, die Darstellung des Nationalsozialismus. Die Hauptfiguren, ob aus der (realen) Familie Adlon oder der (fiktiven) Familie Schadt sind durchgehend entschiedene Gegner des Nationalsozialismus, nur charakterschwache Nebenrollen (Katharina Wackernagel als maximalstgekünstelt berlinernde Margarete Loewe) und sofort per Mimik erkennbare Bösewichte (Jürgen Vogel) heben ab 1933 den rechten Arm. „Kleine Anpassungen“ wie ein dahingenuscheltes „Heil Hitler“ oder das erst im Angesicht der Roten Armee auftauchende (und schnell verbrannte) NSDAP-Parteibuch geschehen nur unter Zwang. Kein richtiges Leben im Falschen? Die Familie Adlon, die noch in den späten 1930ern eine Büste des alten Kaisers im Foyer stehen hat wäre offenbar mit der weiter vor sich hin vegetierenden Weimarer Demokratie deutlich zufriedener gewesen, jedenfalls suggeriert der Film dies.

Die Hauptfigur, gespielt von der ewig sechzehnjährigen Josefine Preuß, ist da vom Schicksal noch viel gebeutelter. Muss noch in den 20ern die Ermordung ihrer schwarzen Haushälterin durch Nazis mitansehen, verliebt sich ausgerechnet in einen Juden (dessen bester Freund ausgerechnet Billy Wilder ist), bekommt ausgerechnet von ihm ein uneheliches Kind (und weiß obskurerweise schon dass es ein Mädchen wird, bevor überhaupt Ansätze eines Schwangerschaftsbauches sichtbar sind), muss bei den Olympischen Spielen im Radio den Propagandaminister ankündigen während genau dieser Jude zusammen mit genau diesem Mädchen über die Grenze abgeschoben wird – ungefähr zeitgleich mit der Kündigung eines Adlon-Pagen, der nach Palästina geht (aber bitte durch den Haupteingang, man ist doch anständig) und, um sein Jüdischsein noch dem letzten Zuschauer klarzumachen, ein fröhliches „Mazel Tov“ und einen Briefumschlag voll Geld von Hedda Adlon mit auf den Weg bekommt. Währenddessen wird das Adlon immer leerer, weil die Nazis lieber im Kaiserhof absteigen (der im Film merkwürdigerweise durchgehend „Preußenhof“ heißt), der Krieg beruft seine Nebendarsteller ein die wahlweise sterben, in Kriegsgefangenschaft kommen oder als Versehrte zurückkehren (oder alles zusammen). Den männlichen Sympathieträgern ist es vorbehalten, in den Tagen nach dem Krieg an Herzinfarkten und Hotelbränden zu sterben, die Frauen hingegen bauen das Land wieder auf. Und der einzige echte Nazi wird in der DDR festgenommen, zu einem Verhör mit Sonja Schadt gebracht, erzählt ihr das Familiengeheimnis und geht dann – wie man das bei Verhören nun mal so macht.

Wie spannend, fordernd und neu wäre einer dieser deutschen Historienfilme, in denen der Hauptcharakter, hübsch und geschminkt wie er oder sie ist, 1933 als Aufbruch erlebt, Selbstbewusstsein aus dem Volksempfänger und den UFA-Filmen schöpft, den Anschluss Österreichs bejubelt und sich freut dass der Onkel endlich wieder Arbeit hat. Der vielleicht in eine größere Wohnung zieht weil die Nachbarsjuden plötzlich weg sind und der erst nach Stalingrad so langsam ermattet. Der vielleicht sogar nach Ende des Krieges nicht sofort zum Demokraten wird, sondern den Amerikanern oder Russen mit Abscheu begegnet, der eine tief eingeprägte Abscheu vor Juden hat, die er vielleicht loswerden möchte, aber zunächst nicht kann. Ich verlange gar kein Liebesdrama mit KZ-Wächtern und Angehörigen der Waffen-SS, aber ein Historienmainstream der nur aus verhinderten Widerständlern besteht kann uns den geliebten Titel der Vergangenheitsbewältigungsweltmeister kosten.

PS: Allen Nazis, „Schutzhaftlagern“, Propagandaministern und Rotarmisten zum Trotz darf sich das ZDF rühmen, die schlimmste rassistische Entgleisung der jüngeren Fernsehgeschichte selbst erfunden zu haben: Die Szene in der die schwarze Haushälterin sich aus Angst vor dem neuen Radio hinter dem Bett versteckt, mit weit aufgerissenen weißen Augen, hätte man nur durch ins Bild geworfene Wassermelonen verschlimmern können. Wessen Idee das auch war, sie gehört zum Erbärmlichsten, was ich je auf Film gesehen habe.

2 Kommentare