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Vom Schweigen

Günter Grass hat was geschrieben. Schon lange löst dieser Satz keinen kollektiven “Muss ich haben”-Reflex aus, dazu ist er zu irrelevant geworden. Früher war das anders, und für die Blechtrommel, Katz und Maus und zuletzt Das Treffen in Telgte bin ich ihm immer noch dankbar. 2006 kam dann zum letztmöglich selbstbestimmten Zeitpunkt die Beichte seiner Zeit in der Waffen-SS und spätestens seitdem ist Grass einer, der lieber auf seinem Anwesen bildhauen sollte. Tut er nicht, er meldet sich heute konzertiert zu Wort, in drei Zeitungen. Nicht der FAZ, wie Frank Schirrmacher schon gestern klargestellt hat, und das inhaltlich begründet.

Was gesagt werden muss” nennt Grass sein Gedicht, wenn man es so nennen will, und wenn man böswillig ist kann man daraus auch “Endlich sagt’s mal einer” machen. Das Problem: Grass macht es einem zu einfach, böswillig zu sein. Allein dadurch, dass er eine “Unterordnung” aufgrund des Holocaust beklagt, die schnell zum “Verdikt Antisemitismus” führt.

Doch das Kernproblem findet sich bereits in der fünften Zeile. “Es ist das behauptete Recht auf Erstschlag” schreibt Grass, und wäre das nicht schon problematisch genug, fabuliert er drei Zeilen später davon, dass dieser Erstschlag das “iranische Volk auslöschen könnte”. Grass formuliert hier nichts geringeres als die Vorstellung, Israel würde Massenvernichtungswaffen im Iran einsetzen. Darunter geht es offenbar nicht, dabei könnte doch gerade der geschichtsversessene Nobelpreisträger mal in der jüngeren Historie nachschlagen, wer in dieser Region Massenvernichtungswaffen eingesetzt hat und wer nicht. Damit möchte ich nicht implizieren, dass aus der Vergangenheit ein Automatismus für die Zukunft entsteht. Aber am 7. Juni 1981 hat Israel schon einmal gezeigt, dass es Atomprogramme von Feinden zurückwerfen kann, ohne “Völker auszulöschen”.

Günter Grass möchte sich heute mit Wucht aus seinem Schuldkomplex befreien und einen Spagat wagen, der ihn am Ende einige Oberschenkelmuskel kosten könnte. Er versucht alles vorwegzunehmen, was ihm an Gegenargumentation in seiner Vorstellung entgegenfliegen könnte (Holocaust, Antisemitismus), behauptet, wie oben erwähnt, einen Vernichtungswillen und möchte nun nicht länger schweigen. Hätte er mal. Da hilft es auch nichts, dass er dem “Land Israel, dem ich verbunden bin” irgendeine Hand ausstreckt. Grass mag Tel Aviv, hübsche Jüdinnen und sicher auch ein paar linke Schriftsteller aus Haifa, aber in der Formulierung “dieser vom Wahn okkupierten Region” schwingt völliges Unverständnis über die Situation, in der sich der Nahe Osten befindet. Warum denn jetzt dieser Text? Warum der Fokus auf Israel? Wegen eines U-Bootes? Drei U-Boote hat Israel schon, das eine macht den Kohl nicht fett. Ganz davon abgesehen dass es doch deutlich unpraktischer wäre von Israel mit dem U-Boot zum Iran zu fahren, wenn man die selbe Strecke auch mit Flugzeugen zurücklegen könnte. Aber das ist nicht der Punkt. Grass sieht was Ahmadinedschad (den er einen ‘Maulhelden’ nennt – dumm, aber machtlos?) anrichtet, was in Syrien vor sich geht und was in Ägypten an Instabilität herrscht. Und er hat nichts besseres zu tun, als Israel als Mitschuldiger des größten Menschheitsverbrechens Belehrungen auszusprechen. Das verstehe ich nicht.

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