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Die besten Songs der Welt (4)

Was wir alle gerne wollen, ist Rockstar sein. Zumindest in irgendeiner Phase unseres Lebens. Und irgendwann sieht man Neil Young und Keith Richards und ist doch froh, Versicherungskaufmann geworden zu sein. Oder Comicverkäufer. Man tauscht Glamour gegen Gesundheit und Ruhm gegen Riester. Und zwischendurch kommt es dann doch wieder durch, zumindest wenn man mit 16 Gitarre gespielt hat und auch mal eine Band hatte, die es maximal auf den Mitleids-Slot im örtlichen Jugendzentrum gebracht hat.

Steile These: Durch den ungeheuer schnellen Popmusikdurchlauf gibt es gar keine Rockstars mehr. Keiner kann damit rechnen, dass er in zwei Jahren noch von einem Hahn bekräht wird und dass die Tantiemen von “Sex on Fire” reichen, bis man was ordentliches gelernt hat. Auf dem Weg nach unten sieht man die ganzen Leute und Schreckgespenster wieder, da ist es nicht so geschickt, verbrannte Erde zu hinterlassen.

Der vierte beste Song der Welt kommt von einer Band, die von den ganz besonders profilneurotischen Musikexperten schon vor ihrem ersten Album als “alt” verschmäht wurde. Die Vorabsingles wurden gefeiert und laufen heute noch in Clubs, das Album hielt alles, was vorab versprochen wurde, es passte in die Zeit, aber je schneller der Durchlauf geht, desto schneller wird es langweilig. Das fing mit “D.A.N.C.E.” an, dem Radiohit, den selbst ich nicht mehr hören kann. Und am Ende ging die Zeit vorbei, die nach dem Label benannt war, und damit war der Hype beendet. Einfach so. Und was dabei vergessen wird, ist dass “†”, so heißt das Album, zum Besten gehört, was in diesem Jahrtausend bisher erschienen ist.

Justice wissen nämlich um die Beschleunigung, und sie finden das zu Recht auch gar nicht so schlimm. Und wildern sich deswegen quer durch alle Musikstile, die ihre Eltern im Plattenregal stehen hatten, und sie katapultieren sich durch zehn Metaebenen auf einmal, bis das Meta-Egal zum Statement wird. Klingt blöd, funktioniert aber. Und kombiniert, rein musikalisch, die bauchigsten Bratz-Bässe, die bescheuertsten Lärm-Samples und die treibendsten Beats. Und weil das ja Franzosen sind, kommt irgendwo immer, wenn auch vielleicht gut versteckt, ein bisschen “La Boum”-Pop durch. † ist voll davon, und weil es hier um Songs geht, im Speziellen vom “Phantom Pt. II”. Hier könnte genauso gut “Genesis”, “Phantom”, “Stress” oder “Waters of Nazareth” stehen, die genauso großartig sind. Aber zu “Phantom Pt. II” gibt es ein Video, das perfekt ist. Bei einer USA-Tour gedreht, wechselt es in unanständig schnellen Schnitten zwischen Rockstar-Pose, Mädchen mit hübschen Popos, Homoerotik und Urlaubsvideo. Wer das nicht versteht, ist auch im Kopf Versicherungskaufmann. Der vierte beste Song der Welt ist “Phantom Pt. II” von Justice.

JUSTICE – PHANTOM II HD from Pedro Mendes on Vimeo.

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