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Dresden.

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Dresden im Herbst 1945 | CC-BY-SA 3.0 Deutsche Fotothek

Es ist mal wieder der 13. Februar, das heißt, wir werden von vorne bis hinten, von links nach rechts, oben bis unten mit DRESDEN beschallt. Zum 71. Mal jährt sich heute die Bombardierung der Stadt durch die britische Luftwaffe und damit der Mythos, der dieser Stadt bis heute einen gewissen Sonderstatus beschert. Gerne würde ich einfach das zugehörige Kapitel „Dresden und der Bombenkrieg“ aus unserem Buch „Als der Krieg nach Hause kam“ (das übrigens immer noch im Buchhandel erhältlich ist) hier veröffentlichen, daran hindert mich aber zum einen ein Vertrag und zum anderen der Respekt vor meinem Verlag, der das Buch und zugehörige Projekt überhaupt erst ermöglichte. Stattdessen will ich versuchen, auf einige der am häufigsten in den sozialen Medien und Internetdiskussionen vertretenen Punkte einzugehen. Mein Eindruck dieser häufigen Punkte ist subjektiv, wenn jemand weitere Punkte hat, nehme ich gerne Kommentare auf und ergänze den Artikel fortlaufend.

1. In Dresden starben am 13./14. Februar 1945 250.000 Menschen

Die exakte Zahl der Todesopfer von Dresden werden wir nie herausfinden, sie ist aber auch historisch irrelevant. Eine Näherung genügt völlig. Darüber hinaus müssen wir uns aber darüber im Klaren sein, woher die verschiedenen falschen Zahlen kamen. Die ersten Zahlen kamen von schwedischen Zeitungen, die erst 100.000, dann 200.000 meldeten – ohne dafür andere Belege zu haben als deutsche hoheitliche Angaben. Man kann also sagen, dass diese ersten Zahlen direkt aus der goebbelsschen Propaganda entstammten – genau wie die völlig entgegenlaufenden Zahlen, die innerhalb des Reiches kursierten – dort war nebulös von „zehntausenden“ Toten zu lesen, Goebbels selbst sprach öffentlich von 40.000. Die Schlussmeldung der Polizei sprach Ende März von etwa 25.000 Toten.

Dass bis heute gigantisch hohe Zahlen durch die Debatten schwirren, zeigt die Langlebigkeit der politischen Propaganda. Das ist insbesondere daran erkennbar, dass der Luftangriff auf Dresden rein zahlenmäßig her nichts Besonderes im Zweiten Weltkrieg darstellt: In der „Operation Gomorrha“ starben in Hamburg deutlich mehr Menschen, in Pforzheim wurde ein Fünftel der gesamten Stadtbevölkerung getötet, in meiner Heimatstadt Wesel 97% aller Gebäude zerstört.

Dass Dresden zu DRESDEN wurde, liegt auch daran, dass es in der späteren DDR lag, aber nicht von der Roten Armee dem Erdboden gleichgemacht wurde. In DDR und Ostblock wurde Dresden zur Mahnung vor dem verbrecherischen kapitalistischen Imperialismus inklusive der angeblichen Tatsache, dass Dresden als Atombombenziel vorgesehen gewesen sei. In Westdeutschland hingegen galt die Bindung an USA und Großbritannien, gleichzeitig aber auch ein mangelndes Schuldbewusstsein – ein Großteil der Deutschen hielt Hitler für nahezu alleinverantwortlich für das Dritte Reich und alles, was dort geschehen war – somit waren die Deutschen gleich zweierlei Opfer, von Hitler wie von Harris. Auf diesem Nährboden ließen sich hemmungslos übertriebene Todeszahlen gut anbauen – wie beispielsweise in einem Tagesbefehl, den man bis zur Entdeckung des Originals, das von maximal 25.000 Toten gesprochen hatte, stets mit einer hineingefälschten Null als Quelle für 250.000 Tote herangezogen hatte.

Diese 25.000 Toten sind im übrigen auch die Obergrenze, die eine von der Stadt eingesetzte Historikerkommission ermittelt hat. Sie hat einen Abschlussbericht erstellt, den wir als aktuellen Forschungsstand anerkennen sollten.

2. Dresden war militärisch irrelevant und daher kein legitimes Ziel

Ein „legitimes Ziel“ im Krieg zu bestimmen, ist immer eine heikle Sache – Menschen sterben. Deshalb gibt es verschiedentliches Kriegsrecht, wobei immer wieder auf die Haager Landkriegsordnung Bezug genommen wird, die 1907 und damit vor Beginn des Luftkriegs als Möglichkeit geschrieben wurde. Sie verbot jedenfalls den Angriff auf unverteidigte Städte, was man sich im Rahmen von Kavallerie, Katapulten und Legionen gut vorstellen kann, was aber bei Flugzeugen nur noch begrenzte Aussagekraft hat. In Dresden gab es jedenfalls einige Flak-Batterien, aber ist das schon eine Stadtverteidigung?

In jedem Fall war Dresden militärisch nicht irrelevant. Es lässt sich darüber streiten, ob die kriegswichtigen Anlagen das Hauptziel der Royal Air Force waren, aber sie waren vorhanden. Dresden war Garnisonsstadt und hatte auch 1945 noch eine recht hohe Truppenstärke vorzuweisen, wenn auch die meisten davon noch ausgebildet werden sollten. Neben Hitlerjungen blieben aber auch Heerestruppen und Waffen-SS in der Stadt, auch im Februar 1945.

Zudem hatte sich Dresden lange stolz als Industriestadt präsentiert, die sich vollkommen in den Kriegsdienst stellte. Dazu gehörten Betriebe der Chemie, des Stahlbaus, aber auch hochspezialisierte Technik wie Funk und Transformatoren. Diese Betriebe, so sie noch intakt waren, stellten ein kriegswichtiges Rückgrat für das Deutsche Reich dar und waren somit durchaus legitime Ziele für die Alliierten. Hinzu kam Dresdens Wichtigkeit als Verkehrsknotenpunkt zwischen West und Ost. Was per Zug an die Ostfront verschickt wurde, fuhr größtenteils über Dresden. Züge, die gerade nicht benötigt wurden, stelle man im Dresdner Umland auf wenig genutzten Gleisen ab, weil sie von dort schnell wieder an andere Orte gefahren werden konnten.

3. Im Februar 1945 war der Krieg schon vorbei

Das lässt sich wahnsinnig leicht aus der Rückschau sagen, es berücksichtigt aber nicht den Kenntnisstand der Zeit. Anfang Februar 1945, als der Angriff auf Dresden geplant wurde, steckte die Ardennenoffensive den Westalliierten tief in den Knochen. Mit der Erfahrung, dass die Deutschen noch einmal Territorialgewinne verzeichnen konnten, hatte man nicht mehr rechnen wollen. Gleichzeitig dröhnte die deutsche Propaganda von der alsbald fertigen „Wunderwaffe“ so laut, dass man sie auch ohne deutsche Sprachkenntnisse vernehmen konnte. An der Ostfront wurde eine solch große Materialschlacht ausgefochten, dass die britischen Piloten den Feuerschein der Kanonen beim Anflug auf Dresden tatsächlich in über 100 Kilometern Entfernung sehen konnten. Aus der selben Richtung, aber auch aus dem Südwesten, kamen erste Meldungen über die Schrecken in befreiten Lagern. Auschwitz war am 13. Februar seit gerade einmal zweieinhalb Wochen befreit, aber würden die Alliierten einfach so weitermarschieren können? Es sah natürlich gut aus, aber wann der Krieg vorbei sein würde konnte ihnen nicht klar sein.

4. In Dresden regnete Phosphor, Tiefflieger machten Jagd auf Menschen

Ich fasse hier zwei der langlebigsten Mythen zusammen, die gerne als Zeitzeugenbericht der eigenen Oma oder Ähnliches präsentiert werden – selbst wenn der Bericht von Verwandten kommt, ist er nur Beweis der Unzuverlässigkeit von ZeitzeugInnen. Von der Forschung ist weithin anerkannt, dass Phosphor von den Alliierten zuletzt im August 1943 eingesetzt wurde. Tatsächlich wurde es wohl häufig mit Leuchtmunition und den „Christbäumen“, speziellen Fackelbomben, verwechselt.

Ähnliches gilt für die Tieffliegerangriffe: sie werden bis heute oft wiederholt, lassen sich aber mit den Quellen in keinerlei Einklang bringen. Zum einen wäre es, um deutlich zu sein, höchst blöd von der Royal Air Force gewesen, unter dem Bombenhagel aus höheren Flughöhen mit Jagdflugzeugen unterwegs zu sein, zum anderen wäre es schlicht sadistische Munitionsverschwendung gewesen, ZivilistInnen auf diese Weise zu töten. Augenzeugenberichte zu Angriffen ließen sich meist falsifizieren, weil falsche Aufschriften beschrieben wurden. Die schon genannte Historikerkommission veranlasste noch eine genauere Methode und befragte Zeitzeugen – die von ihnen genannten Orte von Tieffliegerangriffen wurden daraufhin darauf geprüft, ob sie seit 1945 baulich unverändert geblieben waren und daraufhin untersucht:

Diese Flächen – fünf betrafen Schilderungen von Tieffliegerangriffen bei Tag, eine bei Nacht – wurden anschließend im Auftrag des Kampfmittelbeseitigungsdienstes der Landespolizeidirektion Sachsen untersucht. […] Für keine der untersuchten Flächen konnten Munitionsreste festgestellt werden, die mit Tieffliegerangriffen in Verbindung zu bringen sind.

Fazit

So schrecklich die Bombennacht von Dresden war (was wohl niemand ernsthaft anzweifeln möchte), sie stellt nicht das dar, wozu sie bis heute von allen (geschichts-)politischen Seiten gemacht wird. Weder war sie das Symbol für den endgültigen Sieg über das nationalsozialistische deutsche Volk, noch war sie einfache Rache an unschuldigen ZivilistInnen. Sie war nicht einzigartig, und sie war nicht harmlos. Was Dresden angeht, sollten wir aufhören der Propaganda der 1940er und 1950er Jahre auf den Leim zu gehen und ein unaufgeregtes Andenken pflegen, das die zivilen deutschen Opfer ebenso einschließt wie jene, die aus der Bombardierung Dresdens Hoffnung auf ein Ende ihres Leids in NS-Deutschland zogen.

1 Kommentar

  1. Dietrich Schmidt

    Guten Abend Herr Hoffmann,

    ich beziehe mich auf Ihren Twitter Kommentar zum Redeausschnitt von Björn Höcke: „Die Bombadierung Dresdens war ein Kriegsverbrechen.“ – Darauf schreiben Sie „…kann Dresden juristisch nicht als Kriegsverbrechen gewertet werden.“

    Die Ermordung von 25.000 unschuldiger Menschen, insbesondere vieler Kinder, Frauen und alter Menschen, ist kein Kriegsverbrechen? Natürlich ist es das.

    Mit einem solchen Kommentar machen Sie die Rechten nur stärker und geben sich als jemand zu erkennen, der nicht den Mut hat, Dinge beim Namen zu nennen.

    viele Grüße Dietrich Schmidt

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