Blog Blogposts

Die Aly-Debatte, oder wie alle aneinander vorbeiredeten

Von wirklich gesellschaftlich relevanten Debatten wird die Geschichtswissenschaft seit Jahren, fast Jahrzehnten verschont. Man kann das für ein Ergebnis eines langen Ringens um den Forschungskonsens halten und begrüßen, man kann davon aber auch ein wenig gelangweilt sein. Gerade schickt sich eine Debatte an, größer zu werden als antizipiert: ich nenne sie einmal die Aly-Debatte. Sie dreht sich um die Ankündigung von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, einen Großteil seines Vermögens guten Zwecken zukommen lassen, die daraufhin gerade (aber nicht nur) in Deutschland aufkommende Kritik und die Kritik an dieser Kritik, die Götz Aly in einem Beitrag für die Berliner Zeitung antisemitisch nannte. Offenbar müssen wir uns also wiederum als Deutsche verorten: Wo fängt Antisemitismus an, wo hört er auf, und was hat eigentlich der Kapitalismus damit zu tun?

Beginnen wir am Anfang: Mark Zuckerberg veröffentlichte, natürlich auf Facebook, das Versprechen, während seiner Lebenszeit und der seiner Frau Priscilla Chan 99% der Facebook-Aktien einem guten Zweck zuzuführen – der aktuelle Wert beläuft sich auf 45 Milliarden US-Dollar. Damit befindet er sich in der guten Gesellschaft zahlreicher wohlhabender US-AmerikanerInnen, die ähnliches versprochen haben – und steht in der amerikanischen Tradition, mit Wohlstand auch selbst Gutes zu tun. Dazu gehört aber natürlich auch ein gewisses antidemokratisches Moment: Die Aktien des Ehepaars Chan-Zuckerberg gehen an die Chan Zuckerberg Initiative, die keine Stiftung, sondern eine “Limited Liability Company” ist. Das führt dazu, dass zahlreiche Transparenzregelungen gegenüber Stiftungen außer Kraft gesetzt sind, gleichzeitig aber jede Spende an die Initiative steuerlich abzugsfähig ist – dementsprechend können Zuckerberg und Chan ihre individuelle Einkommenssteuerlast stark senken, indem sie ihre Aktien der Initiative spenden, behalten aber letztlich die Kontrolle, die diese Aktien ihnen über das Unternehmen bringen. Letztlich ersetzen sie damit ihre Steuerzahlungen an den Staat durch private Zahlungen an die Initiative, deren Ziele sie selbst bestimmen – und hier setzt das undemokratische Moment an: statt demokratisch legitimiert über die Verwendung von Geldern zu entscheiden (also den US-Haushalt), wird das Geld dem von Chan und Zuckerberg selbst ausgesuchten Zweck zugeführt. Das kann man gut oder schlecht finden, es folgt jedenfalls einer US-amerikanischen Tradition und ist im übrigen angelehnt an die sozialpolitischen Vorstellungen von “small government”-Konservativen, die keine staatliche Wohlfahrt, sondern private Mildtätigkeit als Idealbild haben.

Weil wir alle gerne dem ersten Reflex Gegenrede führen, um uns als tiefsinnige DenkerInnen zu positionieren, war das Echo auf die Spendenankündigung geteilt. In den USA wurde ebenso kritisiert wie in Europa, und gerade auch in Deutschland. Das wiederum brachte Götz Aly auf den Plan, der  zu einem Rundumpaukenschlag ausholte, der die Überschrift “Die Häme gegen Mark Zuckerberg ist antisemitisch” trug. Alle, die schon einmal in einer Zeitung veröffentlicht haben wissen, dass die Überschrift nur selten vom Autoren kommt, aber anscheinend hat er sie abgesegnet, und damit die Debatte erst gestartet, die mich zu meinem zweiten heutigen Blogpost drängt.

Götz Aly ist einer, den man für gewöhnlich “streitbar” nennt, und das macht ihn zur wichtigen Stimme. Er kann ordentlich und präzise an den richtigen Stellen austeilen, aber er kann sich auch vergaloppieren. Grundsätzlich hat er Recht mit der Diagnose, dass einige Kritik an Mark Zuckerberg antisemitisch oder antisemitisch gefärbt ist – aber er wirft Menschen mit in diesen Topf, die nicht hineingehören. Sascha Lobo, den Aly in seine Vorwürfe mit einbezieht, schrieb dazu eine sehr lesenswerte, aber enorm defensive Replik, Jürgen Kaube ging, seinen Kollegen Michael Hanfeld in Schutz nehmend, auf vollen Konfrontationskurs.

Alle drei Artikel sind lesenswert, auch wenn man ihnen nicht zustimmen muss, vielleicht in letzter Konsequenz keinem von ihnen überhaupt vollständig zustimmen kann. Gleichzeitig reden sie ein wenig aneinander vorbei: Während Kaube sich ausschließlich auf die Eingruppierung Hanfelds als Antisemiten fokussiert, nutzt Lobo die Gelegenheit, über Antisemitismus in offener und versteckter Form und als unbewusstes Handlungsmuster auch von überzeugten Anti-Antisemiten (nicht mit Philosemiten zu verwechseln) zu reflektieren. Götz Aly hingegen geht es um den Nazivergleich schlechthin:

Antisemitisch? Süddeutsche, Spiegel und FAZ werden das zurückweisen. Allerdings steht in „Mein Kampf“ über Juden Ähnliches

Alle drei reden über verschiedene Dinge. Am Unredlichsten geht dabei Götz Aly vor, der zwar einleitend nur von “vielen Äußerungen” redet, im Anschluss aber ausschließlich seine Negativbeispiele vorbringt. Dadurch, dass er nur solche Kritik an Zuckerberg thematisiert, die er als antisemitisch deklariert (und in der Überschrift generalisierend von “Die Häme” spricht), lässt er einen folgenschweren Umkehrschluss zumindest stillschweigend zu: nämlich dass jede Kritik an Mark Zuckerberg (und seiner Frau, die immer vergessen wird) in Alys Augen antisemitisch oder strukturell antisemitisch ist.  Wahrscheinlich meint er es nicht, aber dann hätte es ein Autor seiner Sprachpräzision anders ausdrücken müssen – schließlich erwartet er diese Präzision auch von anderen. Gleichzeitig reißt Aly mit dem die ganze Breite der Leinwand füllenden Antisemitismusvorwurf die Problematik auch insofern auf, dass er, im Gegensatz zu vielen, die er kritisiert, das Jüdischsein Zuckerbergs überhaupt erst thematisiert, das in den Beiträgen Hanfelds und Lobos weder explizit noch implizit irgendeine Rolle spielte – Per Leo, zitiert nach Kaube, brachte das insofern auf den Punkt:

Aus Zuckerberg einen ,Juden‘ gemacht zu haben, diesen Vorwurf muss sich in diesem Fall einzig und allein Götz Aly gefallen lassen.

Götz Aly wird es nicht so gemeint haben, aber er hat ein problematisches Signal ausgesendet: Kritik am Verhalten eines Menschen im wirtschaftlichen Raum des Kapitalismus sei dann ein Problem, wenn dieser Mensch eine selbst- oder fremdzugeschrieben jüdische Identität hat. Er schwächt damit jene, die Antisemitismus klar benennen, wenn er auftritt – etwa in der Karikatur der Süddeutschen Zeitung von Februar 2014, die er sogar selbst erwähnt, bei Günter Grass oder dem “israelkritischen” BDS-Movement. Es ist den AntisemitInnen im Lande zuzutrauen, diesen Aly-Artikel in der Hinterhand zu behalten um ihn als Beleg für ein vermeintliches deutsches Sprechverbot heranzuführen. Das haben weder Aly, noch Lobo und Hanfeld verdient.

Flattr this!

1 Kommentar

  1. Pingback: saschalobo.com

Kommentare sind geschlossen.