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Asymmetrische Kommunikation

Seit einigen Tagen tobt eine im kleinen, sozialwissenschaftlichen Bereich vielbeachtete Diskussion um den Berliner Politologie-Professor Herfried Münkler, vielmehr aber um einige seiner Studentinnen und Studenten, die auf einem anonym geführten Blog seine Vorlesung zu Politischer Theorie und Ideengeschichte kritisch begleiten und, ihrer Meinung nach, sexistische und rassistische Tendenzen darin aufzeigen, subsummiert unter dem Begriff des “Extremismus der Mitte”.

Die Kritik am Vorgehen der Studierenden spaltet sich dabei in zwei Teile: die einen lehnen die Angriffe auf Münkler rundheraus ab, sie positionieren sich also inhaltlich. Der weitaus größere Teil der KritikerInnen, ob im Journalismus oder in sozialen Medien, stößt sich allerdings an der Form, einem anonym geführten Blog. Der Vorwurf der “Feigheit” ist dort oft noch das Geringste, Münkler selbst steigert es zu einem “erbärmliche Feiglinge”.

Ein nicht empirisch gesicherter Eindruck dessen ist, dass die Gräben zwischen Unterstützung, inhaltlicher Ablehnung und Ablehnung der Form meist an den Grenzen von Alter, beruflichem Status und Immatrikulationsbescheinigung verlaufen.

Denn über die Stichhaltigkeit der Kritik an Münkler kann man mit guten Argumenten geteilter Meinung sein, ein Konsens scheint da schon rein weltanschaulich nicht erreichbar. Die Frage, ob man diese Kritik allerdings anonym äußern dürfe, scheint recht klar am Status derjenigen zu heften, die sich äußern.

Auf der einen Seite stehen arrivierte JournalistInnen, Lehrende, Professoren (tatsächlich habe ich noch keine Stimme einer Professorin dazu vernommen). Ihre Perspektive ist nachvollziehbar: Sie halten eine Vorlesung, die viel Wochenarbeitszeit in Anspruch nimmt, vor Studierenden, die oft nur wegen Schein und Anwesenheitsliste da sind, und nun werden sie von einigen aus dem Hörsaal unter öffentliches Feuer genommen mit schwerwiegenden Vorwürfen. Das (zer-)stört das Vertrauen, das sich im Zuge eines Semesters eigentlich bilden sollte. Es besteht auch keine Möglichkeit, in den routinierten Kommunikationsverfahren eine Art von Schlichtung herbeizuführen, also im Gespräch nach der Veranstaltung oder im eigenen Büro.

Auf der anderen Seite stehen die Studierenden: Sie haben in einer Veranstaltung, die im Bachelor/Master-System mutmaßlich verpflichtend ist, die sie also bestehen müssen, um einen Abschluss zu erlangen, Dinge gehört, die sie so nicht stehen lassen wollen. Letztlich haben sie schon damit bewiesen, dass sie eine Kernkompetenz eines geistes- bzw. sozialwissenschaftlichen Studiums besitzen, die zum kritischen Denken. Sie könnten mit ihren Vorwürfen nun also zum Beispiel nach der Vorlesung zu Prof. Münkler gehen, oder seine wahrscheinlich sehr volle Sprechstunde besuchen. Sie haben das nicht getan, und es ist naheliegend, dass sie dafür gute Gründe hatten. Ich kenne Herfried Münkler nicht, ich glaube auch nicht dass ich schon einmal eine Fernsehrunde mit ihm aufmerksam gesehen habe, daher verbieten sich hier Mutmaßungen über die Art seines Umgangs mit Studierenden. Nur: Wer in der Vorlesungsöffentlichkeit das Wort “erbärmliche Feiglinge” verwendet fühlt sich entweder tiefer angegriffen, als er es ansonsten zugibt, oder benutzt einen Wortschatz, der nicht unbedingt Diskussionsoffenheit signalisiert.

Tatsächlich scheinen viele mit Blick auf das eigene Studium in den 60ern, 70ern und 80ern zu vergessen, in welcher Lebensrealität Studierende der heutigen Zeit unterwegs sind: sie sind aufgewachsen in der Hochzeit neoliberaler Politik, als Geisteswissenschaften als abschaffungswürdiges Auslaufmodell betrachtet wurden, als Studiengänge auf Berufsqualifikation getrimmt wurden, als Zukunftsangst zum Triebkopf jeder Bildung geformt wurde. Und sie kamen nach dem Abitur an Hochschulen, an denen Abschlüsse gezwungenermaßen nur über die Unterschrift mancher Professoren auf Scheinen (oder dem elektronischen Äquivalent) möglich waren, weil nur diese die Veranstaltungen anboten, die zu Pflichtmodulen gehörten, sie hatten maximal zwei Fehlversuche, bevor sie ihr Fach in Deutschland nicht mehr studieren durften. Und sie kamen an Universitäten, an denen ein Mittelbau mit unbefristeten Verträgen, also einer verlässlichen Perspektive ans Ansprechpartner, so exotisch geworden ist wie eine 300-seitige Dissertation an einer medizinischen Fakultät.

Es geht gar nicht darum, die Machtkonzentration auf Lehrstuhlinhaber zu beklagen, sondern darum, Realitäten anzuerkennen. Und aus diesen Realitäten erwächst die nicht vollkommen unbegründete Furcht, mit offenem Dissens die Möglichkeit eines Hochschulabschlusses zu verringern. Niemand wirft Münkler ernsthaft vor, KritikerInnen hinauszuwerfen, das wäre erstens enorm unethisch und würde zweitens recht schnell von höheren Instanzen wieder zurückgenommen – aber eine Universität, ein Institut, ein Lehrstuhl ist mehr als eine Ansammlung von nach festen Regeln funktionierenden Zahnrädern, und soziale Abhängigkeiten führen oft zu schwer vorhersehbaren Dynamiken.

Die Studierenden von “Münkler-Watch” hatten Angst um ihre akademische Zukunft, und diese Angst sollte man genauso ernst nehmen wie ihre inhaltliche Kritik und die Kritik an der Form. Die Studierenden haben, die asymmetrische Machtposition der Universität anerkennend, einen neuen Ort der Auseinandersetzung gewählt, sie haben Münkler damit dem Heimvorteil genommen. Von “Denunziation” (Münkler) zu sprechen, ist dabei unfair, denn hier werden keine Anzeigen erstattet oder Flugblätter verteilt, sondern es wird mit der Kommentarspalte ausdrücklich eine Diskussion eingefordert, die ja auch durchaus stattfindet, und die dadurch, dass sie schriftlich geführt wird, nicht weniger gehaltvoll ist als von Angesicht zu Angesicht – wahrscheinlich ist sie sogar deutlich zielführender, weil in ihr nur das geschriebene Wort zählt und nicht Status, rhetorisches Geschick, Stimmvolumen, Unterschriftsberechtigung und Prüfungsordnung. Souverän wäre es von Münkler gewesen, diese Diskussion anzunehmen und nicht mit dem Hinweis auf “Feigheit” der KritikerInnen zurück in sein eigenes Territorium ziehen zu wollen.

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