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Diez, das Zeugenhaus und die Deutschen

Für gewöhnlich lese ich die Kolumne „Der Kritiker“ von Georg Diez, die bei Spiegel Online erscheint, sehr gerne. Oft verstehe ich überhaupt nichts vom Thema, denn Theater und Literatur sind mir in ihrem deutschen Alltagsbetrieb häufig fremd, aber irgendetwas an guten Gedanken kann ich dort eigentlich immer mitnehmen.

Umso irritierter bin ich über die Kritik des ZDF-Films „Das Zeugenhaus“, die in dieser Woche erschien. Das liegt nicht daran, dass der Film besonders gut wäre, grundsätzlich ist erst einmal jeder Verriss einer doppelten Berben-Produktion (Produzent Oliver hat seine Mutter Iris besetzt und dafür gleich mal die Hauptrolle 25 Jahre älter geschrieben) bis zum Beweis des Gegenteils gerechtfertigt.

Diez nennt den Film „relativistisch“, und damit bin ich mir gleich im zweiten Satz seiner Rezension nicht sicher, was er sich von Filmen über die NS-Vergangenheit verspricht.

„Das Zeugenhaus“ greift die tatsächliche Geschichte eines Anwesens auf, in dem während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse Zeuginnen und Zeugen vor ihrer Aussage untergebracht wurden – teilweise stark fiktionalisiert, teilweise auf historischen Persönlichkeiten basierend. „Das Zeugenhaus“ ist in erster Linie ein Film und sollte nicht mit den Kriterien der Dokumentation betrachtet werden, nichts ist langweiliger als die Liste von „Fehlern“ der Handlung, der Ausstattung, der Dialoge.

Dennoch finden sich einige spannende historische Charaktere in diesem Film, die meist arg holzschnittartig umgesetzt wurden: Henny von Schirach, Frau des ehemaligen Reichsjugendführers und Gauleiters von Wien, ihr Vater Heinrich Hoffmann, der Leibfotograf Hitlers und prägende Bildgestalter des Dritten Reiches, Erwin Lahousen, dessen Leistung im Hitler-Attentat 1944 von der Gestapo unentdeckt geblieben war, nicht zuletzt Marie-Claude Vaillant-Couturier, die wegen ihrer Mitgliedschaft in der Resistance mehrere Jahre in Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück verbringen musste.

All diese Personen finden sich im Film, und ihre Zitate gibt Diez mit wachsender Abscheu wieder. Tatsächlich sind viele dieser Sätze abscheulich:

Diese ganze Beschulderei und Verurteilerei, das ist so ermüdend. Wo soll das alles hinführen? Was soll das für ein Deutschland werden?

Einen lieberen Onkel als Herrn Hitler kann man sich gar nicht vorstellen.

Niemand, der wahrhaft böse ist, kann so etwas malen. Das ist der wahre Hitler.

Einmal in einer Sommernacht fuhren wir im offenen Wagen durch die Berge. Herr Hitler saß vorne neben dem Fahrer. Über uns waren die Sterne. Auf einer Wiese sahen wir ein Lagerfeuer. Herr Hitler ließ den Wagen anhalten. Wir setzten uns zu den jungen Burschen ans Feuer. Und als sie Herrn Hitler erkannten, da haben sie vor Glück geweint.

Diez lässt diese Zitate fallen, als würde der Film sie sich zueigen machen. Weil in „Das Zeugenhaus“ hauptsächlich die Angehörigen des Tätervolkes sprechen dürfen, soll seiner Ansicht nach der Film die Schuld dieser Täter relativieren. Das lässt mich daran zweifeln, dass Diez den Film überhaupt gesehen hat. Denn, klammern wir mal die völlig irrelevant bleibende Berben-Hauptrolle aus, verteilen sich die Sympathien in diesem Film ganz automatisch – jeder Versuch der Selbstentschuldung der belasteten Deutschen wirkt jämmerlich, unehrlich. Die vielleicht spannendste Figur des Filmes wird von Matthias Matschke verkörpert, ein nervöser Pazifist, den die Amerikaner für seinen SS-Bruder halten – und der sich am Ende tatsächlich als der gesuchte Kriegsverbrecher entpuppt, aber davon kommt. Seine Figur ist fiktiv, aber den historischen Strukturen entsprechend. Sie unterzubringen entspricht nicht der von Diez unterstellten relativistischen Absicht.

Überhaupt finden sich kleine Ungenauigkeiten bis große Unwahrheiten in der Rezension:

Der Holocaust aber wird in diesem Film vollkommen ausgeblendet

Wäre da nicht die deutlich ausgebreitete Zeugenaussage der ehemaligen Insassin von Auschwitz  über Selektionen und Gaskammern, wäre da nicht die Geschichte davon wie Gefangene, als das Gas aus war, bei lebendigem Leib verbrannt wurde, wäre da nicht die Enthüllung, dass der so standhaft leugnende Heinrich Hoffmann selbst in Mauthausen gewesen und den Tod von Internierten beobachtet hatte.

Und es spricht nicht für die Feinwahrnehmung von Georg Diez, dass er glaubt, im ZDF wolle jemand relativieren, reimaginieren, umdeuten, wie er es annimmt:

Sie schwadronieren und schwelgen, die Täter, sie kuscheln sich im Bett zusammen und erinnern sich verzückt an den herrlichen Romantiker, den Sentimentalisten, den Vegetarier und Tierliebhaber.

Wir sind in Deutschland zum größten Teil glücklicherweise in einer Lage, in der sentimentale Romantik beim Gedanken an Adolf Hitler nicht als sentimentale Romantik, sondern als bittere Verblendung wahrgenommen wird. Es ist schwer vorstellbar, dass die ZDF-Zielgruppen Henny von Schirach, ihr „Man wird nicht Reichsjugendführer als böser Mensch“ und ihren korrupten Vater in irgendeiner Weise sympathisch finden und ihren Ausführungen folgen. Tatsächlich breitet sich ein Gefühl ohnmächtiger Ungerechtigkeit aus, weil in ihrer ganzen Selbstherrlichkeit die NS-Deutschen ruhig schlafen können, während der Überlebende von Mauthausen nachts davon erzählt dass er sich schämt, überlebt zu haben, in einem System, das von den Deutschen geschaffen wurde und alle Menschlichkeit ausmerzen sollte.

Die grundsätzliche Kritik an der deutschen Vergangenheitsbewältigungsfilmwirtschaft ist berechtigt, gerade beim in der Rezension eingangs erwähnten „Unsere Mütter, unsere Väter“ – aber hier liegt der Fall anders. Denn in „Das Zeugenhaus“ ist Deutschland von den Alliierten bereits besiegt, und jeder der Täter ist damit beschäftigt seine und ihre Haut zu retten – da wird abgestritten, beschwichtigt, relativiert und ignoriert. Wie hätte der Film für Diez denn aussehen sollen? Geht man nach seinen Vorwürfen, dann hätten die Täter nichts, die Opfer dafür alles sagen sollen – was unvermeidlicherweise den Vorwurf produziert hätte, dass die Verbrechen verbrecherlos geschildert worden wären. Und wenn die NS-Deutschen, vollkommen ahistorisch, alle im Film unter ihrer Verantwortung zusammengebrochen wären, ihre Mitläufer- und -täterschaft gestanden und den Nationalsozialismus als ihren biografischen Tiefpunkt verdammt hätten, dann wäre ein „Wir waren sofort Demokraten“-Propagandafilm daraus geworden.

Man kann „Das Zeugenhaus“ viel vorwerfen, es ist ein recht typischer ZDF-Historienfilm geworden – aber er ist nicht relativistisch, nicht revisionistisch, er redet den Nazis nicht das Wort. Es steht zu befürchten, dass solche Produktionen im kommenden Jahr noch häufiger laufen, und dass im Zuge der drölften Wiederholung von Schindlers Liste auch in den Talkrunden eifrig auf die Schultern der „inneren Emigration“ geklopft wird. Das müssen aber, vorerst, nicht die Berbens ausbaden.

5 Kommentare

  1. Ich fand den de Film tatsächlich auch nicht so schlimm, obwohl ich wegen Iris Berben und ihrer augbeblähten Rolle lange zögerte, ihn mir anzusehen. Es waren dann Gisela Schneeberger und Edgar Selge, die mich lockten. Und Rosalie Thomass als Henny von Schirach war so überzeugend schleimig-abstoßend; da war von Relativismus nichts zu sehen.
    Ebenfalls erfreulich: es wurde kaum geknoppt.

  2. Der Spiegel ist eben eine Art „Betroffenheits-Magazin“. Die Redakteure haben noch nicht bemerkt, dass Deutschland heute aus einem Nachkriegsteil, das Opfer spielte, nämlich der DDR und einem anderen Nachkriegsteil, der BRD, Selbstbezichtigung und Verantwortungsübername besteht. Auch die ZDF Vergangenheits-Filmwirtschaft krankt daran. Es genügt nicht mehr, die Vergangenheit allein Schwarz-weiß und schlecht zu malen. Es gilt die vielfältigen Grautöne und Unterschiede zu treffen. Die NS-Diktatur war hoch kompliziert. Auch das Durcheinander nach dem Krieg dauerte noch einige Jahre an.
    Es fällt z.B. auf, dass große deutsche Zeitungen, FAZ, Süddeutsche Zeitung, Spiegel, nach 1945 von NS- Parteimitgliedern aufgebaut worden sind. Augstein bevorzugte Redakteure, die SS-Mitglieder waren. Gerade diese Medien haben sich aber z.B. am lautesten über die Bonner Diplomaten mit ehemaliger NS-Mitgliedschaft empört.
    Spiegel und Süddeutsche fielen in den ersten Nachkriegsjahren durch antisemitische Töne auf. Sie sprachen z.B.im Fall des jüdischen SS-Offiziers Scherwitz oder im Fall des KZ-Überlebenden Philipp Auerbach jüdischen Mitbürgern Wiedergutmachungszahlungen ab.
    Damalige Stammtischparolen: Mein Haus wurde zerbombt, ich erhalte nichts. Aber die Juden wollen wie früher alles für sich raffen.

  3. cassionetta

    Dankeschön, exakt das habe ich auch gedacht, als ich Diez las. Ich finde auch nicht unbedingt, dass die Figuren holzschnittartig sind, jedenfalls nicht alle. Vor allem der Fotograf wird ja schön enttarnt: er erzählt immer, was er alles angeblich nicht gewusst hat und gibt damit zwar den Naiven, Verklärenden, der von diesen ganzen Verbrechen nichts ahnen konnte und auch den tierliebenden Hitler für unschuldig hält. Das wäre tatsächlich holzschnittartig, wenn es dabei bleiben würde, aber am Ende deckt ja ein anderer Bewohner des Hauses auf, dass er den Fotografen im KZ gesehen hat. Damit fällt die Fassade dieser Figur vollkommen in sich zusammen, das finde ich schon eine starke Stelle im Film. Es zeigt, dass man nicht auf alles vertrauen kann, was dort erzählt wird, sondern alles hinterfragen muss.

  4. Holperbald

    Presse unser!
    Gezetert sei unser Name!
    Dein Reich komme!
    Dein Hitler geschehe
    Wie auf Phoenix, so auch auf ntv
    Unser täglich Hitler gib uns heute!
    Und erinner an unsere Schuld
    Wie auch wir erinnern an die Befreier!
    Und führe uns nicht zu den Rechtsextremen
    Sondern erlöse uns von Guido Knopp!

  5. Holperbald

    Denn Dein ist der Aust
    und der Knopp
    und die Meinungsmache
    in Ewigkeit

    *Werbung! – bleiben Sie dran – gleich gehts weiter*

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