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Familiäre Überreste

Es ist eine Geschichte, wie sie so oder ähnlich in fast jeder Familie vorkommt: Ein älterer Verwandter stirbt, bei der Auflösung des Haushaltes kommt es zu überraschenden Entdeckungen. So auch im Fall, um den es hier gehen soll. Nachdem meine Oma vor etwas über zwei Jahren starb, wurden ihre Möbel, ihre vielen, vielen Bücher und alles was sie sonst noch besessen hatte unter Freunden und Verwandten aufgeteilt, was keiner wollte kam auf den Sperrmüll.

So auch eine Kommode, die über Jahre im Keller gestanden hatte. Bevor sie allerdings an den Straßenrand gestellt wurde, entdeckte einer meiner Verwandten ein Zwischenfach, ganz hinten, das offenbar seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet worden war. In diesem Fach befanden sich Flugblätter, die von den Alliierten zu verschiedenen Zeitpunkten des Zweiten Weltkrieges über dem Deutschen Reich abgeworfen worden waren. Seit einiger Zeit sind diese Flugblätter in meinem Besitz, ich möchte sie nun der geneigten Leserschaft zugänglich machen. Für mich sind sie ein spannendes und lehrreiches Dokument der Neuesten Geschichte.

Es ist nicht eindeutig zu klären, wer aus meiner Familie mütterlicherseits die Flugblätter in dieser Kommode aufbewahrt hat. Sie aufzusammeln wie auch zu bewahren war in jedem Fall ein Risiko, wofür auch das Versteck in der Zwischenebene spricht.

Ich bin weder ein Experte für Flugschriften noch für die Propaganda oder gar Militärgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Literatur, die sich mit den Flugblättern an der Westfront auseinandersetzt, habe ich bislang nicht gefunden, bin aber über jeden Hinweis dankbar. Dementsprechend bauen meine Eindrücke nur auf den vorliegenden Primärquellen auf.

Blatt 1.1 “Die Festung Europa hat kein Dach”

01.1_Die_Festung_Europa_hat_kein_Dach

Das Flugblatt dürfte von Sommer 1943 stammen, es ist eindeutig an die Zivilbevölkerung in deutschen (Rüstungs-)Industriegebieten gerichtet und es zielt auf flächendeckende Demoralisierung. Es soll die unaufhaltsame Luftüberlegenheit der Alliierten gegenüber dem Reich demonstrieren und tut dies auch äußerst geschickt: die Zahlen sind zweifelsohne beeindruckend in ihrer Schrecklichkeit. Wie sie erst auf ArbeiterInnen im Ruhrgebiet nach den Bombardements gewirkt haben müssen, ist kaum vorzustellen.

Blatt 1.2 “So fing es an”

01.2_So_fing_es_anDie Karikatur spricht für sich selbst – Hitler im Pakt mit dem Teufel, 1940 triumphierend und 1943 schon geschlagen. Das darunter stehende Konvolut von Zitaten ist hingegen schon wieder sehr geschickt, den es spiegelt die Aussagen der NS-Größen auf dem Höhepunkt ihrer Luftmacht 1940 mit der Situation von 1943. Gleichzeitig wird Erhard Milch, immerhin Generalinspekteur der Luftwaffe, des historischen Irrtums überführt.

Blatt 2.1 “Das Afrikakorps gibt auf”

02.1_Das_Afrikakorps_gibt_aufDieses Flugblatt, wohl ebenfalls von Sommer 1943, richtet sich schon eher an die Wehrmachtssoldaten: es drückt ihnen demonstrativ Hochachtung aus und folgt schon dem später populären Narrativ der fähigen Soldaten, die von der unfähigen Führung erst falsch geleitet und dann in den sicheren Tod geschickt wurden.

Blatt 2.2 “Befreit”

02.2_BefreitEin rein assoziatives Bild.

Blatt 3 “Tunis: Weit über 160000 Gefangene in einer Woche”

03.1_TunisHier handelt es sich, ebenfalls von 1943, erstmals um ein nicht im typischen Propagandaton gehaltenes Dokument – natürlich folgt es dem selben Zweck, doch versucht es den Eindruck einer reinen Berichterstattung zu erwecken, auch wenn dieser wohl kaum einem Adressaten zu vermitteln gewesen wäre. Die Bilderstrecke auf der Rückseite (mit Blaskapelle) hingegen bricht diesen Eindruck wieder und dürfte kaum zur Glaubwürdigkeit beigetragen haben.

Blatt 4: “Wer hat den Blitzkrieg gewollt? – Wer wird den Weltkrieg verlieren?”

04.2_Wer_hat_den_Blitzkrieg_gewollt04.1_Wer_wird_den_Weltkrieg_verlierenDas letzte vorliegende Flugblatt von 1943, gerichtet gegen die NS-Propaganda über die Kriegsschuld und tatsächlich im Großen und Ganzen noch der heutigen Gymnasiallehre über den Zweiten Weltkrieg entspricht – Erika Steinbach sollte sich die Absätze über Polen noch einmal gut durchlesen.

Blatt 5: “Nachrichten für die Truppe”

05.1_Nachrichten_für_die_Truppe05.2_Nachrichten_für_die_Truppe05.3_Nachrichten_für_die_TruppeDas meines Erachtens spannendste der fünf Dokumente, datiert auf den 31. Oktober 1944, auf den ersten Blick nur dadurch nicht als deutsches Produkt zu erkennen, dass sich nirgends ein Hakenkreuz findet. Bei genauerem Hinsehen finden sich allerdings tatsächlich nur Nachrichten, die zur Demoralisierung der deutschen Soldaten beitragen sollten: neben typischen Front- und Schlachtberichten finden sich Kommentare zur Lage der Bevölkerung und “Vermischtes” mit eindeutigem Hintergrund, so Geschichten zu bei Operationen verstorbenen Chirurgen (wegen Überlastung und weil die jungen Ärzte an der Front sind), über gefallene bekannte Musiker und über eine Eiche in Unna, die nach einem Bombenangriff plötzlich wieder Knospen ansetzt.


 

Es lohnt sich, diese Dokumente durchzulesen, und dabei einen klaren Kopf zu bewahren: Es fällt schwer, sich in die Sprache der Propaganda der Zeit hineinzuversetzen, denn wir kennen diese Sprache oft doch nur von Goebbels. Ich würde mich freuen, wenn LeserInnen noch andere Dinge auffallen, vielleicht auch Kompetenteres als meine ersten Eindrücke.

Ich habe keine Vorstellung von der urheberrechtlichen Situation dieser Flugblätter, ich gehe davon aus, dass sie gemeinfrei sind. Ohne mir irgendein Recht an ihnen zueigen zu machen können sie meinetwegen frei von jedem zu eigenen Zwecken verwendet werden.

Download aller Flugblätter (JPG, 300dpi)

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2 Kommentare

  1. Pingback: Überrest der Woche (1): Hamburg-Amerika Linie | hellojed.

  2. Björn Kroker

    Hallo! Vielen Dank für den Downloadlink. Die Blätter sind (in den USA) gemeinfrei, wenn sie von Beamten im Zuge ihrer Arbeit angefertigt wurden. In Deutschland sind sie wohl noch nicht frei, dazu müssten die Urheber spätestens 1943 (oder ab Januar 1944) gestorben sein. Das ist eher unwahrscheinlich. Tschüß, Björn

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