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Von links-grünen Siegern geschrieben

Die ersten Wochen des Jahres 2014 erleben eine für unsere Zeit eher ungewöhnliche Häufung von scharfen Aushandlungsprozessen. Dabei geht es um eine Vielzahl unterschiedlicher gesellschaftlicher Normen, gleichermaßen in politischer wie moralischer Dimension. Egal ob die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen, der Umgang mit rechtsstaatlichen Normen, die Asylpolitik oder der Konflikt über Einzelphänomene der deutschen Geschichte, von überall erscheinen mehr oder minder hilfreiche Texte und Wortmeldungen in Feuilletons, Talksendungen, Blogs und allem anderen, auf das man Worte binden kann.

Dabei verlaufen die Fronten manchmal quer, so bei der Nichtdiskriminierung von Homosexuellen, die auch von rechts oft angemahnt wird, solange der Gegner eher nicht zum gleichen Gottesdienst geht. Aber überraschenderweise bieten sich ansonsten zur Kategorisierung oft wieder die Links-Rechts-Schemata an, die wir noch vor wenigen Jahren in die unausgelastete Müllverbrennungsanlage der Geschichte geworfen hatten. Dabei korrelieren sie oft mit dem Alter der Autoren, wie auch Matthias Matussek zu betonen nicht müde wurde.

Ein Vorwurf, den zahlreiche Vertreter des “Weiter so” bzw. “So wie früher” ins Feld führen, angeführt vom munter sein Geld zählenden Steuergeldverjubler Sarrazin, ist die Unterdrückung ihrer legitimen Meinung durch wahlweise Lobbyisten, Medienkartelle, obskure Kreise im Hintergrund oder, wenn kein greifbareres Subjekt zur Hand, den Zeitgeist. Auf die Absurdität, einen Meinungsfreiheitsmangel zu attestieren wenn diese Äußerungen in Hunderttausenderauflagen und Millionenquotensendungen verbreitet werden, ist zur Genüge hingewiesen worden. Auch darauf, dass, wer sich äußert, mit Gegenwind rechnen muss, was nichts mit Verboten oder “Linksfaschismus” zu tun hat. Als die Piratin Anne Helm über Tage wegen einer reichlich unspektakulären Aktion Beleidigungen und Morddrohungen über sich ergehen lassen musste, die über den Gegenwind für Sarrazin, Grass, Matussek und co weit hinaus gingen, meldete sich merkwürdigerweise kaum einer der üblichen Verteidiger der Meinungsfreiheit zu Wort.

Doch zurück zur “Unterdrückung” der nicht dem “links-grünen Mainstream” entsprechenden Meinungen. Die so Lamentierenden, im Moment politisch besonders gerne rund um die “Alternative für Deutschland” gruppiert, sehen sich von einer falsch verstandenen Toleranz (oder gar Akzeptanz) für Minderheiten in ihrer Mehrheit des üblichen weißen, heterosexuellen, auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik geborenen Mannes unterdrückt. Häufig verbirgt sich das hinter dem Bekenntnis, nichts gegen [Minderheit] zu haben, aber die ehemals bestehende Diskriminierung wäre ja längst behoben. Rufe nach einer vollständigen Gleichstellung oder schlicht einer menschenwürdigen Behandlung auch innerhalb der schon länger hergestellten Legalität dagegen sehen sie als Beraubung ihrer eigenen Rechte an, obwohl diese Rechte nur auf andere ausgeweitet werden sollen.

Da es sich als vermeintlich unterdrückte Minderheit in einer Demokratie moralisch leichter argumentieren lässt (das funktioniert so ähnlich wie bei Oppositionsparteien im Parlament), bekennen sich diese Mehrheitsmenschen also zu einer Position, die nicht dem Zeitgeist entspricht und machen sich in dieser selbstkreierten Opferposition zum Streiter für das Wahre, Gute, Schöne. Rebellen mag man ja schon im Film lieber als Imperien.

Angefangen hat diese Entwicklung mit der Wahl der ersten rot-grünen Bundesregierung im Jahr 1998. Das Narrativ der “Regierung der Alt-68er”, das auch nur bedingt den Tatsachen entsprach, machte bald die Runde und führte ja auch zu Dingen wie der “Homo-Ehe” und weiterem. Nach 16 Jahren geistig-moralischem Wendestillstand unter Kohl bewegte sich etwas, und für viele, die vor Kohl eher auch schon Strauß wählen durften, bewegte es sich zu schnell. So entstand, spätestens nach der Abwahl Schröders 2005, die Idee eines “linksgrünen Tugendterrors”, der in Gestalt von “Gutmenschen” wahlweise alles gleich- oder auch falsch machen wollte. Und nun stehen wir im Jahr 2014 und müssen tatsächlich darüber diskutieren, ob Homosexuelle Menschen und Bürger zweiter Klasse sind, weil sie in einem Wesensmerkmal anders geboren wurden als die meisten anderen. Wir müssen darüber diskutieren, ob Frauen ein Recht darauf haben, souverän und ohne Diskriminierung über ihren Körper zu entscheiden, bevor auch nur eine einzige Zelle zukünftigen Lebens entstanden ist. Wir müssen darüber diskutieren, ob wir Menschen helfen wollen, die aus Flucht vor einem maßgeblich durch historisches europäisches Handeln entstandenen Elend zu Dutzenden im Mittelmeer ertrinken.

Wir haben gedacht, wir wären weiter, aber offensichtlich wurden dabei größere Kuchenstücke unserer Gesellschaft nicht mitgenommen. Aber, liebe Sarrazin-Fans, Matussek-Aficionados und Lucke-Wähler, wir “Linksgrünen”, die wir oft überhaupt nichts mit der Linken, der SPD oder den Grünen zu tun haben wollen, wir sind keine meinungsunterdrückende Supermacht, keine Diskurspolizei und kein sprachlicher Lynchmob. Wir haben eine eigene Meinung, jeder seine eigene, und jetzt kommt’s:

Vielleicht haben wir einfach Recht.

Vielleicht haben wir früher als ihr verstanden, dass eine demokratische Gesellschaft nur funktionieren kann, wenn alle die selben Rechte und Pflichten haben. Dass Ausgrenzung von Minderheiten nicht zu einer funktionierenden gesellschaftlichen Mehrheit, sondern nur zu immer größerer Ungleichheit und damit zu Unfrieden führt. Dass Freiheit dort endet, wo sie einem anderen schadet und nicht dort, wo sie einen anderen ekelt oder seiner Vorstellung eines normalen Lebens nicht entspricht.

Wir haben alle in einzelnen Dingen unterschiedliche Überzeugungen des besten Weges, aber wir brauchen Grundfesten, eine Basis, auf der sie entstehen. “68” hat nicht gewonnen, und unsere Geschichte wird nicht von den Siegern geschrieben. Wir hängen nicht an einem totalitären Tugendideal, sondern an der Vernunft.

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2 Kommentare

  1. Pingback: Matussek und die FolgenThe European Blog | The European Blog

  2. Schöner, kluger und unaufgeregter Beitrag. Danke!

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