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Sein Kampf

Seit gestern geht eine geschichtswissenschaftliche Skandalnachricht1 durch Deutschland: Das Land Bayern, derzeit in juristischer Personalunion mit der CSU, hat eine radikale Kehrtwende in der Sache des Hitlerschen Literaturversuches “Mein Kampf” vollzogen. Anstatt sich auf den 1. Januar 2016 vorzubereiten, indem eine maßgebliche, gut recherchierte und kommentierte Edition des Buches den Markt für das rechtefreie Machwerk von vorneherein beherrscht, wird den daran arbeitenden Historikern die Unterstützung entzogen und von jedem mit Klage gedroht, der das “volksverhetzende Buch”2 auch nur in Auszügen veröffentlicht.

Daran ist so viel falsch, dass es kaum zu fassen ist – immerhin sprechen wir hier von einer mit absoluter Mehrheit regierenden Partei. Nicht nur hat diese Regierung nun eine halbe Million Euro im Rahmen ihrer neuen Überzeugungen in den Sand gesetzt, sie erschwert auch noch die wissenschaftliche Beschäftigung und überlässt überzeugten Nazis die Deutungshoheit über Hitlers literarisches Vermächtnis.

Dabei ist schon die grundlegende Frage nicht eindeutig zu beantworten. In der aktuellen Rechtslage beansprucht das Land Bayern das Urheberrecht an “Mein Kampf”, weil dieser bis zuletzt in München amtlich gemeldet gewesen war. Diese Argumentation ist an sich schon wackelig – Hitler hat dem Freistaat bzw. seiner Regierung das Urheberrecht sicherlich nicht per Testament überlassen. Nun wird sich niemand (mehr) bemüßigt fühlen, in den letzten zwei Jahren des urheberrechtlichen Schutzes einen langwierigen Rechtsstreit über diese Frage zu führen. Dennoch hat diese Konstruktion schon zu der fatalen Situation geführt, dass die bayrische Landesregierung zum Generalbeauftragten für “Mein Kampf”-Fragen geworden ist und sich nun auch zum Wächter nach 2016 aufschwingt – obwohl sie dann weder moralisch noch rechtlich irgendeine gesonderte Beziehung zum Werk unterhält.

Die jetzige geschichtspolitische Auffassung der Landesregierung besteht daraus, dass “Mein Kampf” volksverhetzend ist. Das ist in etwa so überraschend wie die Feststellung, dass “Das Kapital” marxistisch ist. Es geht ja auch weder dem Institut für Zeitgeschichte (IfZ) noch einem anderen seriösen Historiker darum, das Werk zur fröhlichen Lektüre zu verteilen und in den tagespolitischen Diskurs aufzunehmen. Tatsächlich geht es um eine weitgehende Entmystifizierung – die Prohibition der Verbreitung führt dazu, dass “Mein Kampf” eine besondere Aura umgibt, die aus Missverständnissen und Fehlinformationen besteht. Sicher weit mehr als die Hälfte meines Bekanntenkreises glaubt, das Buch sei in Deutschland verboten. An anderer Stelle ist zu lesen, Hitler habe darin präzise Planungen für Gaskammern vorgelegt. Weiterhin heißt es oft, “Mein Kampf” sei die literarische Fortsetzung der eindrucksvollen Redekunst Hitlers. Das alles ist falsch, und es lässt sich am besten korrigieren, wenn es am kontextualisierten Originaltext veranschaulicht werden kann.

Das vielleicht schlimmste ist, wie vollständig gestrig Horst Seehofer und seine wertkonservativen Vasallen die Welt sehen: Sie glauben tatsächlich, die Verbreitung von “Mein Kampf” unterbinden zu können. Schon 2007 hatte ich keine Probleme, mit eine volltextdigitalisierte Fassung im Internet herunterzuladen, um sie für eine Hausarbeit zu verwenden. Die verwendeten Textstellen schlug ich später zur Sicherheit noch einmal in einem der zahlreichen Exemplare nach, die von der ULB Bonn in ihren Magazinen zur Lesesaal-Ausleihe vorgehalten werden. In den letzten fast sieben Jahren wird sich diese Verfügbarkeit enorm gesteigert haben. Wer eine neue, gedruckte Fassung im Regal haben will, kann diese in zahlreichen Staaten legal bestellen3 oder bei Print-on-Demand-Diensten seine ganz eigene Hetzschrift ordern. Schön ist das nicht, eigentlich ist es ein Desaster. Eines, dass die bayrische Landesregierung nach Kräften fördert, weil sie nicht für fünf Pfennig über ihr Handeln in einer modernen, globalen und digitalen Welt nachdenkt.

Es ist vollkommen klar, dass rechte, unseriöse und unseriöse rechte Verlage im Januar 2016 ihre eigenen Ausgaben von “Mein Kampf” veröffentlichen werden. Sie werden sie als “faszinierenden Einblick” kennzeichnen oder als “erschütterndes Dokument”, wie sie es bei den Memoiren von Guderian und anderen schon getan haben, und sie werden es auf einen Rechtsstreit mit der bayrischen Landesregierung ankommen lassen, den sie aller Wahrscheinlichkeit nach gewinnen. Dann stehen sie gleichzeitig mit der dankenswerterweise trotzdem produzierten Edition des IfZ im Regal und werden einen Bruchteil derer kosten. Die kritische Edition wird nicht (so schnell) ihren Weg in die Lehrpläne4 finden, es wird schwerer zu vermitteln, dass sie in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erscheint. “Mein Kampf” ist in der Welt, es wird in der Welt bleiben, und Horst Seehofer ist ganz persönlich dafür verantwortlich, dass es als ideologischer Sprengsatz nicht historisch-wissenschaftlich entschärft wird. Rechtsradikale aller Welt dürften sich gerade kaum einen besseren Freund wünschen können.


  1. Eine schöne Einführung dazu bei Charlotte 

  2. Seehofer, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/hilters-mein-kampf-soll-verboten-bleiben-a-938511.html 

  3. dort ist das Urheberrecht schon abgelaufen 

  4. hier stand zunächst der Begriff “Geschichtsdidaktik”, den ich nach einem Hinweis von Christian Bunnenberg ersetzt habe 

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3 Kommentare

  1. Birte Förster

    Ich stimme allen Anmerkungen vollkommen zu und bin zudem entsetzt darüber, wie mit dem Institut für Zeitgeschichte und den seit Jahren an der Edition arbeitenden Historikerinnen und Historikern umgegangen wird. Das Institut wurde nicht einmal informiert! Auf eine Stellungnahme des IfZ in ich gespannt, ebenso hoffe ich auf deutliche Worte des VHHD.
    Auf welcher Grundlage die Bayrische Landesregierung ab dem 1. Januar 2016 handeln will, ist mir vollkommen schleierhaft. Wie sie rechtfertigen will, die erste kritische Edition von “Mein Kampf” verhindert zu haben, ebenfalls. Ich erwarte eine Maut für Historiker/innen.

  2. Es ist wirklich unfassbar, mit welcher Kurzsichtigkeit die bayerische Landesregierung hier agiert – und was mich am meisten aufregt: dass die Staatsregierung anscheinend das Urheberrecht mit dem Deutungsmonopol verwechselt! Seit wann darf die Regierung eines Bundeslandes Entscheidungen treffen, die alle Deutschen betrifft? Das ist meiner Ansicht nach eine fatale Mischung aus Realitätsferne und Arroganz. Das IfZ erweist dem Land einen großen Dienst (nicht zuletzt auch unserem Bild im Ausland), wenn es seine Arbeit fortsetzt.

  3. Pingback: Linkomat: Gesammeltes Zeug vom 12.12.2013 bis 19.12.2013 - Abspannsitzenbleiber

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