Blog

Weimarer Wahlkampf

Gestern ist eine Wahlkampfveranstaltung der (mindestens) rechtspopulistischen “Alternative für Deutschland” von mehreren Personen gewaltsam gestört worden – der dort auftretende Bernd Lucke wurde zu Boden gestoßen, anscheinend auch Reizgas versprüht. Natürlich ist so etwas zu verurteilen – nicht nur ist es undemokratisch, es spielt den Populisten auch in die Hände. Die sind nämlich gerade kräftig dabei, sich einen Opfermythos zurecht zu basteln, wie die Frankfurter Allgemeine gestern – vor der Störung – berichtete.

Tatsächlich gibt es einige Ungereimtheiten: Die Pressemitteilung der Polizei, die wahrscheinlich auf Zeugenaussagen bzw. Notrufen basiert, spricht von “20-25 teilweise vermummte[n] Personen”, die AfD von acht und später von sieben, auf dem veröffentlichten Video sind genau zwei zu sehen. Auf der entstehenden Verfolgungsjagd erlitt offenbar einer der Jäger eine Schnittwunde, die per Pressemitteilung zum “Messerstich” wurde.

Es ist eine Angelegenheit der Justiz, die Wahrheit in dieser Angelegenheit zu finden. Warum ich mich bemüßigt fühle, etwas darüber zu schreiben, ist das Statement von Bernd Lucke nach dem Vorfall:

Es ist eine unerträgliche Störung des demokratischen Wettbewerbs, dass Schlägertruppen wie seinerzeit in der Weimarer Republik friedliche Wahlkampfveranstaltungen der Alternative für Deutschland stören

Und da hört es für mich auf  mit der Toleranz. Der Hitler-Vergleich mag mittlerweile ein etabliertes Mittel jeder Auseinandersetzung sein, aber wenn zwei, drei oder sieben schlecht maskierte Halbstarke eine Wahlveranstaltung stürmen, dann hat das nichts mit “Weimarer Zuständen” zu tun. In den damaligen Wahlkämpfen beschlagnahmte die Polizei routinemäßig bei Parteiveranstaltungen Schlagringe und Schusswaffen bei NSDAP-Mitgliedern, die SA brannte Festzelte nieder und sprengte Jugendheime und tarnte sich dabei als kommunistische Gruppierung. Sie führte geplant bürgerkriegsähnliche Zustände herbei, denen in 14 Tagen 50 Menschen zum Opfer fielen. In Potempa drangen fünf SA-Mitglieder in die Wohnung eines Gewerkschaftlers ein und traten ihn vor den Augen seiner Mutter zu Tode.

Bernd Lucke hat, neben Volkswirtschaftslehre, auch Neuere Geschichte studiert. Er sollte das wissen und sich zurückhalten.

Flattr this!

2 Kommentare

  1. Leider bringt da ein Geschichtsstudium recht wenig, wie ich aus eigener Erfahrung weiß: Ich habe zeitgleich mit dem ehemaligen NPD-Vorsitzenden des Landkreises Mainz-Bingen studiert. Dessen Studienfächer: Geschichte und Deutsch. Auf Lehramt. Allerdings ist er vor Beendigung seines Studiums von der Uni geflogen (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/npd-funktionaer-mainzer-neonazi-fliegt-von-der-uni-a-601329.html).
    Aber deswegen kann ich wiederum deinen letzten Satz verstehen: Er, beide, müssten es besser wissen. Es ist verwunderlich, ja, verstörend … reflektieren sie die Ereignisse nicht, sondern studieren nur vor sich hin, passen sich gut an (wohlwissend, dass ihre Meinung nicht den öffentlichen Konsens trifft, um es nett auszudrücken)? Offensichtlich nicht, anders kann ich es mir nicht erklären.

  2. Bei meiner Recherche zu dem Attentat in Bremen bin ich auch auf diese Ungereimtheiten gestoßen. Es überrascht mich nicht wirklich, da ich schon seit ein paar Wochen versuche, mir ein möglichst objektives Bild von der AfD zu verschaffen. Mich wundert kein bisschen, dass in Sachsen sehr gute Ergebnisse (http://wahl.tagesschau.de/wahlen/2013-09-22-BT-DE/ergebnis-DE-SN.shtml) für die AfD eingefahren wurden. Hier herrscht ein oftmals rechts-konservatives Klima. Leipzig macht da ein wenig die Ausnahme – zum Glück, denn da wohne ich (!).
    Ich danke Ihnen für Ihre Aufklärung bezüglich der Weimarer Republik, wenn auch mir war diese Aussage von Herrn Lucke ein Dorn im Auge, ohne Geschichte studiert zu haben.
    Bezüglich der Geschichte Deutschlands kann Lucke noch was lernen. So auch zu den Montagsdemos in Leipzig. Hier sein Redebeitrag: http://www.youtube.com/watch?v=boCSZC_nKzI
    “Wir sind das Volk” wäre es gewesen. Den Unterschied zwischen dem unbestimmten und dem bestimmten Artikel, kennt in diesem Fall Herr Lucke nicht. Ich weiß auch überhaupt nicht, was er mit seiner Rede wirklich sagen wollte.

Kommentare sind geschlossen.