Blog

Das Fleisch, die Freiheit und die Diktaturen

Die letzten Tage haben nicht nur einmal mehr gezeigt, wie unsere Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert, wie weit große Teile der Debattenteilnehmer hinter dem Stand einer Diskussion herlaufen ohne Erkenntnisfortschritte wahrzunehmen und wie schnell selbst heute noch Lokalpolitiker mit Hitlervergleichen hantieren. Das alles wurde nun zur Genüge behandelt, seziert und abgewehrt. Was speziell die Aufregung um den “Veggie Day” gerade in dieser Zeit deutlich macht ist, wie dünn unsere deutsche Liebe zur freiheitlichen Demokratie tatsächlich ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, der das Ende der ersten postdemokratischen Phase der deutschen Geschichte bedeutete, spaltete sich Deutschland in zwei Teile. Der eine, im Osten, wurde von seinem Block mit dem Versprechen von “Frieden” umworben, der andere mit “Freiheit”. Und während der entstehenden DDR überhaupt keine Möglichkeit blieb “Nein” zu sagen, musste der pränatalen Bundesrepublik die Demokratie, mithin “Freiheit”, erst teuer erkauft werden. “Selling Democracy” wird das heute noch oft genannt, obwohl es eher andersherum war: Die USA kauften sich eine westdeutsche Demokratie, die ihnen globalpolitisch und –ökonomisch nützlich war.1

In den folgenden 41 Jahren war die DDR für die Politiker der Bundesrepublik gleichermaßen ein nützlicher Idiot, der zeigte wie es auch schlimmer gehen kann, wie auch ein oft notwendiges Korrektiv für allzu kapitalistische Auswüchse. Aber die große bundesrepublikanische Erzählung der deutsch-deutschen Teilung kennt neben Mauer und Stasi vor allem zwei alltagsgeschichtliche Momente: die Pakete an die ostdeutschen Verwandten und die schon sprichwörtlichen Bananen, die Ostdeutsche angeblich nie zu Gesicht bekamen.

Was hat das alles mit dem “Veggie Day” zu tun? Die Aufregung, die zumindest kurz sämtliche Schlagzeilen besetzte, zeigt anschaulich, was der verallgemeinerte Deutsche mit seiner Freiheit meint: Seinen reichhaltigen Teller beim Mittagessen, sein Auto, seinen Jahresurlaub. Ein so geballtes, übergreifendes Empörungspotenzial wie es die Forderung eines freiwilligen, fleischfreien Tages in Kantinen erwecken konnte, erreichte die aufgedeckte flächendeckende Spionage durch die Geheimdienste nicht. Während man sich hierzulande einredet ja “nichts zu verbergen zu haben” greift der Donnerstag ohne Formfleischschnitzel tief in die persönliche Wahlfreiheit ein.

Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, wie viel echte Freiheit Deutsche aufzugeben bereit sind, wenn sie in ihrem Konsumkosmos frei bleiben dürfen – tatsächlich erkaufte sich ja schon das “Dritte Reich” Zustimmung mit Geld und geldwerten Vorteilen.2 Nun haben wir sicher dazugelernt, und die Kirche darf auch im Dorf bleiben. Aber es ist offensichtlich, dass Populismus bis heute eine Gefahr darstellt3 Unsere demokratische Kultur reicht nur so weit, wie sie unsere eigene, konkrete Freiheit berührt. Diskriminierung von Minderheiten und abstrakte Übergriffe des Staates erfüllen ihr Empörungspotenzial nur über mehr oder weniger intellektuelle mediale Diskurse, aber nicht aus dem eigenen, flächendeckenden Antrieb des verfassungsmäßigen Souverän.

Wenn also heute Politiker den Vorschlag eines “Veggie Day” mit dem “Eintopfsonntag” der NS-Propaganda und Nahrungsmittelrationierung im real existierenden Sozialismus vergleichen, applizieren sie das Schreckensbild einer totalitären Herrschaft auf den Minimalflecken unseres Alltags, dem Speisenangebot einer Kantine. Wenn das die Freiheit ist, die sie meinen, ist das ein Problem für die Freiheit, die wir alle meinen sollten.


  1. Üblicherweise wird der Marshallplan nur unter dem Gesichtspunkt der Eindämmungsstrategie (Containment) gegen den Kommunismus gesehen. Dass es ganz besonders um das europäische Wirtschaftssystem ging, das ohne deutsche Schwerindustrie kaum lebensfähig war, zeigt: Wilfried Mausbach, Zwischen Morgenthau und Marshall. Das wirtschaftspolitische Deutschlandkonzept der USA 1944 – 1947, Düsseldorf 1996. Versteht das als Leseempfehlung für eine lange Zugfahrt. 

  2. Bei aller Problematik ist auch hier eine Zugfahrtlektüre empfohlen: Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt am Main 2005. 

  3. Um zu testen wie dünn unsere antirassistische Hülle ist, hilft ein kurzer Test: Einfach mal in der Kneipe das Gespräch auf Sinti und Roma lenken. 

Flattr this!

1 Kommentar

  1. Johnf153

    I do trust all of the ideas you’ve presented in your post. They’re very convincing and can certainly work. Nonetheless, the posts are very short for beginners. May just you please lengthen them a bit from next time? Thanks for the post. gdbedeeakgca

Kommentare sind geschlossen.