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Kaninchen beim Optiker

“Woran sieht man, dass Möhren gut für die Augen sind? Na, hast du schon mal einen Hasen mit Brille gesehen?”

So ging in meiner Grundschulzeit, irgendwann zwischen den Weltmeisterschaften in Italien und den USA, einer unserer Lieblingswitze. Er besteht aus drei aufgestellten Fakten, von denen einer absurd und damit, nun ja, witzig ist: Dass Hasen Brillen tragen würden, wenn sie müssten. Die anderen beiden zugrundeliegenden Fakten sind, dass Hasen gerne Karotten essen (wenig zweifelhaft) und dass Möhren die Sehkraft verbessern oder zumindest erhalten.

Die Geschichte der Karotte ist für viele Anekdoten gut. Zum Beispiel ist sie in ihrer verbreitetsten Form wohl so schön orange, weil sie im 17. Jahrhundert zu Ehren des holländischen Königs Wilhelm von Oranien so gezüchtet wurden.

Die Geschichte mit der Sehkraft ist aber noch schöner, und historisch gesehen deutlich jünger. Tatsächlich gibt es eine naturwissenschaftliche Beziehung zwischen Möhren und Augen: Wie man dem Namen schon entnehmen kann, enthalten die Karotten viel Betacarotin, das auch als Provitamin A bezeichnet wird, weil es die wichtigste Vorstufe des Vitamins A darstellt. Zum Vitamin A gehört unter anderem das Retinal, dessen Mangel sich beim Menschen in Nachtblindheit und schnellem Ermüden der Augen äußert. Ein solcher Mangel ist in unseren Regionen allerdings nur mit äußerster Disziplin zu erlangen, da es in nahezu allen gelben und orangenen Gemüsen und Früchten von Kürbis bis Sanddorn vorkommt. Dass durch eine Überdosis Betacarotin die Nachtsehkraft allerdings über das normale Maß hinaus verbessert würde, ist nicht nachweisbar.

Wie kam es also zu diesem Mythos? Die Antwort liegt im Zweiten Weltkrieg. Seit den 1930er Jahren hatten fast alle Kriegsparteien die neue Radartechnik einsatzbereit, allerdings war sie groß und teuer – was dazu führte, dass insbesondere die Briten nachts am Boden auf dem Radarschirm sehen konnten, dass deutsche Bomber auf dem Weg über den Ärmelkanal waren, daran allerdings nicht viel ändern konnten. Britische Abfangjäger konnten zwar in die ungefähre Gegend der Bomber fliegen, diese aber schlicht nicht sehen, um sie dann abzuschießen.

Einen Durchbruch in dieser Problemlage erzielte Edward George Brown vom Radar Development Team 1939 mit dem Airborne Interception Radar, das erstmals direkt in die Flugzeuge integriert werden konnte. Damit war es Abfangjägern möglich, Bomber unabhängig von der Bodenstation ausfindig zu machen.

Den Briten lag viel daran, diesen entscheidenden Vorteil im Krieg nicht publik werden zu lassen. Das Problem war allerdings, dass der Luftwaffe schnell auffiel, dass sie mehr Abschüsse und Verluste zu verzeichnen hatte – die britischen Erfolge bedurften einer Erklärung, die das Bordradar verheimlichte. Und da kamen die Karotten ins Spiel. Der Zusammenhang von Betacarotin und Retinal war schon bekannt, da erschien die Erklärung der britischen Wissenschaftler nur logisch: Erhöhter Möhrenkonsum erhöht die Nachtsicht, und weil die Piloten der Royal Air Force massenweise Karotten essen, schießen sie mehr deutsche Bomber ab.

Diese Lüge wurde von nun an mit voller Kraft propagiert. Der RAF-Pilot John Cunningham, Spitzname “Cat’s Eyes”, schoss 19 gegnerische Flugzeuge bei Nachteinsätzen ab, was er in einem Zeitungsartikel damit begründete, dass er durch mehrjährigen, planmäßigen Karottenkonsum überlegene Nachtsicht erlangt habe. Weitere Artikel und Heldengeschichten mit der selben Begründung folgten. Ein positiver Nebeneffekt der Kampagne war, dass die Briten in ihren Gärten die relativ simpel zu handhabenden Karotten anbauten, wodurch die angespannte Ernährungssituation im Ansatz gelöst wurde.

Die Täuschung war tatsächlich erfolgreich. Die Vorteile des bordeigenen Radars konnten länger geheim gehalten werden als sonst erwartbar, und die Deutschen fielen anscheinend wirklich auf die den Möhren zugeschriebenen Kräfte hinein – zumindest legt dies der Erfahrungsbericht des Luftwaffe-Piloten Peter Spoden nahe:

So saßen wir denn in den halbdunklen Bereitschaftsräumen, sprachen über die letzten Einsätze, spielten Schach oder hörten Musik mit geschlossenen Augen. Einige ganz Eifrige aßen Möhren; der Stabsarzt hatte uns gesagt, dass darin
Vitamin A sei, welches den Augen gut täte. Wer in den Nächten den anderen zuerst sah, der schoss auch zuerst und überlebte!

Die Legende überlebte den Zweiten Weltkrieg. Über Jahre war den Briten der Nutzen der Karotte eingeprägt worden, sogar Walt Disney hatte mit der Erschaffung einer Familie um den Vater “Dr. Carrot” mitgeholfen, und die Deutschen hatten die Legende in bestem Willen für das Reich weitergegeben. Wie man auch am Spinat sieht, sind populäre Irrtümer über Lebensmittel schwer auszurotten. Und auch heute noch wird so manche Oma ihren Kindern und Enkelkindern den Rat mitgeben, mehr Möhren zu essen – für die Augen.

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