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Architektonische Rache: Das Berliner Schloss

Heute beginnt offiziell, mit der Grundsteinlegung, der “Wiederaufbau” des Berliner Schlosses. Vorab: Ich bin kein Berliner, ich war einmal da und habe die Debatte sicher nicht so aktiv verfolgt wie viele andere. Aber das hindert mich, Web 2.0 sei Dank, nicht daran, meine Meinung kundzutun:

Die Debatte wird seit 1991 geführt, sie ist längst von den Befürwortern gewonnen, aber man muss sich nicht damit abfinden. Der nicht rückgängig zu machende Schaden ist schon da, der “Palast der Republik” ist seit Jahren zerstört. Statt dieses (subjektiv und dem Zeitgeist verhaftet ziemlich hässlichen) Monuments des vergangenen real existierenden Sozialismus soll nun also ein Gebäude entstehen, das vor Jahrhunderten etabliert und im Zuge verschiedenster monarchischer Herrschaften ausgebaut wurde. Auf der offiziellen Homepage findet sich eine Sammlung der Argumente der Baubefürworter, die schaudern lässt.

Der Palast der Republik fügte als Solitärbau dem historischen Ensemble schweren Schaden hinzu.

Zu Ende gedacht bedeutet diese Aussage, dass Städte in ihrem historischen Wachstum unveränderlich sind. Die Glaskuppel des Reichstags fügt dem “Bauensemble” im Umfeld ebenso Schaden zu wie die Waschmaschine das Bundeskanzleramt. Und was berechtigte eigentlich die Architekten 1845, eine Kuppel auf das Stadtschloss zu setzen?

Entscheidet man sich für ein Gebäude in der Architektursprache des ausgehenden 20. Jahrhunderts, ähnelt es äußerlich voraussichtlich Dutzenden von Bauten in der Stadt. Es wird ebenfalls keinen Beitrag zur Rehabilitation der historischen Mitte leisten

Interessanterweise wird der Bedarf an einer architektonischen “Rehabilitierung” überhaupt nicht begründet. Hätte man hingegen ein Gebäude gewollt, das nicht so aussieht wie “Dutzende” anderer Berliner Bauten, hätte man weder ein Altbauimitat noch einen modernen Neubau dorthin setzen dürfen, da beide in Berlin ausreichend vorhanden sind – eine Renovierung des “Palastes der Republik” wäre genug gewesen.

Gebäude, die identitätsgebend waren, prägend für den Charakter einer Stadt oder Landschaft, dürfen selbst nach der Charta der UNESCO neu errichtet werden, wenn sonst ein Stück des geschichtlichen Gedächtnisses ausgelöscht würde

Da können wir ja alle froh sein, dass die UNESCO sowas erlaubt! Wieder bleibt die Frage: Warum nicht das DDR-Gebäude behalten? Berlin hat zahlreiche Gebäude, die symbolisch für vordemokratische Zeiten stehen, das DDR-Gedächtnis wird dabei ausgelöscht. Wer in Berlin die Auswirkungen des Sozialismus auf die Stadt erfahren will, muss zu den verbliebenen Mauerstücken oder an den Checkpoint Charlie gehen – die Erinnerung an die DDR wird damit völlig verengt, reduziert und marginalisiert.

Berlin wird mit der Rehabilitation der alten Mitte wieder austariert. Das Neue Schloss gibt den einzelnen Baukunstwerken wieder Zusammenhang und Halt und stellt ihren ursprünglichen künstlerischen Wert wieder her, war dieser doch immer auf das Ensemble bezogen. Es wird ihr Bezugspunkt wie in den Jahrhunderten zuvor, wird zum Gravitationszentrum der Stadt, zu ihrem Kristallisationspunkt.

So ziellos und unkonkret der Text an dieser Stelle herumschwafelt, er vermag das argumentative Scheitern nicht verbergen: Gebäude sind das, was Menschen aus ihnen machen, und damit sind nicht die Architekten und Maurer gemeint. Berlin ist Hauptstadt, aber es ist zum Glück sehr viel mehr. Künstler und Kreative kommen nicht nach Berlin, weil dort mal der Kaiser wohnte, und sie werden nicht vor einer Nachbildung eines Schlosses künstlerisch und kreativ sein. Die Stadt verlagert sich nicht dahin, wo in vordemokratischen Zeiten die Musik spielte.

Letzten Endes, und die absurden Geldmengen völlig außen vor gelassen, spitzt sich die Frage des Berliner Schlosses zu auf die Frage, wie wir unsere Geschichte annehmen wollen.  Deutschland sieht sich oft und gerne als Vergangenheitsbewältigungsweltmeister, was den Nationalsozialismus angeht. Dessen Monumente wurden, soweit prominent platziert, nicht aktuell notwendig und technisch möglich, noch von den Alliierten gesprengt oder fielen ganz einfach dem Bombenkrieg zum Opfer. Die friedliche Abwicklung der DDR machte es nicht so einfach. Wie soll man mit ihren baulichen Hinterlassenschaften umgehen? Das Argument, man dürfe keine Wallfahrtsorte für SED-Nostalgiker schaffen, zieht nicht, sonst dürfte es auch das Berliner Olympiastadion und die zahlreichen KZ-Gedenkstätten nicht geben. Tatsächlich wurde Berlin durch den Abriss des “Palastes der Republik” endgültig in eine Ebene langweiliger Nettigkeit planiert. Das tolle an großen Städten ist, dass sie leben, und dass sich in ihrer Gegenwart Spuren ihrer ganzen Vergangenheit finden. So wie man auf modernen Straßenplänen fast immer die alten Stadtmauern erkennen kann, so sind auch die Gebäude ein Zeugnis des Weges eines Ortes  von Wald und Wiesen hin zur Gegenwart.

Dazu gehört auch der Abschied von Dingen, die zuvor da waren. Wo früher Stadtmauern standen, sind heute Grüngürtel und größere Straßen. Für die ersten Räumlichkeiten der Heidelberger Universität wurden die Judengassen leergeräumt. Und wo das Berliner Schloss stand, wurde der “Palast der Republik” gebaut, als es die damalige sozialistische Gegenwart für erforderlich hielt. Eine Rückkehr macht überhaupt keinen Sinn. Sie ist unhistorisch, sie bietet Nostalgie für eine aussterbende Generation und sie hat bestehende historische Architektur zerstört aus einem primitiven Rachegedanken heraus. Egal, was später einmal in diesem Schloss Unterkunft bekommt, es wird die Menschen teilen. Für die einen wird es (mit Sicherheit zu oft auch aus reinem Unwissen heraus) ein weiterer historischer Ort, aber eigentlich ist es nichts weiter als ein Schandfleck.

 

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