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When I write my Master’s Thesis (2)

Zehn Monate sind seit dem ersten Teil dieser Reihe vergangen. Damals hatte ich mir das Thema grob zurecht gelegt. Dann kamen die letzten Lehrveranstaltungen, das Kolloquium, ein forschungsbibliographisches Essay, eine Hochzeit, eine MA-Prüfung und seit Mitte Dezember sitze ich an der Arbeit, mit wachsendem Fleiß.

Das Thema hat sich noch einmal ordentlich geändert. Es geht immer noch um Holocaustleugnung, aber ich bin von der ersten Fragestellung abgewichen. Herauszufinden wie groß der Rückhalt der Bevölkerung für Holocaustleugnung war ist im Rahmen einer Masterarbeit nicht zu leisten und meines Erachtens auch für eine größere Forschungsarbeit kaum seriös herauszufinden. Es gibt einschlägige Meinungsumfragen, zumindest bis Mitte der 1950er Jahre, aber wie will man die bewerten, wenn die Antwort eines Leugners so eindeutig sozial unerwünscht ist? Es gibt Veröffentlichungen, aber deren Verlage nicht mehr – wie will man die Verkaufszahlen herausfinden?

Ich habe mich durch die Literatur gewühlt und bemerkt: Bis auf wenige Ausnahmen beginnt die historische Aufarbeitung der Holocaustleugnung erst in den 1970ern. Damals wurde das schreckliche, aber mittlerweile eingebürgerte Wort der “Auschwitz-Lüge” von Thies Christophersen erfunden und leugnende Schriften erreichten ihren quantitativen Höhepunkt. Aber was war davor? Oft wird es gar nicht erwähnt, manchmal mit drei bis vier Sätzen abgetan, manchmal sogar unscharf bis faktisch falsch dargestellt – Stephen Atkins schreibt schlicht dass "das deutsche Parlament” direkt nach dem Krieg Gesetze erlassen hätte die eine Holocaustleugnung erschweren. Welches deutsche Parlament? Welche Gesetze? Eine Fußnote enthält sein Absatz nicht, wodurch es mir schwer fällt sein Werk als Ganzes ernst zu nehmen.

Meine Arbeit ist nun unter dem enorm sperrigen Titel “Der Umgang mit der Leugnung des Massenmords an den Juden in der Nachkriegszeit”. Wenn mich jemand fragt sage ich allerdings “Der Umgang mit Holocaustleugnung nach 1945”. Das Problem an diesem Satz ist, dass der Begriff Holocaust zu dieser Zeit noch derart unverbreitet war, dass ich ihn schlicht für diesen Zeitabschnitt nicht verwenden kann. Nach 1945 war das der “Massenmord an den Juden”, selbst Völkermord war noch nicht gängig.

Mir geht es darum nachzuweisen dass es auch direkt nach 1945, abgesehen von den direkt Beschuldigten, in der Bundesrepublik eine Leugnung des Holocaust gab die sich weiterentwickelte, die wahrgenommen wurde und auf die reagiert wurde. Selbstredend geschah das nicht im Umfang der 1970er Jahre oder des Endes der 1980er, als das Problem drängend genug wurde dass die Leugnung ausdrücklicher Straftatbestand wurde – aber es gab sie, und es gab verschiedene gesellschaftliche, mediale, wissenschaftliche, politische und juristische Initiativen, um ihr zu begegnen. Zum Willen der Holocaustleugnung etwas zu entgegnen gehört die Erkenntnis, dass sie ein Problem darstellt. Wie es dazu kam, möchte ich noch herausfinden.

Den Zeitraum der Untersuchung habe ich auf 1945 bis 1960 eingegrenzt. 1945, genauer das Kriegsende, um damit ausdrücklich den eigentlichen Beginn der Leugnung herauszunehmen, nämlich die Zerstörung von Einrichtungen in Konzentrationslagern und die generelle Geheimhaltung des Völkermords. 1960, weil es eine Zäsur im deutschen Nachkriegsantisemitismus darstellt, begonnen mit der “Schmierwelle” ab Weihnachten 1959 und gefolgt von der Neufassung des Strafrechts zur Volksverhetzung, das eben diesen antisemitischen Ausfällen begegnen sollte. Die Arbeit fällt sozusagen in die zeitliche Leere der legislativen Auseinandersetzung mit Judenfeindschaft.

Ich gehe dabei so vor, dass ich zunächst auf die beginnende Wahrnehmung des Holocaust in der Nachkriegszeit eingehe, denn eine Leugnung macht nur dann Sinn wenn das zu Leugnende allgemein bekannt ist. Dazu gehört auch die Genese der übermächtigen Zahl “Sechs Millionen” und die, ich erwähnte es schon, sich wandelnden Namen für das Verbrechen. Den Hauptteil der Arbeit machen ausgewählte Beispiele von Holocaustleugnern aus, beginnend mit zwei französischen Pionieren, Maurice Bardèche und Paul Rassinier. Zu letzterem werde ich demnächst mehr schreiben. Ich möchte mich nicht besonders lange mit den Inhalten ihrer Schriften und Äußerungen aufhalten, denn mir geht es eher um die Reaktion der Öffentlichkeit – die Argumentationsweisen von Holocaustleugnern sind schon vielfach untersucht, analysiert und widerlegt worden. Ich werde also klassisch die Medien durchforsten, nach fachlichen Entgegnungen (Rassinier war beispielsweise Historiker) suchen, juristische Schritte ansehen, Urteilsbegründungen nachlesen. Und in Einschüben die gesetzgeberischen Initiativen, die es nicht ins StGB schafften, dazustellen.

Es ist noch viel zu tun. Ich bin zeitlich ungefähr bei der Hälfte meiner Zeit angelangt und habe ein knappes Siebtel der Arbeit fertig. Aber so lange ich es noch so spannend finde wie jetzt ist das überhaupt kein Problem.

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3 Kommentare

  1. Ein wirklich interessantes Thema! Vielleicht passt dazu auch die Kollektivschuldthese, die recht schnell nach Kriegsende aufkam (und nach meiner bisherigen Lektüre nach keine faktische Basis hatte, jedenfalls kam man unter den Alliierten wohl recht schnell von der Idee ab, allen Deutschen die Schuld am Krieg und den Verbrechen vorzuwerfen)? Ich denke, das ist ein Aspekt bzw. einer der Mechanismen, die der Leugnung eine Pforte öffnen.

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