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Vermittlungsformen: Der Nahostkonflikt-Comic

Es ist immer wieder erstaunlich, was für Ideen auf der Straße liegen. Im Sommer 2012 telefonierte ich mit meiner Schwester und sie äußerte den Wunsch, dass ich ihr einmal den Nahostkonflikt mit seinen historischen Wurzeln und Entwicklungen erkläre. Weil mir das Thema am Herzen liegt und ich mir in den letzten Jahren eine gewisse Expertise angelesen habe, habe ich diesen Wunsch nicht vergessen. Im Zuge der Weihnachtsgeschenkplanung griff ich es wieder auf. Nun wäre es relativ einfach gewesen, ihr ein Essay zu schreiben, irgendwo zwischen 10 und 100 Seiten, gestützt auf meine Literatur und Bibliotheksausleihen, die obligatorischen Wikipedia-Artikel und vielleicht einige aktuellere Blogposts. Das wäre allerdings auch langweilig gewesen.

Auf der Suche nach geeigneteren Vermittlungsformen erwog ich Dinge wie Filme (Die Source-Engine des Spiels Half-Life 2 bietet mittlerweile auch ein kostenloses Filmerstellungsprogramm, sogar Knet-Stop-Motion war Teil der Überlegung) oder ein Hörspiel (für das ich zwar die Hardware besitze, aber nicht genügend geübte Sprecher vor Ort habe). Dies alles erschien mir letzten Endes zu aufwändig.

Comics hingegen bieten den Vorteil ein thematisches Narrativ in mittlerweile etablierten Erzählstrukturen unterhaltsam, aber auch mit dem nötigen Ernst der Sache aufbereiten zu können. Mein Hauptproblem dabei war, dass ich ein legendär schlechter Zeichner bin. Wirklich. Ich kann nicht einmal freihändig einen Kreis malen, geschweige denn einen Menschen so, dass er irgendwie erkennbar ist.

Die Lösung bestand in Fotos, von denen ich mir sicher war, dass sie für den Nahostkonflikt, der ja oft auch eine Schlacht um Bilder ist, ausreichend vorhanden sein dürften. Allerdings soll ein Comic ja eine gewisse übergreifende Optik transportieren, weswegen die Bilder verfremdet werden sollten. Viel Geld hatte ich nicht zur Verfügung, deswegen sollten alle Arbeiten mit kostenloser Software zu erledigen sein.

Der Anfang bestand aus einem Storyboard, das ich in Word schrieb: Eine knappe Seite Fließtext bestand aus den Kernelementen des Konflikts mit seinen Akteuren und Entwicklungen. Darauf folgte die tatsächliche Story in einer Tabelle mit drei Spalten: Links einer Vorschau des verwendeten Bildes, mittig des Textes, der in Erzählkästen erscheinen sollte und rechts, falls nötig, wörtlicher Rede in den charakteristischen Sprechblasen. Auf diese verzichtete ich allerdings bis auf wenige Fälle weitgehend.

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Die Bilder suchte ich mir relativ frei aus dem Internet, wobei ich die Herkunft und Intention der Veröffentlichung beachtete. Bei älteren Bildern war die Rechtefrage durch Entnahme bei Wikipedia o.Ä. recht einfach, ab den 1950ern hingegen äußerst kompliziert – aufgrund der privaten Natur des Comics entschied ich mich, darauf keine Rücksicht zu nehmen. Genau dies ist aber der Grund dafür, dass es am Ende dieses Artikels keinen Download-Link geben wird.

Die Bilder wurden mit Adobe Photoshop verfremdet, von dem es eine 30 Tage lange, in den Funktionen unbeschränkte Testversion gibt. Bilder unter einer bestimmten Auflösung wurden zunächst vergrößert (Faustregel: 10cm Bildbreite bei 300 dpi), dann wurden die Filter “Tontrennung & Kantenbetonung” sowie danach “Farbpapier-Collage” angewendet. Dieser Prozess lässt sich in Photoshop für eine große Anzahl von Bildern automatisieren. Als Anschauungsobjekt nutze ich das Bild Clintons, Arafats und Rabins von 1993, das in der englischen Wikipedia unter Public Domain-Lizenz zu finden ist:

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Auf dem rechten Bild, das so auch in der Endfassung auftaucht, sind alle Akteure noch gut zu erkennen, allerdings ist das Bild ausreichend verfremdet um eine gemeinsamen Stil mit anderen Bildern, darunter Schwarzweiß-Aufnahmen und Zeichnungen, zu erzeugen.

Alle Bilder wurden nach der Umwandlung in die Software “Comic Life 2” eingebunden, von der es ebenfalls eine 30-Tage-Testversion zum freien Download gibt. Das Programm ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, es benutzt übermäßig viele Soundeffekte und wird ab einer gewissen Seitenzahl sehr langsam, so dass es ratsam ist, etwa alle 2-3 Seiten eine neue Datei anzulegen. Die tatsächliche Gestaltung des Comics¹ dauerte schließlich nur noch wenige Stunden, in denen es vor allem darum ging, die richtige Schriftgröße zu finden und die Textfelder so zu dimensionieren, dass unschöne Umbrüche und Verdeckungen von wichtigen Bildteilen vermieden wurden.

Die Gestaltung des eigentlichen Inhalts war eine Herausforderung, und zwar eine für mich völlig neuartige. Ich habe noch nie einen Comic konzipiert, ich habe sehr selten versucht, ein historisches Thema informativ-unterhaltsam aufzubereiten. Erstmals tat ich dies in einem Artikel über das Godesberger Programm vor drei Jahren, den wir nach der Einreichung noch ordentlich zusammenkürzten. Im Geschichtsstudium wird oft über die Kompetenz geredet, komplexe Sachverhalte vollständig, aber knapp darzustellen – die allgemeine Verständlichkeit bleibt dabei allerdings oft auf der Strecke.

In einem Comic, der den Betrachter und Leser aufmerksam halten soll, kommt es in erster Linie auf Kürzungen an, die oft auch weh tun. Die Erklärung des politischen Zionismus setzt eine knappe Geschichte des europäischen und weltweiten Antisemitismus voraus, die auf einer Entwicklung des Antijudaismus beruht, der wiederum seine Wurzeln in der Fremdenfeindlichkeit im Zuge der Diaspora, damit der Vertreibung der Juden aus Palästina und zuletzt in christlichem Judenhass hat. Wo zieht man hier die Grenze? Allein zum mittelalterlichen Antijudaismus in deutschsprachigen Gebieten könnte man wissenschaftliche Bibliotheken aufbauen. Letzten Endes blieb für die Geschichte von der Vertreibung der Juden im Römischen Reich bis zur Entstehung des modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert genau eine Seite mit sechs Bildern übrig. So sehr mich das Thema interessiert, es ist nicht das Kernelement des Textes.

Dazu kommt das der Vermittlungsform Comic inhärente Problem der Narration: Wo Bilder die Grundlage der Erzählung bilden, wird sie zwangsweise personenfixiert. Strukturen, langfristige Entwicklungen und wechselseitige Beziehungen lassen sich nur in begrenztem Maße textlos abbilden, sie sind auf Erklärungen und allgemein als bekannt vorauszusetzende Symbole und Ikonen angewiesen. Der absolute Antisemitismus des Dritten Reiches bedarf zur vollständigen Erläuterung eines umfangreichen Textes, wurde von mir im konkreten Fall aber mit zwei Sätzen sowie zwei Bildern aus Konzentrationslagern meiner Meinung nach ausreichend behandelt.

Noch schwieriger wurde es im Kernzeitraum von 1947 bis heute: Diplomatie, internationale Beziehungen und wirtschaftliche Entwicklungen lassen sich schwer in Bilder fassen, ohne auf die immer selben Pressefotos von händeschüttelnden Politikern zurückgreifen zu müssen – kriegerische Auseinandersetzungen finden ihr Abbild meist in Häuserruinen und Aufmärschen.

Als immer wieder auftauchendes Element fungieren dabei die Ikonen des Nahostkonfliktes – Bilder, die als allgemein bekannt und konnotiert vorausgesetzt werden können. Dazu gehören Fotografien der Geiselnehmer von München 1972 sowie von bekannten Protagonisten wie Arafat, Rabin und Netanyahu.

Ebenfalls kaum darstellbar sind Kontroversen der historisch-politischen Forschung, die es zu wohl jedem Element des Nahostkonflikts gibt. Ich habe mich bemüht, diesen so ausgewogen wie möglich darzustellen, habe weder die Opfer noch die Täter beider Seiten ausgelassen oder marginalisiert, aber am Ende bleibt doch meine eigene Deutung der Geschichte, die ebenso unperfekt ist wie 99,9% der Literatur zum Thema. Im Regal neben mir stehen nebeneinander “Israels Existenzkampf: Eine moralische Verteidigung seiner Kriege” von Yaacov Lozowick und “Die ethnische Säuberung Palästinas” von Ilan Pappe, die beide heftig gelobt und kritisiert werden – wer wäre ich, da einen absoluten Ausgewogenheits- und Neutralitätsanspruch formulieren zu können?

Am Ende stand die Erkenntnis, mir gleich als erstes eines der wohl schwierigsten historischen Themen für diese Vermittlungsform ausgesucht zu haben, ein wunderschönes gebundenes Buch² und große Freude bei der Beschenkten. Und die Erkenntnis, dass diese Form von Geschichtsvermittlung anscheinend eine gewisse Nachfrage bedienen könnte – aufgrund weniger Äußerungen, Posts und Tweets bekam ich bislang 17 Anfragen von Interessenten, die diesen Comic auch lesen wollten. Das Kernproblem bleibt hierbei aber die Rechtefrage: Wollte ein Verlag den Comic, wie er nun entstanden ist, drucken, müsste er sicher einen vier- bis fünfstelligen Betrag an Tantiemen an die Fotografen der zugrunde liegenden Fotos zahlen. Nötig wäre also ein fähiger Zeichner, der, durchaus auf der Grundlage existierender Fotos, Bilder erstellt, die ausreichend weit vom Original entfernt sind um keine Urheberrechte anderer zu berühren. Das ist nicht unmöglich, und mir fällt eine Vielzahl von historischen Komplexen ein, die man auf diese Weise aufbereiten könnte. Ich jedenfalls werde dies weiter im Auge behalten.

¹ Ich bin mir bewusst, dass Comic-Liebhaber das nicht so nennen würden.

² Das Buch habe ich letztlich bei sedruck.de drucken und binden lassen, die ich ohnehin, auch für Abschlussarbeiten und Buchgeschenke, nur empfehlen kann. Sie sind günstig, qualitativ hochwertig und unglaublich schnell. Zum Abschluss drei Fotos des fertigen Buches:

buch1 buch2 buch3

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1 Kommentar

  1. Zur Fußnote 1: Keine falsche Bescheidenheit. Sicher ist das ein Comic. Zwar ein Fumetti, aber auch Fumettis sind Comics.
    Und wenn du ca. 300 Jahre Zeit hast zeichne ich dir das Ding 😀

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