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Counter-Fact

Wie schon gesagt, wurde mein erster Impuls, Geschichte zu studieren, von Guido Knopps kontrafaktischem Film “Der Dritte Weltkrieg” ausgelöst. Dementsprechend hat mich das Genre der “kontrafaktischen Geschichte” immer fasziniert und mehr als einmal musste ich es gegenüber anderen (angehenden) Historikern verteidigen.

Kontrafaktische Geschichte betrachtet ein historisches Phänomen und ändert dann eine entscheidende Stelle. Und guckt dann, was sich alles ändert. Die am häufigsten geäußerten Kritikpunkte sind: Keinerlei relevante Erkenntnisse, leichte Unterhaltung statt Wissenschaft, Unmöglichkeit der Widerlegung von formulierten Thesen.

Nun offenbar vor allem das letzte Argument ein merkwürdiges Verständnis von moderner Wissenschaft, denn spätestens im ersten Semester lernt jeder, dass jede These nur so lange gilt, bis sie widerlegt wird. Im Umkehrschluss: Auch die Widerlegung gilt nur, bis sie wiederum falsifiziert wird. Und jedem, gerade in den Geisteswissenschaften, steht es frei, Widerlegungen nicht zu folgen. Der daraus entstehende Dissens macht diese Disziplinen eigentlich erst wirklich spannend. Auf gut deutsch: Wer eine kontrafaktische These nicht angreifen kann, der kann auch eine historische Interpretation nicht angreifen.

Natürlich kann sich nicht die gesamte Geschichtswissenschaft auf kontrafaktische Annahmen stürzen, weil dann der Kern des Faches vernachlässigt würde. Aber es gibt eben auch gute Gründe, kontrafaktisch zu arbeiten.

Da wäre zum einen das Studium. Lernende können mit kontrafaktischer Geschichte einen umfassenden Überblick über ein Thema erlangen, wichtige Analysetechniken lernen und das wichtigste überhaupt verinnerlichen: Geschichte nicht von ihrem Ende her denken.

Wer kontrafaktische Überlegungen aufstellt, muss zuallererst ein tiefes Verständnis von den Voraussetzungen und Vorgängen haben, die das historische Phänomen ausmachen. Es reicht nicht zu wissen was entschieden und wie reagiert wurde, man muss wissen, warum all das passiert ist – was die Optionen der Handelnden waren und warum sie sich letztendlich so entschieden haben, wie sie es taten. Das kann man (leider) oft nicht in Gänze der einschlägigen Literatur entnehmen, sondern muss es sich selbst erarbeiten  Wenn man dann den größtmöglichen Überblick hat, startet man beim selbst definierten Nullpunkt, von dem aus sich die Geschichte anders entwickelt und entwickeln kann. Dabei ist klar: Jede Entscheidung, die im Laufe der kontrafaktischen Erzählung getroffen wird, mündet in neue Möglichkeiten, zwischen denen der Schreiber entscheiden muss – Alexander Demandt nennt das einen “Entscheidungsbaum”.

Dabei ist auch klar: Je weiter das veränderte Ereignis zurückliegt, desto spekulativer und fantastischer wird die Auswirkungsnarration. Ein Bonner Althistoriker formulierte einmal in einer Vorlesung flapsig, hätte Cäsar nach der Eroberung Britanniens doch noch nach Irland übergesetzt, würde die Welt heute nicht mehr existieren. Und zwar, weil Irland dann vom befreiten Britannien nicht unterdrückt worden wäre, die Große Hungersnot von 1845 bis 1849 wäre glimpflicher ausgegangen, die Familie Kennedy wäre nicht in die USA ausgewandert, John F. Kennedy wäre nie Präsident geworden und Richard Nixon als zum Jähzorn neigender Politiker hätte die Kubakrise nicht so besonnen beigelegt, es wäre zu seinem Atomkrieg gekommen.

Das nur als Beispiel für kontrafaktische Geschichte mit ihren Vor- und Nachteilen. Man kann zu völlig unwahrscheinlichen Ergebnissen kommen, quer durch die Welt springen und große Geschichtsbögen spannen. Und man kann sich in allzu plakativen Spekulationen verirren, nur um eine schöne Punchline zu haben. Dies gilt es zu verhindern. In Zukunft werde ich hier ein paar solche Gedankenexperimente unterbringen, um besagte Fähigkeiten zu trainieren.

Weiterlesen:

DEMANDT, Alexander, Ungeschehene Geschichte. Ein Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn..?, Göttingen 1986.