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Ein Satz, ein Anfang (2)

(Teil 1)

Als Nächstes stellt sich die Frage nach dem Warum. Dass der König Urheber der Vertreibung war, ist unzweifelhaft, so weit kann man den Annalen glauben. Aber Gründe oder Anlässe werden eben nicht genannt. Heinrichs Herrschaft war sakral geprägt, alle bisherigen Angriffe auf jüdische Bevölkerungsteile religiös motiviert – man darf also davon ausgehen, dass auch hier religiöse Gründe ausschlaggebend waren. Und dadurch kommt ein auf den ersten Blick kaum passender Zusammenhang zustande.

Der Bischof Alduin von Limoges verfolgte die Juden seines Herrschaftsbereiches nämlich nahezu zeitgleich mit Heinrich in Mainz und begründete sein Vorgehen mit Nachrichten, die Europa aus Jerusalem erreichten: Demnach hätten Juden dort Sarazenen zur Gewalt angestiftet, woraufhin diese das Grab Christi zerstört hätten – ein klassisches Element des christlichen Antijudaismus. Durchaus wahrscheinlich, dass die Nachricht kurz vor Weihnachten auch Heinrich in Mainz erreichte.

Ein entscheidender Riss im christlich-jüdischen Verhältnis in Heinrichs Amtszeit ergab sich aber schon früher, im Jahr 1006, als der bedeutende Geistliche Wecelin zum Judentum konvertierte.  Wecelin, Kaplan des Kärntener Herzogs (aber vermutlich damals wohnhaft in der Gegend zwischen Worms und Mainz), trat aber nicht nur über, sondern veröffentlichte zeitgleich einen Brief, in dem er nach den Worten Alperts von Metz “Christus und die feste Stütze seiner heiligen Kirche anzugreifen” wagte. Wecelin dürfte also, obwohl der Inhalt des Briefes nicht erhalten ist, einen Frontalangriff gegen die theologischen Fundamente des Christentums unternommen haben. König Heinrich nahm diesen Vorgang so ernst, dass er seinen engsten Hofgeistlichen beauftragte, ein Gegengutachten zu erstellen. In Zusammenhang mit den Berichten über die Grabzerstörung könnte Heinrich eine jüdische Bedrohung seines christlichen Königtums wahrgenommen haben. Dazu passt, dass an anderer Stelle der Quedlinburger Annalen erwähnt wird, dass im selben Jahr in Mainz “der Wahnsinn von Häretikern” widerlegt worden. Der Gedanke liegt nahe, dass damit Wecelin gemeint war.

In Sachen Quellenaufkommen ist in diesem Fall nichts ergiebiger und unzuverlässiger als die Quellen der Mainzer Juden selbst. Erhalten sind nämlich naturgemäß fast ausschließlich sakrale Texte, Lieder, Gutachten des Rabbiners Gerschom ben Jehuda. Dessen Schilderungen entstammen Klageliedern und Gedichten, die jüdische Erfahrungen von Tempelzerstörung und Diaspora mit aktuelleren Geschehnissen der Gemeinde verbinden. Da diese Eindrücke nicht mehr auseinanderzudividieren sind, haben einige Historiker die Quellen als völlig unbrauchbar eingeordnet. Mir geht ein solcher Schnitt zu weit. Gerschom ben Jehuda hat nahezu sein gesamtes Leben in Mainz verbracht, es wäre naiv zu glauben dass er eine so einschneidende Erfahrung wie die Vertreibung nicht in Klageliedform verarbeitet.

Sie drängen Deine Geliebten, abzugehen von Deiner Verordnung, in der Erwartung, daß wir zur Zeit der Not Deine Herrlichkeit vertauschen werden […] Sie verboten uns, Dich, o Herr, anzurufen […] Dein Wort sollten wir verachten und Dich schmähen […] Raub und Plünderung beschäftigten ihre Hände, Vertilgen und Vernichten war der Ausspruch ihrer Lippen […] Mein Zelt ist zerstört, und alle Bande sind zerrissen, fortgezerrt sind meine Kinder, […] weit entfernt von ihrem Gotte

Hier sind verschiedene Elemente jüdischer Verfolgung ablesbar. Die Vertreibung, die Zwangstaufe, das Verbot der Religionsausübung, Gewalt und Zerstörung und ganz deutlich auch die Entführung der Kinder, die in christlichen Familien zwangskonvertiert wurden.

Doch schon im Januar 1013 durften die Juden nach Mainz zurückkehren. Eine auf den 30. des Monats datierte Neuausstellung der Heiratsurkunde ben Jehudas bestätigt die Rückkehr ebenso wie die Wiederaufnahme jüdischer Bräuche. Dennoch hatte die Vertreibung tiefe Spuren in der jüdischen Gemeinde hinterlassen. Gerschom ben Jehuda selbst trauerte um seinen Sohn, der zwangsgetauft wurde und unter nicht näher bekannten Umständen starb, bevor er wieder zum Judentum zurückkehren konnte. Und der Rabbi selbst erließ eine Handlungsanweisung für seine Gemeinde, nach der keiner der Zwangsgetauften jemals wieder durch Erinnerung an dieses Ereignis beschämt werden dürfe.

Mehr ist aus diesem einen Satz nicht herauszuholen. Er ist auch nur schwer in einen Gesamtkontext der mittelalterlichen Geschichte der Judenverfolgung einzubetten, weil dieses Ereignis so für sich steht, in Sachen Zeit und Begründung. Warum niemand sonst von der Vertreibung berichtet, ist schlicht nicht herauszufinden. Vielleicht gab es ja sogar Annalisten, die viel ausführlicher berichteten, und deren Schriftstücke irgendwann zwischen damals und heute im Müll landeten. Wir werden es nie erfahren, und am Ende ist es wahrscheinlich irrelevant. So wie die Studien über Bierflaschenschnellleerung.

Weiterlesen:

GERLACH, Wolfgang, Auf daß sie Christen werden. Siebzehnhundert Jahre christlicher Antijudaismus, in: Braun, Christina von, Wolfgang Gerlach (Hrsg.), Der ewige Judenhaß. Christlicher Antijudaismus, deutschnationale Judenfeindlichkeit, rassistischer Antisemitismus (Studien zur Geistesgeschichte 12), Stuttgart 1990, S. 11-69.

LOTTER, Friedrich, Die Vertreibung der Juden aus Mainz um 1012 und der antijüdische Traktat des Hofgeistlichen Heinrich, in: Burgard, Friedhelm (Hrsg.), Judenvertreibungen in Mittelalter und früher Neuzeit (Forschungen zur Geschichte der Juden 9), Hannover 1999, S. 37-74.

SCHÜTZ, Friedrich, Die Geschichte des Mainzer Judenviertels, in: Matheus, Michael (Hrsg.), Juden in Deutschland (Mainzer Vorträge 1), Stuttgart 1995, S. 33-60.

TYKOCINSKI, Haim, Die Verfolgung der Juden in Mainz im Jahre 1012, in: Vorstand der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums (Hrsg.), Festschrift zum siebzigsten Geburtstage Martin Philippsons, Leipzig 1916, S. 1-5.

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1 Kommentar

  1. Mary Ferguson

    Wenn mein Sohn irgendwann gefragt wird, ob und wieso er einer Konfession angehört, möchte ich einfach nur, dass er aus Überzeugung und selbstbewusst darauf antworten kann, ganz gleich wie auch immer er seine Entscheidung getroffen hat!

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