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Ein Satz, ein Anfang

Eine der Sachen, die man im Laufe eines Studiums lernt, ist, dass man über alles schreiben kann, wenn man denn will. Diese Regel gilt für jede Form der Arbeit (Hausarbeit, Abschlussarbeit, Dissertation, Aufsatz) und für jedes Fach. Nicht nur wir Geisteswissenschaftler machen komische Sachen, die Physiker berechnen auch mal, wie man eine Bierflasche schnellstmöglich leerbekommt.

Wenn ich mit Menschen über dieses Thema rede, erwähne ich gerne meine einzige Hausarbeit, die ich je über ein Thema des Mittelalters geschrieben habe. 15 Seiten über einen Satz. Denn es gibt nur eine Quelle für die Vertreibung der Juden aus Mainz im Jahre 1012, also, wie mir gerade bewusst wird, vor genau 1000 Jahren. Nirgendwo außer in den Quedlinburger Annalen, die in Dresden aufbewahrt werden, findet sich ein zugkräftiger Hinweis.

Expulsio Iudaeorum facta est a rege in Moguntia.

Mehr geben die Annalen nicht her. Keinen Kontext, keine Begründung, keine Erklärungen darüber, wie es mit den Juden weiterging, die ihre Heimatstadt Mainz verlassen mussten. Spannend genug ist es dennoch.

Denn bis dahin gab es zwar immer mal wieder kleine Spannungen zwischen der christlichen Bevölkerung und jüdischen Minderheiten, aber eigentlich standen die großen Pogrome und Verfolgungswellen noch bevor. Erst ab 1096, im Verlauf der Kreuzzüge und den nachfolgenden europäischen Krisen wurden die Juden zu den Sündenböcken, die sie, in verschiedensten Ausformungen, in vielen Teilen der Welt bis heute sind.

Es sind also viele Fragen zu klären. Warum vertrieb der König die Juden? Wann durften sie zurückkehren? Welche Spuren hat diese Vertreibung in der jüdischen Gemeinde von Mainz hinterlassen? Und warum berichtet außer den Quedlinburger Annalisten niemand von diesem bis dahin so ungewöhnlichen Vorgang? Spätere Vertreibungen sind ungleich besser dokumentiert.

Es ist nicht genau herauszufinden, seit wann es eine jüdische Gemeinde in Mainz gibt. Einige Quellen sprechen vom Ende des 9. Jahrhunderts, lassen aber keinen sicheren geografischen Bezug zur Stadt zu. Genauer wird es da schon im Jahr 937: Friedrich wurde Erzbischof von Mainz und fragte den Papst, wie denn mit den Juden umzugehen sei: Sie zwangsweise zu taufen oder sie zu vertreiben? Papst Leo VII. antwortete eindeutig: Die Juden seien zu missionieren, Zwangstaufen seien abzulehnen, bei allzu renitentem Widerstand gegen die Mission seien Vertreibungen legitim. Friedrich hätte sich mit dieser Frage wohl kaum an den Papst gewendet, wenn es in seiner Stadt nicht Juden in relevanter Zahl gegeben hätte. Dazu passt auch, dass die ältesten noch erhaltenen Grabsteine auf dem Mainzer Judensand von Beginn des 11. Jahrhunderts stammen. Dass sie die ersten sind, die dort gesetzt wurden, ist unwahrscheinlich. Und wer um 1000 starb, konnte schon zu Lebzeiten Friedrichs Mitglied der Gemeinde gewesen sein.

Wie schon gesagt, war das Verhältnis zwischen Christen und Juden im Reich vor 1012 von gewisser Toleranz geprägt. Einigen antijüdischen Vordenkern wie Erzbischof Agobard von Lyon war es gar so tolerant, dass er sich beim Kaiser erfolglos darüber beschwerte. Dieses Muster war bezeichnend für das 10. Jahrhundert: Die weltlichen Herrscher waren den Juden durchaus wohlgesonnen und erlaubten ihnen ein Leben nach ihren Vorstellungen, die Kirche dagegen konnte sich mit den Fehlgläubigen nicht abfinden. So entstand ein latentes Konfliktpotenzial, das, untermauert von antjüdischen Traktaten, schnell zu Gewalt führen konnte.

Nun sitzen wir gedanklich im Jahr 1012, wir haben zweifelsfrei eine jüdische Gemeinde mit eigenem Friedhof in Mainz, und dann steht da dieser eine Satz, der wörtlich nur unzureichend mit “Juden wurden vom König in Mainz vertrieben” zu übersetzen ist. Wichtig aber ist: Mehr Informationen gibt es nicht. Und es fehlt ein Numeral, also eine quantitative Bestimmung der Gruppe der Juden. Rein am Text könnte es auch sein, dass nur eine Familie vertrieben wurde, die Sprache gäbe eine solche Interpretation jedenfalls her, auch wenn sie unrealistisch ist.
Die erste Frage, die natürlich zu beantworten ist, ist das “Wann”. 1012 war ein Jahr, also eine ganz schön lange Zeit. Die Antwort gibt der Reiseweg des Königs. Heinrich war am 11. November in Koblenz und reiste danach über Mainz nach Pöhlde, wo er Weihnachten feierte. Insgesamt legte er so zwischen Mitte November und Ende Dezember über 300 Kilometer zurück, allein ca. 260 Kilometer von Mainz nach Pöhlde. Wollte er rechtzeitig zu Weihnachten ankommen, musste er also spätestens am 18. Dezember in Mainz aufbrechen. Rechnen wir zwei Tage für die Reise von Koblenz nach Mainz, muss die Vertreibung zwischen dem 14. November und dem 17. Dezember angeordnet worden sein.

Ist der Zeitraum einmal so eingegrenzt, lässt sich das Vorgehen, die Auswirkungen und die Reaktion der Mainzer Juden genauer herausarbeiten. Dazu mehr morgen.

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1 Kommentar

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