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Undichte Stellungen

Eigentlich ist zu Wikileaks im Grundsatz alles gesagt – auch wenn Spiegel Online im Stundentakt angebliche Neuheiten aus den US-Cables raushaut, um den Buzz nicht verstummen zu lassen. Spannend sind nur die verschiedenen Wege, der Seite das Leben schwer zu machen – DDOS-Attacken, DNS-Löschungen, Paypal-Sperren, Schweizer Kontoauflösungen.

Allerdings bin ich da relativ gelassen. Ich glaube nicht, dass die DDOS-Attacken von der CIA gestartet wurden (die haben sicher andere Möglichkeiten), ich glaube nicht dass Paypal und co. von Obama gesteuert werden. Ich glaube, dass die Firmen, Anbieter, Banken im Zuge dieses Rampenlichtes kalte Füße bekommen und mal überprüfen, was da alles passiert. Ich werde Amazon und Paypal auch nicht deswegen boykottieren.

Bezüglich Wikileaks dagegen sind meine Sympathien geschwunden. Ich fand die Seite früher hochspannend. Ich habe in die Toll Collect-Verträge geguckt, in die Bilderberg-Konferenzberichte und so weiter. Das “Collateral Murder”-Video zu veröffentlichen war eine Großtat, aber da fing es schon an: Wikileaks war nicht mehr die Plattform, um Geheimes zu veröffentlichen, Wikileaks war der Richter, der schon im Namen seiner Publikation klarmachte, was man da anscheinend sah. In späteren Veröffentlichungen wurden Namen von Informanten nicht geschwärzt, so dass sie sicher eine deutlich härtere Zeit zu erwarten hatten als Julian Assange jetzt und in Zukunft. Selbst wenn er verhaftet werden sollte, würden solche Informanten aus Afghanistan immer noch gerne mit ihm tauschen.

Bei den Cables verhält es sich nochmal anders: Hier geht es nicht um sensible Informationen, sondern um schiere Masse, um den Druck, an der obersten Oberfläche zu bleiben. Mein Verständnis eines Whistleblowers ist das eines Insiders, der mit Dingen, die bisher nicht bekannt sind, so nicht mehr umgehen kann. Dessen eigene moralische Maßstäbe so unter Druck sind, dass er meint, Besserung nur durch Veröffentlichung erreichen zu können. So beim “Collateral Murder”-Video, so früher bei den Pentagon Papers. Die Cables wurden in niemandem überblickbaren Massen heruntergeladen, gespeichert, weitergegeben und veröffentlicht. 50 Spiegel-Leute haben fünf Monate daran gearbeitet und hauptsächlich herausgefunden: US-Botschaftsmitarbeiter reden über deutsche Politiker, und das nicht immer nett, aber meistens auf Linie deutscher Massenmedien. Das hat nichts mit moralischem Druck auf den Whistleblower zu tun. Hier wird nur die Möglichkeit genutzt, die sich bietet – für mich nur mit dem Wort “Geltungsbedürfnis” erklärbar.

Sicher erfahren wir aus den Cables auch interessante Dinge, wenn wir nicht nur dem Spiegel zuhören: Was arabische Staaten über Iran denken, zum Beispiel. Wie die USA mit Nordkorea umgehen. Aber das alles erzeugt keinen solchen individuellen Druck, als dass es eine Veröffentlichung und so ein Buhei rechtfertigen würde – zumal der Begriff “Geheimnis” ja schwierig ist, wenn offenbar über zwei Millionen Amerikaner auf die Dokumente zugreifen konnten.

Die neuen Veröffentlichungen sind nichts weiter als ein Mittelfinger an die USA, auf dem steht “Wir können das, und wir machen es.” Solidaritätsbekundungen sind da sicher schon einkalkuliert. Und über allem steht, redet und chattet Julian Assange, dessen mediales Bild einem Getriebenen ähnelt, einem, der für die Vision einer transparenten Welt persönliche Opfer bringt. Über Bradley Manning redet dabei kaum jemand und über die zahllosen Menschen, deren durchaus ehrenwerte Arbeit massiv erschwert wird, auch nicht.

Ich spende nicht für Wikileaks, ich stelle keinen Webspace zur Verfügung. Wikileaks war mal gestartet mit der Hoffnung, dass es bald hunderte Wikileaks gibt. In der derzeitigen “Firmenstrategie” sieht das sicherlich fürchterlich anders aus. Dinge wie der Toll Collect-Vertrag würden heute wohl kaum noch dort veröffentlicht, sie haben keine Weltrelevanz. Und nur da will Assange hin.

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